Sie hören ihr eigenes Lied in der Pizzeria

«079» ist der Song des Jahres. Das Rap-Duo Lo & Leduc über Tattoos, ihr Privatleben – und ihre eigenen Handynummern.

Treffen mit ihren klugen Texten und süffigen Melodien den Nerv der Zeit: Lorenz Häberli (r.) und Luc Oggier alias Lo & Leduc am Gurtenfestival 2017. Foto: Keystone

Treffen mit ihren klugen Texten und süffigen Melodien den Nerv der Zeit: Lorenz Häberli (r.) und Luc Oggier alias Lo & Leduc am Gurtenfestival 2017. Foto: Keystone

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Prachtwetter auf Berns Hausberg Gurten – genau richtig für ein Gipfeltreffen mit zwei sonnigen jungen Männern. Die Poprapper Lo & Leduc installieren sich auf der Terrasse des grossen Restaurants, witzeln noch ein wenig, sind dann bereit fürs Auskunftgeben. Die erste Frage zielt auf die Rollenverteilung des Duos: Wie beschreiben sich Lo & Leduc gegenseitig? Sie wollen nicht mitmachen. «Wir haben keine Lust auf das Klischee vom kühlen Blonden Lo und dem quirligen Krauskopf Leduc», sagt Leduc.

Luc Oggier, so Leducs richtiger Name, ist allerdings tatsächlich sehr vif. Auch führen seine Locken wahrhaftig ein Eigenleben. Und Lo, der mit dem strengen Haarbürzi? Während sich Leduc, wie er hier der Einfachheit halber genannt werden soll, über sein Handy krümmt und mit einem Digitalstift einen Orang-Utan malt – während dieser Leduc verträumt wirkt, sitzt Lorenz «Lo» Häberli bolzengerade. Erwachsener scheint er, ist ja auch drei Jahre älter. Wie ein Philosoph kommt er daher.

Zu zweit ein Spektakel

Der eine ist der Denker, der andere der Verspielte. Die Zuschreibung stimmt aber wirklich nur bedingt. Denn Leduc (29) formuliert ebenfalls in hoher Frequenz kluge Gedanken, und Lo (32) ist zwischendurch auch gern Kind und liebt auf der Bühne das Spiel, bei dem ihm das Publikum nach Gutdünken Wörter zuruft wie «Xylofon» oder «Härdöpfustock», die er in ein improvisiertes Lied einbauen muss; «Freestyle» nennt sich das. Auf jeden Fall sind die beiden zu zweit ein Spektakel. Auch das mag ihren Riesenerfolg erklären.

Für den Song «079» erhielten sie den Hitparaden-Spezial-Award: Lo (l.) und Leduc mit Hitparadenmanager Andy Renggli (M.). Foto: SRF

2018 ist im Schweizer Pop das Jahr von «079». Kein Lied – die weltweite Konkurrenz inbegriffen – war in den letzten 50 Jahren länger auf Platz eins der Schweizer Hitparade, 21 Wochen lang hintereinander sass «079» dort. Die das erreicht haben, Lo & Leduc eben, sind zwei Stadtberner der sympathischen Art: Anständig sind sie und gewitzt, familientauglich und gut aussehend. Sind sie tätowiert wie viele Rapper? «Nein. Alle haben Tattoos. Es ist heute fast schon rebellisch, wenn man keines hat. Ich wüsste aber schlicht nicht, was ich würde tätowieren wollen», sagt Lo.

War 21 Wochen lang auf Platz 1 der Schweizer Hitparade: «079» von Lo & Leduc. Video: Youtube

Mit dem Rücken zur Bahn-Bergstation, ein wenig geschützt vor Selfie-Bittstellern, erzählen Lo & Leduc, wie sich ihr Jahr 2018 anfühlt: Oft würden sie auf der Strasse angehauen von Leuten, die ihnen die Hitzeile zuflöten: «0-7-9 het si gseit.» Leduc hörte das Lied auch schon, als er in einer Pizzeria aufs WC ging; es gibt kein Entkommen vor dem eigenen Song.

Überraschungen gehören dazu: Bei Lo & Leduc meldete sich ein Mann und berichtete, seine Freundin habe kürzlich einen Unfall gehabt. Nur weil im Lo-&-Leduc-Lied gegen Schluss die Notfallnummer 144 vorkommt, habe er diese Nummer im Kopf gehabt und sofort Hilfe anfordern können. «Sieht so aus, als hätten wir ein Lied über Achtsamkeit im Strassenverkehr geschrieben», sagt Lo trocken.

