«Sind Sie der Aldi der Open-Air-Industrie?»

Das Greenfield Festival in Interlaken wird zehn. Was hat das Spartenfestival der Musikwelt gebracht? Hat es sich totgelaufen? Wo wird es sich hin entwickeln? Ein Gespräch mit Dieter Bös, Co-Veranstalter des Festivals.

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Ane Hebeisen

Nein, einen geschmeidigen Start hatte das Greenfield Festival 2005 nicht. Im ersten Jahr war es ein Interlakner Sturmtief, das den Ausfall von einigen Hauptauftritten zur Folge hatte, im zweiten Jahr fing man ein Defizit ein, weil Bands geladen wurden, die mit Stromgitarren nur am Rande zu tun hatten, im dritten Jahr legte man die Schweizer Lautstärkenbeschränkungen falsch aus und präsentierte eine Band wie Slayer in Wohnzimmerlautstärke. 2009 war es dann die Angst vor einem wankelmütigen lecken Gletschersee oberhalb von Interlaken, der – laut Veranstaltern – ein grösseres Publikumsaufkommen verhindert habe. Und dann kam das Wanderfestival Sonisphere in die Schweiz und wurde mit Argwohn empfangen. Seither gibt man sich bei den Veranstaltern chronisch zufrieden, im letzten Jahr wurde mit 27'000 Zuschauern ein neuer Publikumsrekord aufgestellt. Einer, der von Anfang an dabei war, ist Dieter Bös von der deutschen Agentur Koko, die das Festival zusammen mit Act Entertainment und FKP Skorpio ausrichtet.

Herr Bös. Haben Sie sich vor zehn Jahren den Gang in die schöne, reiche Schweiz so schwierig vorgestellt?
Ich habe ihn mir viel schwieriger vorgestellt. Bereits das erste Festival war ein grossartiger Erfolg, bis halt dieser Orkan über Interlaken zog. Wenn ich heute mit den Toten Hosen, die damals aufgetreten sind, spreche, dann landen wir schnell bei diesem Festival im Jahr 2005. Ich denke, dass wir uns in der Folge gut ins Schweizer Festivalgefüge integriert haben.

Gibt es etwas, was Sie bereuen?
Ich bereue, dass ich die Idee nicht schon viel früher umgesetzt habe. Sie war schon länger in meinem Kopf, als ich sah, wie gut sich das Southside Festival entwickelte. Doch es machte erst Klick, als Thomas Dürr mir das Gelände in Interlaken zeigte, das geradezu ideal ist für ein solches Festival.

Die Grundidee bestand also darin, das Southside Festival auf die Schweiz zu übertragen?
Nein, eigentlich nicht, wir haben bald gemerkt, dass dies nicht möglich ist und dass wir uns auf eine Sparte konzentrieren müssen. Den Schweizer Markt mit einem weiteren spartenübergreifenden Festival zu überschwemmen, das wäre vermutlich gescheitert.

Wie spannend ist es für einen Booker, ein Spartenfestival wie das Greenfield zu programmieren?
Es ist genauso spannend, wie ein stiloffenes Festival zu organisieren. Es ist nicht damit getan, einen Headliner zu buchen, und darum herum Wildwuchs zu betreiben. Man kriegt den Headliner nur, wenn dieser sich in einem qualitativ angemessenen Umfeld wiederfindet. Der Begriff Rock wird ja heute genau so breit ausgelegt wie der Begriff Pop. Wir können uns also aus einer riesigen Fülle an Bands bedienen.

Diesen Eindruck hat man nicht immer, wenn man sich das Programm anschaut. Die Bands kehren im Durchschnitt im 3-Jahres-Rhythmus nach Interlaken zurück. Gibt die Szene wirklich genug her, um das noch weitere zehn Jahre so durchzuziehen?
Die Kollegen von FKP Scorpio machen da einen sehr guten Job. Vor zwölf Jahren hätte ich Ihre Bedenken geteilt. Doch wenn ich sehe, wie sehr das Publikum unser Angebot schätzt, dann wird mir nicht bange. Es kommen auch immer wieder interessante Bands nach.

Hat sich also ein gewisser Pragmatismus eingestellt. Nach dem Motto: Egal wenn wir uns alle drei Jahre wiederholen, die Leute kommen ja trotzdem?
Pragmatismus ist nicht per se schlecht, so lange er nicht ins Phlegmatische kippt. Dass sich gewisse Headliner wiederholen, beobachtet man auch an anderen Festivals. Das liegt in der Natur der Sache. Einer tollen Band abzusagen, weil sie schon zweimal in Interlaken aufgetreten ist, wäre falsch.

Da müsste doch der Gestaltungswille des Veranstalters ins Spiel kommen.
Der kommt in vielerlei Dingen ins Spiel. Doch wir haben keinen pädagogischen oder missionarischen Anspruch. Und wir begehen nicht den Fehler, zu glauben, die Leute würden bloss wegen der Musik nach Interlaken reisen, auch wenn sie diese gar nicht kennen. Wir sind durchaus ökonomischen Zwängen unterworfen.

Diese Zwänge haben dazu geführt, dass das Greenfield den Anspruch hat, bereits am Nachmittag nur auf Bands zu setzen, die ein Zürcher Volkshaus ausverkaufen würden. Schränkt das den Spielraum nicht allzu empfindlich ein?
Nein, das ist im Gegenteil ein Zeichen für Qualität. Die Vielfalt ist ja trotzdem gegeben. Wir sind ja nicht bloss ein Metal- oder ein Punkfestival. Bei uns ist viel mehr möglich.

