Trauffer fühlt sich missverstanden

Mit seinem Heimat-Pop füllt er Eisstadien und Viehhallen. Das urbane Volk rümpft die Nase. Warum nur?

«Ich bin nicht rechts»: Marc Trauffer zelebriert in seinen Liedern die Heimat – und eckt an. Fotos: Ruben Wyttenbach

«Ich bin nicht rechts»: Marc Trauffer zelebriert in seinen Liedern die Heimat – und eckt an. Fotos: Ruben Wyttenbach

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Es flackert das Licht. Es flattern die Fahnen. Es jodelt und orgelt und juchzt. Dann schwingt vorne auf der Bühne die Türe eines putzigen Chalets auf. Heraus tritt Trauffer, der Alpentainer, so nennt er sich, und in der Sagibachhalle von Wichtrach BE geht ein Krach los, als wären grad die Beatles eingetroffen.

Die 4400 Besucher im ausverkauften Eisstadion – Frauen in Dirndln, Männer in Edelweisshemden, Rocker, Rentner, Familien – eskalieren dann noch viel mehr, als die Band einbiegt zum ersten Refrain und der Trauffer, einen Wanderstock in der Hand und ein hölzernes Älplergestell auf dem Rücken, sich vorstellt: «I bi dä . . . mit de Chüeh.»

Als wäre es nötig. Ende Jahr widmete ihm SRF einen bildmächtigen 90-Minuten-Dokfilm, mit Ausstrahlung zur besten Sendezeit. Sein sechstes Album «Schnupf, Schnaps + Edelwyss» steht seit über drei Monaten auf den vordersten Rängen der Hitparade. Trauffer, der Alpentainer, der Musiker aus Brienz, ist inzwischen grösser als seine Vorbilder Patent Ochsner, grösser als Rapper Bligg, ja, sogar grösser als Schlagerstar Beatrice Egli.

Drei Sattelschlepper für die Show

Und Szenen wie in Wichtrach spielen sich derzeit jedes Wochenende in diesem Land ab. Trauffer spielt diesen Frühling knapp 20 Shows.

Er ist unterwegs mit drei Sattelschleppern und 100 Leuten in der Crew. Er füllt Eisstadien und Viehhallen mit links. Muss teils kurzfristig Zusatzkonzerte ansetzen. Hat für diese Tour schon bald 60'000 Tickets verkauft. Macht von März bis Mai locker einen Umsatz von geschätzten 5 Millionen Franken, nur mit dem Livegeschäft. Krise der Musikindustrie? Nicht für ihn.

All das schafft er, ohne ein einziges Mal in einer grösseren Metropole haltzumachen. Zürich, Basel, Bern, Winterthur, Luzern, St. Gallen: Existieren nicht auf Trauffers Landkarte. Das Territorium des Alpentainers befindet sich in den Zwischenräumen. In Wattwil, Bülach, Lyss, Brunegg, Sargans und Langnau. Man kann sagen, dass sich an ihm die Tiefe des Stadt-Land-Grabens zeigt. Hier die rurale Schweiz, die ihn liebt und wie einen Helden feiert. Da das urbane Volk, das ihn so lange ignorierte wie möglich und jetzt, wo das nicht mehr geht, die Nase rümpft. Trauffer ist ein Symbol geworden für diese Zerrissenheit des Landes.

Wer ihn darauf anspricht, muss sich in Acht nehmen. Marc Trauffer, 38, gelernter Maurer, geschieden und zweifacher Vater, reagiert giftig auf solche Theorien. Zu oft hat er die Erfahrung gemacht, dass sie unter dem Strich einfach auf eine Verunglimpfung hinauslaufen. Trauffer, der Schlagerfuzzi, der Heimatmusikant, der Barde der SVP-Schweiz.

«Ich mache viel mehr für die Gesellschaft als jene, die im Wollpullover Gitarre spielen, sich aber keinen Kaffee leisten können.»Marc Trauffer

Einige Tage vor dem Konzert in Wichtrach steht er in seiner Sägerei in Hofstetten bei Brienz und erklärt eine Schleifmaschine. Trauffer trägt eine absurd grosse Armbanduhr, gekauft im Diesel-Store in Dubai, und es ist auch sonst relativ klar, wer hier der Chef ist. Nämlich er.

Mit der Trauffer Holzspielwaren AG bedient er die weltweite Nachfrage nach geschnitzten Holzkühen. Der Grossvater hatte den Prototyp 1938 entworfen, der Vater und der Onkel hatten die Schreinerei zuletzt nur noch mit Mühe über Wasser halten können, 2011 kaufte Trauffer ihnen die Bude ab. Obwohl es eigentlich das Letzte war, was er wollte. «Arschlöchli bohren, habe ich dem Vater immer gesagt, das könne er dann grad vergessen, das mache ich nie», sagt Trauffer.

Er machte es dann doch, ist schliesslich ein wichtiger Arbeitsschritt beim Kuhschnitzen, aber nicht lange. Das Marketing sagte ihm besser zu, kaum hatte er dort angefangen seine Holzkühe in Katalogen und Internet zu bewerben, hob das Geschäft ab. Aber so richtig. Trauffer hat aus seinen Kühen eine Marke gemacht. «In den ersten Jahren, etwa bis 2015, wuchsen wir gschtört. Jetzt können wir es besser kontrollieren», sagt er.

Der Heimatunternehmer: Trauffer in der seiner Holzspielwaren Firma in Hofstetten bei Brienz.