Das Umfeld nicht belasten

Zu ihrem Privatleben verraten Lo & Leduc traditionell nichts. Auch diesmal nicht. Es sei jämmerlich und interessant zugleich, wie manche Künstler mit ihrer Trennung oder Scheidung an die Medien gelangten, wenn sie gerade ein neues Werk veröffentlichten und Aufmerksamkeit brauchten. Lo sagt: «Wir haben einen Job gewählt, mit dem die Leute, die uns nah sind, zurande kommen müssen. Auch ein privates Gespräch in einem Restaurant wird manchmal unterbrochen, weil fremde Leute an den Tisch kommen. Wir sind dankbar für das Umfeld, das tragen hilft. Dieses Umfeld wollen wir nicht noch mehr belasten.» Immerhin dies ist zu erfahren: Lo lebt seit einiger Zeit hauptsächlich in Zürich und arbeitet Teilzeit im Kommunikationsbereich.

Leduc, früher Musiklehrer, erzählt, dass er jetzt ebenfalls Kommunikation macht. Beim Projekt «Easyvote», das junge Erwachsene zum Mitmachen in der Politik motivieren will. Die Texte von Lo & Leduc freilich sind unpolitisch, oder? «Wir wissen, wo wir stehen, wir haben sehr wohl eine Meinung. Wir hoffen, dass wir unsere Haltung durch unsere Lieder transportieren können», lautet die Antwort, zu der beide beisteuern.

Auch dieser Song ist schweizweit bekannt: «Jung verdammt» von Lo & Leduc. Video: Youtube

Und sind sie wirklich Freunde? «Ja. Aber es ist eine spezielle Freundschaft. Der Job will es, dass wir uns fast jeden Tag austauschen müssen. Wir können uns nicht, wenn wir mal schlechte Laune haben, aus dem Weg gehen. Oft geht es ums Geld, es hängen rund dreissig Leute in verschiedener Form und mit verschiedenem Beschäftigungsgrad am Projekt.»

Mit Esprit und Witz

Lo & Leduc sind auch Verantwortungsträger. Bei alledem bewahren sie ihre Leichtigkeit und Luftigkeit. «079» zeugt davon. Ein Mann verliebt sich in die Stimme der Telefonauskunft-Frau. Er ruft immer wieder an, will die Handynummer der Frau, sie aber verrät ihm nur die Vorwahl: 079. Dann kommt «tüt, tüt, tüt», und sie ist weg. Der Mann beschliesst, alle 079er-Nummern des Landes anzurufen. Als er nach Jahren bei der letzten Nummer anlangt und sie eintippt, weiss er: Gleich wird seine Traumfrau abnehmen. Bloss kommt der Mann in diesem Moment unters Tram. Nun liegt er da und hört, wie die Leute sagen, man müsse sofort die 144 anrufen.

Eine literarische Kurzgeschichte ist dieses «079», surreal, makaber, eigenwillig, verknappt und verdichtet. Kein Wunder, werden Lo & Leduc mit Mani Matter verglichen, dem 1972 verstorbenen Pionier der Berner Liedermacherei, der geliebt wurde für seine schlanken und schlauen Stücklein.

Aus dem Album «Zucker fürs Volk», das es 2014 in die Hitparade schaffte: Der Song «All die Büecher» von Lo & Leduc. Video: Youtube

Wer in Bern Musik macht, träumt von einem Auftritt auf dem Gurten. Lo und Leduc tun es als Junge auch. Beim Mundartensemble Pacomé lernen sie sich 2007 kennen, als Leduc gerade überstrapazierte Stimmbänder hat. Er fällt ein halbes Jahr aus, Rapper Lo ersetzt ihn, sie freunden sich an, gründen später ihr Duo.

Sie bringen zuerst drei rein digitale Alben auf den Markt, die Anzahl Downloads ist beachtlich; 2014 lancieren sie ihre erste richtige Platte, «Zucker fürs Volk». Die schafft es gleich in die Hitparade. Lo & Leduc, das ist süffiger, mehrheitsfähiger, mit Esprit und Charme unterfütterter, poppiger Rap für alle Altersklassen vom Schulkind aufwärts. Es musiziert der Mittelstand: Lo hat einen Lehrer zum Vater und eine Krankenpflegerin zur Mutter, Lucs Eltern sind Psychologe und Sozialarbeiterin. Beide, Lo und Leduc, haben dasselbe studiert, Germanistik und Geschichte.