Die Stromgitarrenfreunde sind vielleicht die treusten Fans, doch in Sachen Innovation nagt die Szene am Hungertuch.
Man darf die Innovation nicht an neuen Kostümen festmachen. Die Innovation ist vielleicht nicht das auffälligste Merkmal der Szene, und doch haben sich immer wieder neue Phänomene herauskristallisiert, sei das der Pagan Metal oder der Pub-Folk einer Band wie Dropkick Murphys.

In den vergangenen zen Jahren wurde öfter laut darüber nachgedacht hat, das Spektrum zu erweitern. Die Rede war davon, Kraftwerkam Greenfield auftreten lassen. Wie sehr ist das Greenfield auf die hartbesaitete Stromgitarre angewiesen?
Ich sehe Kraftwerk nicht am Greenfield. Das Publikum wäre zwar tolerant genug dafür, doch ich weiss nicht, ob sich die Band in diesem Umfeld besonders wohl fühlen würde. Es ist wichtig, dass man sein Konzept immer hinterfragt und neue Möglichkeiten der Ausgestaltung in Betracht zieht. Doch ganz alles muss man an einem solchen Festival nicht austesten. Lieber feilen wir weiter an unserem Konzept des Spartenfestivals.

Ihre Agentur veranstaltet von Roberto Blanco bis The Notwist und von James Blunt bis James Last alles. Verstehen Sie sich als Musikdienstleister?
Die Einstellung, ein Dienstleister zu sein, ist in dieser Branche sicher nicht die schlechteste. Und zwar gegenüber dem Publikum genauso wie gegenüber den Musikern. Doch ich bin auch ein Überzeugungstäter. Ich beobachte die Unterhaltungsszene ganz genau, und wenn da etwas auftaucht, von dem ich angetan bin, dann überlege ich mir, wie ich mich darum kümmern könnte. Ob das nun ein Comedian ist oder ein Singer/Songwriter.

Zurück zum Greenfield: Der Aufschrei, als Sie mit in die Schweizer Festivallandschaft eingedrungen sind war gross. Spüren Sie noch immer Widerstände?
Nein. Die Leute haben gemerkt, dass ihnen wegen uns kein Schaden entstanden ist.

Andererseits war Ihr Aufschrei schrill, als das Sonisphere Festival, das eine ähnliche Klientel im Auge hat, in die Schweiz abgebogen ist. Auch das hat sich gelegt. Jeder hat das Recht, das auszuleben, was er will. Das Greenfield ist ein ehrliches Festival, und das Publikum respektiert dies.

Es wurde gemunkelt, Sie profitierten in Deutschland von weit günstigeren Konditionen beim Einkauf der grossen Bands, was den Wettbewerb verzerren soll. Sind Sie der Aldi der Open-Air-Industrie?
Es wäre schön, wenn wir von günstigeren Konditionen profitieren könnten. Doch die Agenten verstehen es nur zu gut, zwei Zahlen zu vergleichen und daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Und meistens kriegt die höhere Zahl den Zuschlag.

Lange war das Greenfield ein fast schon nüchternes Gebrauchsfestival. Man hörte sich Stromgitarrenmusik an, trank ein Bier und ging wieder nach Hause. Heute finden sich da Trampoline, gesponsorte Wasserpistolen, Bacardi-Discos und Game-Bühnen. Wie kam es zu diesem Paradigmenwechsel? Wir wollten ein 360-Grad-Erlebnis bieten und dem Publikum mehr auftischen, als nur die strenge Konsumation von Musik. Das Greenfield soll auch ein Plausch unter Gleichgesinnten sein.

Ist es eine Tendenz im Festival-Markt, dass man den Sponsoren immer mehr Entfaltungsmöglichkeiten zugestehen muss?
Da gibt es tatsächlich Auswüchse, doch selbst die Sache mit den Wasserpistolen hat letzlich von selber wider aufgehört. Tatsache ist: Man kann nicht nur nehmen, man muss auch geben. Wir müssen Wege finden, wie man den Bedürfnissen der Sponsoren und jenen des Publikums Rechnung tragen kann.

Wie reagieren die Bands darauf? Hat es dem Sänger der Ur-Punk-Band Social Distortion tatsächlich nichts ausgemacht, dass ihm das Publikum mit lustigen Plastik-Coca-Cola-Händchen zugewinkt hat und über seinem Kopf ein Telefonanbieter sein neuestes Musik-Geschäftsmodell bewerben durfte?
Mike Ness ist ein gelassener Typ. Und er ist gescheit genug, einzuordnen, dass ein Festival auf Sponsoring angewiesen ist. Mir sind definitiv keine Beschwerden von Musikern bekannt.

Das klingt alles so prima. Befindet sich das Greenfield im Idealzustand?
Wir sind laufend dabei, Bühnenpositionen zu hinterfragen, die Lage der Einlässe und vieles mehr. Sagen wir es so: Wir versuchen jedes Mal aufs Neue, uns dem Idealzustand zu nähern.

Wird auch über die Tonqualität diskutiert? Sie ist öfters Gegenstand von Beschwerden, und es wird gemunkelt, dass da zünftig gespart wird.
Das wird diskutiert. Anfangs hatten wir eine Zeltbühne, die wegen der schlechten Akustik nicht mehr tragbar war. Das haben wir behoben. Doch wenn es stark windet, hat jedes Open Air Mühe mit dem guten Ton. Bei uns sind Koryphäen auf dem Gebiet am Werk.

Welche Band wollten Sie schon lange ans Greenfield einladen und sind immer abgeblitzt?
Es wird hoffentlich die Band sein, die 2015 als Headliner präsentiert wird.

Flughafen Interlaken: Das Greenfield dauert von Do. 12 Juni bis Sa. 14. Juni.

Der Bund

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