Zum Hauptinhalt springen

Stiller Has verstummt

Endo Anaconda begräbt nach 31 Jahren sein Projekt Stiller Has. Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee. Ein Nachruf auf die Band, welche die Schweiz zum Staunen brachte.

«Ich habe immer die ganze Lächerlichkeit auf mich genommen, um den Leuten zu helfen, über sich selber zu lachen», sagt Hasen-Oberhaupt Endo Anaconda.
«Ich habe immer die ganze Lächerlichkeit auf mich genommen, um den Leuten zu helfen, über sich selber zu lachen», sagt Hasen-Oberhaupt Endo Anaconda.
Adrian Moser

Als Endo Anaconda 1989 zusammen mit seinem musikalischen Gespielen Balts Nill die Bühne der Berner Reitschule besteigt, erntet er skeptische Blicke, ja es besteht sogar die Gefahr, dass da bald der eine oder andere Bierbecher in Richtung Bühne geworfen wird. Endo spottet in seinem schlecht sitzenden Anzug und seinen hellen Bundfaltenhosen visuell so ziemlich allem, was gerade für schick und hipp gehalten wird – und der grandios-quirlige Balts Nill sieht aus, als sei er der Dimitri-Schule entflohen.

Es ist die Zeit, in welcher der Musikkosmos noch streng in eine Ober- und in eine Unterwelt unterteilt ist. Oben wird Lambada getanzt und Phil Collins gehört, unten in der Subkultur hüpft man zu De La Soul und taumelt zu Einstürzenden Neubauten oder zu Napalm Death. Doch dieser Endo Anaconda scheint aus einer Zwischenwelt zu stammen. Er ist gekleidet wie David Hasselhoff, agiert aber wie ein rätselhafter Dadaist.

Heiterer Fatalismus

1989 war das Gründungsjahr des Projekts Stiller Has. Eine Kassette wurde veröffentlicht, erste Konzerte wurden gespielt, und bald war die merkwürdige Band in aller Munde. Mal klang das nach Blues, wie er von den Baumwollpflückern ums Mississippi-Delta so eher nicht angedacht war, mal nach Kleinkunst-Rock’n’Roll oder nach surrealistischem Gedichtvortrag. Doch es tönte garantiert nach nichts, was Ende der Achtzigerjahre irgendeine Jugendkultur zum Ausflippen gebracht hätte.

«Was wollte ich mit Jugendkulturen, ich war damals schon weit über dreissig», brummt derselbe Endo Anaconda drei Dekaden später im Fumoir des Schweizerhofs ins Mikrofon des Aufzeichnungsgeräts. Er sieht gesünder aus als auch schon, ist vom Schwer- ins Halbschwergewicht abgerutscht, und doch hat sich da ein Leben in sein Gesicht eingefurcht, das sich eher selten entlang der Sonnenhänge abgespielt hat.

Viel zu lesen war in letzter Zeit darüber. Über seine Rauschgifte, seine Jugend im katholischen Internat, die Heimatlosigkeit des in Österreich aufgewachsenen Berners, sein lustvolles Spiel mit der Gefahr. Doch so finster die Materie, so heiter ist der Fatalismus, der ihn immer wieder erfasst, wenn er darüber berichtet. Er habe das ja alles nicht erzählt, um eine Lebensbeichte abzulegen oder gar um Mitleid zu erheischen. «Ich wünschte mir viel mehr eine #MeToo-Bewegung der Ehrlichkeit, dass all die Figuren in unseren Chefetagen gestehen, dass sie dem heutigen Leistungsdruck ohne Medikamente oder Drogen nicht standhalten würden. Mein Drogen-Bekanntenkreis reicht übrigens bis ins Bundeshaus.»

Der Grobschlächterpoet

Von Leistungsdruck war noch nicht viel zu spüren, als Stiller Has Anfang Neunzigerjahre ganz allmählich zur Eroberung der Schweiz ansetzte. Akzeptiert seien sie zunächst nirgends gewesen, sagt Endo, mit Berner Rock im Stile eines Polo Hofer habe er überhaupt nichts am Hut gehabt. Er wollte Geschichten erzählen, mit Worten verwirren, Sprache verrenken, bewegen. Und das tat er nach Leibeskräften.

Während die Berner Mundarthäuptlinge Oden auf die Alpenflora oder auf Oberländer Bergseen dichteten, tönte es bei Stiller Has so: «Ich will dein Wildschwein sein / dein Ringelnatz im Eichelhain / dein Zungenschneck / dein Dattelzeck / dein Nuschelpfund / dein Kuschelgrund». Dazu kesselte das Rudimentärschlagzeug, prustete die DDR-Heimorgel, schnaufte das Akkordeon, und wenn das nicht reichte, schleppte der Gitarrist Schifer Schafer ein ganzes Unheilsarmee-Orchester ins Studio.

Endo Anaconda ist ein geistreicher Gesprächspartner. (Foto: Adrian Moser)
Endo Anaconda ist ein geistreicher Gesprächspartner. (Foto: Adrian Moser)

Endo Anaconda gab dazu den Schimpfer, den Wetterer, den schrulligen Volkstümler, den Grobschlächterpoeten, der sein Land mit einer Mischung aus Bitterkeit und Galgenhumor abtastete, der schallende Ohrfeigen mit schallendem Gelächter verteilte, dem aber auch immer wieder Zeilen für die Ewigkeit gelangen. Das Album «Chole» aus dem Jahr 1998 eröffnet er beispielsweise mit dem gut gealterten Satz: «Mir hei viu z lang blindi Chue gspilt / itz spile mer mit em Läbe». Endo Anaconda zündet sich eine Zigarette an: «Wir hatten Weltschmerz statt Heimweh», resümiert er mit einem rasselnden Lachen die Frühphase seines Œuvres. Gab es ein Rezept? «Ich habe immer die ganze Lächerlichkeit auf mich genommen, um den Leuten zu helfen, über sich selber zu lachen.»