Anspruchsvolle Pointen

In den letzten Jahren haben die beiden so manche Songzeile lanciert, die bleibt. Jugendliche Unverfrorenheit mischt sich mit anspruchsvollen Pointen. Im «Chileli vo Wasse» hat ein junger Mann eine junge Frau satt: «Du bisch mis Chileli vo Wasse, ohni mi, äs dritts Mau muess jitz würklech nüm si.» Man muss auf der alten Gotthard-Bahnlinie im Urnerland das Kirchlein von Wassen dreimal aus verschiedenen Winkeln gesehen haben, um den Witz zu verstehen. Lo & Leduc setzen etwas voraus. Sie stimulieren das Hirn, sie zeigen, dass Intellekt und gute Musik sich nicht ausschliessen. 2012 dürfen sie erstmals auf dem Gurten spielen.

Mit Anspielung auf die alte Gotthard-Bahnlinie, auf der man das Kirchlein von Wassen dreimal aus verschiedenen Winkeln sieht: Der Song «Chileli vo Wasse» von Lo & Leduc. Video: Youtube

Heute müssen sie rechnen, um sagen zu können, wie oft sie inzwischen oben auftraten: siebenmal. Dann erzählen sie Gurten-Anekdoten. Der Mann, der auf dem Kinderareal neben dem Hotel für das Tschu-Tschu-Bähnli zuständig ist, war einmal derart begeistert von ihrer Musik, dass er Lo & Leduc ein lebenslanges Bähnli-Gratis-GA versprach. Bekommen haben sie es bis heute allerdings noch nicht.

Zeit für Erholung

Lo & Leduc schliessen ihr Jahr mit einer Serie von Clubkonzerten ab. Dann machen sie Pause, die Schweiz sei nicht riesig, der Markt irgendwann gesättigt. «Und Erholung brauchen wir auch», sagt Lo.

Zweitletzte Frage: Werden die beiden mit ihrer Musik alt – und wie werden sie es? «Ich hoffe, wir bleiben genauso agil, wie wir es immer weniger sind», sagt Leduc und schmunzelt. Lo sagt: «Wir wollen uns in der Art, wie wir auftreten, nie auf Jugendlichkeit versteifen.»

Und die allerletzte Frage: Welche Handynummern haben Lo & Leduc, die dem Handy ein musikalisches Denkmal gesetzt haben? «078» sagt Lo. «076», sagt Leduc, «mehr gibt es nicht.»

Lo & Leduc live: nächste Auftritte im Dezember: 8. Zofingen, 13. Brig, 14. Aarau, 16. Thun, 21. Lyss, 22. Schaffhausen, 27. und 28. Bern, 29. Zürich. www.lo-leduc.ch

(Schweizer Familie)

Erstellt: 06.11.2018, 17:41 Uhr

Die Hitparade gestürmt

Lo & Leducs «079» hielt heuer ab Februar 21 Wochen lang Platz eins der Schweizer Single-Hitparade – länger als jede ausländische und schweizerische Single zuvor. Auf der «Ewigen Bestenliste» der Schweizer Hitparade, die seit 50 Jahren besteht, ist das Lied auf Platz 145 rangiert; das kann sich noch verändern, solange das Lied in der Hitparade bleibt.

Für diese Liste werden jede Woche Punkte von 100 bis eins vergeben, Rang 1 der Hitparade ist gleich 100 Punkte, Rang 100 gleich 1 Punkt. Erste auf der Bestenliste sind die Österreicher DJ Ötzi & Nik P. mit «Ein Stern (… der deinen Namen trägt)», es folgt der englische Popsänger Ed Sheeran mit «Shape of You».

Schweizer, die derzeit vor Lo Leduc klassiert sind: DJ Antoine, Baschi, 77 Bombay Street, Bligg, DJ Bobo, Florian Ast & Francine Jordi, Jodlerklub Wiesenberg & Francine Jordi, Mash, Züri West. «Jung verdammt», der Ohrwurm von Lo & Leduc um eine Frau im roten Kleid, sitzt momentan 19 Plätze hinter «079».

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