Heute beschäftigt die Firma rund 70 Menschen. Darunter viele Personen ohne Ausbildung, Menschen mit psychischen Problemen, Ausländer, Mütter, die die Haushaltskasse mit Heimarbeit aufbessern. An sie denkt Trauffer, wenn es wieder irgendwo heisst, er sei ein SVP-Rocker. «Ich mache viel mehr für die Gesellschaft als jene, die im Wollpullover Gitarre spielen, sich aber keinen Kaffee leisten können.» Wegen seiner Angestellten mit ihren kleinen Einkommen und noch kleineren Renten habe er sich im letzten Herbst auch für die Altersreform von SP-Bundesrat Alain Berset engagiert. Die No-Billag-Initiative habe er auch abgelehnt. Und von 2003 bis 2014 sei er elf Jahre lang in der Gemeindepolitik tätig gewesen, als Parteiloser.

«Ich bin nicht rechts», sagt Trauffer. Er mache einfach, was die Leute verlangten. Im Geschäft schöne Holzspielwaren, in der Musik gute Unterhaltung. Er sei kein Künstler, der nachts nach zwei Flaschen Rotwein irgendwelche Lieder schreibe. «Ich bin Unterhalter, das ist meine Passion, darin bin ich auch verdammt gut, und das ist auch das, wo ich finde, dort werde ich am meisten Missverstanden.»

Die Frage ist nur, ob er diese Missverständnisse nicht auch in Kauf nimmt, ja, sie sucht. Zwar findet sich bei ihm, anders als etwa bei Gölä, tatsächlich kein Gepolter gegen die in Bern oben. Trauffers Geschichten spielen gewissermassen in einem vorpolitischen Raum, in einer Sennenschweiz, in der die SVP noch gar nicht existiert. Aber Trauffers Heimatsymbolik provoziert – und erst recht sein Geschlechterverständnis.

Der zotige Schnupfspruch

In der Sagibachhalle Wichtrach zum Beispiel ist nach einer guten Konzertstunde der Moment gekommen für eine Runde Schnupftabak. Der Alpentainer hat auch einen schönen Spruch auf Lager: «Lieber es schöns Guschti im Stall aus e blödi Chueh im Näscht. Priis!» Und während das Publikum brüllt vor Lachen, schiebt er rasch ein «Meine Fresse» nach, das wahrscheinlich sagen soll: läck, wie blöd ist dieser Spruch denn!, aber hören tut das wohl kaum mehr jemand.

Hingegen erinnert man sich an die Adventszeit. Damals ist der Videoclip zu Trauffers Single «Geissepeter» erschienen: Ein frivoles Heidi im Dirndl bäckt Kuchen und lupft ihr Röckli und knüpft ihre Bluse auf und tut alles, nur um ihn, den Trauffer, ins Bett zu kriegen. «Sexistische Kackscheisse», sagte TV-Frau Gülsha Adilji. Die Empörungswelle ging hoch und höher. Wochenlang #MeToo im Alpenland.

Die Sache steckt Trauffer noch heute in den Knochen. Für ihn ist klar: Missverständnis, alles andere als Absicht. «Ich fördere Frauen, wo ich nur kann – in meinem Unternehmen, in meiner Musikkarriere.» Und: «Dass jemand findet, ein tätowiertes Heidi sei sexistisch? Sorry zämä, dann kann man jedes Oktoberfest verbieten.» Aber das sei halt grad Mode, überall den Sexismus festzustellen, und beim «Geissepeter» habe es diese Überschneidung zwischen #MeToo und seiner Person, die bis aufs Letzte provoziert, gegeben. Verständnis für die Debatte um seinen Song? Kennt er nicht – «aber ich muss es auch nicht verstehen». Nichts anderes als überzeichnete Unterhaltung sei dieser Song, «und das ist das Einzige, was dahintersteckt».

«Unser Schweizer Kreuz gehört doch nicht einfach der SVP, verdammt, nein.»Marc Trauffer

Trauffer glaubt und meint das, was er sagt. Denn naiv kann einer wie dieser unternehmerisch denkende Entertainer doch gar nicht sein. «Ich bin hier zu Hause, und ich verbringe die meiste Zeit hier. Hier siehst du Berge, Schnee, See und Wälder, das ist meine Realität.» Und genau dies besinge er. Er könne ja auch nichts dafür, dass die linken Parteien der SVP das Alpenbild überliessen. «Unsere Schweiz, unser Schweizer Kreuz, unsere Alpenlandschaft gehört doch nicht einfach der SVP, gehört doch nicht Christoph Blocher, verdammt, nein. Das gehört doch allen.»

Dann schaut Trauffer im Showroom seiner Sägerei auf seine Diesel-Uhr aus Dubai und weist den Gästen den Weg durchs Dorf zur Bushaltestelle, wo jetzt dann gleich das Postauto vom benachbarten Freilichtmuseum Ballenberg zurück nach Brienz eintreffen müsste. Trauffer winkt zum Abschied.

Aber ganz aufgegeben hat er die Städte noch nicht. Im November will er schaffen, was vor ihm erst drei Schweizer Künstlern gelungen ist: in einem ausverkauften Hallenstadion auftreten. Ein Sattelschlepper, der vor der Wichtracher Halle parkiert ist, bewirbt in bester Billboard-Manier die Show. Es ist seine letzte vor einer längeren Pause. Trauffer zählt auf seine Fans: «Lasst mich nicht hängen», ruft er am späten Samstagabend in die Wichtracher Sagibachhalle. «Kommt im November nach Zürich. Dann zeigen wir den Zürchern mal, was eine richtige Alpenparty ist!»

Nächstes Konzert: 9. Mai in Bülach (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2018, 12:59 Uhr

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