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Sie knöpft sich Tom Waits vor

Alles «Schublädli»-Denken ist der Zürcher Jazzsängerin Marianne Racine fremd. Das beweist sie auf ihrem neuen Album.

Marianne Racine mit ihrer neuen Band Rhythm & Horns. Foto: PD
Marianne Racine mit ihrer neuen Band Rhythm & Horns. Foto: PD

Ist am Ende die menschliche Stimme musikalisch doch zu mehr fähig als jedes andere Musikinstrument? Das denkt, wer «Common Ground» hört, das neue Album der Zürcher Jazzsängerin Marianne Racine.

Das breite Spektrum von Racines Stimme offenbart sich schon in den verschiedenen Sprachen, in denen sie ihre sieben Lieder singt. Worte oder Wortlaute sind ja auch Teil der Musik, und Instrumente können nun mal nicht Schweizer Mundart singen. Oder Schwedisch. Oder Englisch. All das macht Racine auf «Common Ground».

Mit den Worten sind bei ihr auch verschiedene Musik-Heimaten verbunden. Man hört zu englischen Lyrics Ellingtons Jazz-Klassiker «Sophisticated Lady», hört schwedisch knackende Vokabeln in «När Min Vän» des Singer-Songwriters Owe Thörnqvist. Dann: «D’Strosse sind leer, / s’Trottoir verchotzt, / d’Sunne hät en Kater …», das wiederum stammt aus dem «Sunntigsblues» von Jurczok 1001. Das Prinzip Abwechslung also. Alles «Schublädli»-Denken sei ihrer Musik fremd, sagt Racine selber zu ihrem Album. Und erklärt so den Plattentitel «Common Ground»: In ihrem Herzen würden all die Musikstile, die sie liebe, zu etwas Gemeinsamem verschmelzen.

Ohne Harmonie-Instrument: Marianne Racines Band Rhythm & Horns. Video: Marianne Racine

Doch trotz Stücken – zu denen auch ein Song von Van Morrison zählt – ist der Grundklang ihres Albums am Ende doch primär dem Jazz geschuldet. Es spielen zwei verschiedene akustische Jazz-Instrumentierungen: Einerseits das Marianne-Racine-Quartet mit tollen Spielern wie den Gebrüdern Baschnagel (Pius an den Drums, Daniel an der Trompete) und Patrick Sommer, der wohl gefragteste Kontrabassist mittleren Alters in der Schweiz. Racine selber spielt Klavier.

Unorthodoxer, darum vielleicht eine Prise fesselnder noch, ist aber Racines neues Ensemble Racine Rhythm & Horns, das in vier der sieben Stücke zu hören ist und ohne Harmonie-Instrument auskommt. Zu Patrick Sommer und zu Andreas Wettstein, diesem grossartigen Mannschafts-Spieler an den Drums, stossen zwei Bläser: wiederum Daniel Baschnagel, dann noch Matthias Tschopp am Baritonsaxofon.

Da liegt selbst Tom Waits drin: Racines Interpretation von «Broken Bicycles». Video: Marianne Racine (Youtube)

Ein rarer und am einstigen US-Westcoast-Jazz orientierter Bandklang samt Gesangsstimme ist die Konsequenz. Die Bläser spielen in polyfonen Verschlaufungen so sanft, warm und zart, als wollten sie Chet Baker und Gerry Mulligan Konkurrenz machen. In cooler Jazz-Besetzung hören wir auch Tom Waits «Broken Bicycles». Dabei bleibt vom Original pietätvoll viel erhalten. Was dafür sorgt, ist Racines Stimme. Diese hat im Grundklang etwas realistisch Unsentimentales. Sie ist bei allen Gefühlsnuancen allem affektiert Gefühligen abgeneigt – und kann sich so auch einen Tom Waits vorknöpfen.

Marianne Racine: Common Ground. CD-Taufe: Montag, 6. Januar, Moods, Zürich, 20.30 Uhr.

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