Er ist ein geistreicher Gesprächspartner, gedanklich mitunter ähnlich sprunghaft wie in seiner Poesie, da kann der Erzählfaden spielend von Mitholz ins Universum hüpfen, von der Migroskasse über die Klimajugend bis zur Evolutionslehre schweifen, und von dort zurück ins Schweizer Stübli, wo die Gedanken der Landsgenossen eingeschlossen seien. Er ist einer, dessen Neugier auf die Welt nie verblasst ist, der sich leidenschaftlich Sorgen macht, sich einmischt. Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat einmal gesagt, sie würde Endo Anaconda wählen, wenn es ihn einmal in die Politik verschlagen würde. Er sagt, dass er wohl der Einzige in diesem Land war, der die BDP mit der Partei der Arbeit panaschiert habe.

Genie und Blödsinn

Ab «Landjäger» (1994) landete jedes Has-Album in der Schweizer Hitparade. Und es erstaunt, dass nie jemand darüber erstaunt war, dass sich eine Schweizer Allgemeinheit auf diese kauzige Art des Entertainments hat einigen können, diese Unterhaltung zwischen Genie und heillosem Blödsinn, zwischen präzisen Alltagsstudien und explizit Nicht-zu-Ende-Gedachtem, zwischen Polka-Punk und Grossstadtmelancholie.

All das ist im Hinterkopf, bevor man das neueste und letzte Album von Stiller Has auflegt. Blättert man sich zuerst durch die Booklet-Texte, dann wird offenbar, dass da einer sogar an poetischer Wucht zugelegt hat. Irrsinn und Dada sind zwar nur noch in homöopathischer Dosis vorhanden. Als Kraftübertragung dient Endos Poesie jetzt eine chronische Altersmelancholie: «Niemer» ist eine Ode auf das schiere Leben, und «Las Vegas» ist eines der schönsten Mundart-Liebesgedichte der letzten Zeit («I ha dis Parfüm uf der Huut / Du schmöcksch ä chly nach mir / I sugge a de Stummle / wäg em Lippestift vo dir»).

«Ich war wohl der einzige Mensch in diesem Land, der die BDP mit der Partei der Arbeit panaschierte.»

Endo Anaconda

Der Rabauke von früher ist immerhin noch temporär zu Gast. Etwa wenn er sich als erzählender Vögelbeobachter in eine Krähe hineinträumt: «I würd flüge mit de Chräie / U vo obe abeschysse». Und im Lied «Umgang» entwickelt Endo wunderbare Gewaltfantasien gegen Geranien, trachtet die Zierblume wahlweise zu erschiessen, zu kastrieren oder abzufackeln.

Alles fein also? Leider nicht ganz. Denn mit der musikalischen Umsetzung wird der Has begraben. Der Pianist Roman Wyss, der mit den Arrangements betraut wurde, hat sich dafür entschieden, mit der ganz grossen Gefühlskelle anzurichten. Wo sich in den Texten Abgründe auftun, kommt er garantiert mit dem Wohlfühl-Piano um die Ecke, wo sich in der Lyrik Dissonanzen auftun, gibt er den Harmoniebedürftigen, wo eine Note weniger die Wirkung der Geschichte befeuern könnte, türmt er Akkorde auf, die man von «Piano for Lovers»-Playlists kennt.

Da hilft es auch nicht, dass Boris Klecic mit durchaus geschmackvoller Gitarrenarbeit eingreift oder Bruno Dietrich sein Schlagzeug so schmucklos wie nur möglich bedient. Dieses berechenbare Romantik-Piano zieht sich wie eine Schleimspur durch das Werk. Und so macht es für einmal tatsächlich mehr Spass, dieses Album zu lesen, als es sich anzuhören.

Ein bisschen ordnen

So ist Endo Anacondas Entscheid, den Has in die ewigen Jagdgründe zu schicken und als Nächstes an einem Lyrik-Band zu arbeiten, womöglich gar nicht der schlechteste. Doch ausschliessen, wieder musikalisch in Aktion zu treten, will der wuchtige Mann keinesfalls. «Ich will einfach nicht mit 70 als Rocktrottel in einen Orchestergraben stürzen», sagt er. «Ich will wieder mehr experimentieren. Vielleicht setze ich meine Texte mal mit einer zeitgenössischen Tänzerin um, oder mit einem Elektromusiker.» Im Blick, den er diesen Worten folgen lässt, findet sich ein bisschen Trotz, recht viel Entschlossenheit, aber auch etwas Fragendes.

Wie viel Zeit er für all das hat, wisse er nicht. Seine Gesundheit ist ramponiert. Einmal spricht er davon, er wolle nun angefangene Sachen abschliessen und ein bisschen ordnen. «Man wird schliesslich jeden Tag älter, und die Mortalitätsrate liegt immer noch bei hundert Prozent.» Dass seine kreative Suche also mit diesem Album zu Ende geht, das ist gottlob nicht anzunehmen.

Stiller Has: «Pfadfinder» (Sound Service). Die Plattentaufe am Freitag im Mokka Thun ist ausverkauft. Konzert im Bierhübeli: 4. April.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch