Sex, Drugs und Rumlümmeln

Am Samstag ist in Bern ein verbotenes Stück Filmgeschichte zu sehen: «Cocksucker Blues» von Robert Frank heftet sich an die Fersen der Rolling Stones – und zeigt Sex, Drogenkonsum und ein wenig fiebrigen Rock’n’Roll.

Der Glamour täuscht: Mick Jagger auf Tour.

Der Glamour täuscht: Mick Jagger auf Tour.

(Bild: Courtesy of Robert Frank)

Das Leben auf Tournee, es muss grausam sein. Auch und gerade für Stars vom Kaliber der Rolling Stones, die 1972 mit ihrem schwarzen Meisterwerk «Exile on Main Street» im Gepäck eine grosse Konzertfahrt durch die USA absolvierten. Und natürlich ist ein solches Leben on the road – rumlümmelnd zwischen Privatjet, Tourbus, Interviewterminen, Hotel und weiträumigen Sportarenen-Garderoben – zumindest in den Siebzigern nur mit Drogen und sexuellen Eskapaden zu bestreiten. Dass da die Fiebrigkeit des Rock’n’Rolls zuweilen auf der Strecke bleibt, geschenkt.

Geschenkt auch, dass ein sensationelles Zeitdokument wie «Cocksucker Blues» den Rolling Stones nicht gefallen konnte – und den Film im Giftschrank der Bandgeschichte einschlossen. Denn der Film des Schweizer Fotografen Robert Frank – entstanden in bester «Cinéma verité»-Manier mit zahlreichen Handkameras – zeigt das ganz banale Leben der Rockstars. Da muss der bleiche Bube Mick Jagger schon froh sein, wenn eine Sex-Orgie im Privatjet ansteht.

Dekonstruierter American Dream

Ja, diese explizite Montage des glamourösen Elends geht zu Herzen: Auf der Tonspur brabbeln kaum verständlich die Bandmitglieder und Manager, ein Poem von William S. Burroughs und Stimmen, die von der zersetzenden Kraft der Rockmusik warnen, werden reinmontiert. Man erlebt in all der bleiernen Monotonie, wie Mick Jagger beim Room-Service scheu Früchte bestellt – «three apples, please» – und lernt, dass die Kamera nie lügt, obwohl der Film gemäss dem Intro fiktional zu begreifen sei.

Natürlich ist die Reise durch die USA auch ein Wiedersehen für Robert Frank mit seinen 1956 publizierten «Americans». Auf den Busreisen durch die Einöden, vorbei an Gefängnissen, im TV mit dem zugeschalteten US-Wahlkampf oder in den Hotellobbys wird die Illusion des American Dream weiter dekonstruiert, durch den die bleichen Buben aus England in ihrem Drogenrausch taumeln.

Frank findet eine Sprache, die Stummfilm- und Cut-Up-Techniken mit Songfragmenten der Rolling Stones verbastelt und die unfreiwillige Komik des Daseins als Rockstars lustig an die Oberfläche bringt.

Die befreite Band

Mindestens einmal in den 95 Minuten, und schliesslich doch noch, fängt Robert Frank die Fiebrigkeit der Rock’n’Roll-Musik sensationell ein: in einem Jam mit Stevie Wonder, verstärkt mit einem Bläsersatz, Perkussion sowie weiteren Gitarren gibt die befreite Band Wonders Hit «Uptight (Everything’s Alright)» und «(I Can’t Get No) Satisfaction». Hier ist die Band, die Amerika zu ihrem gelobten Land auserkoren hat, nahe an der Erlösung.

Umso schwerer verständlich, dass dieses Passagenwerk auch vierzig Jahre nach seiner Entstehung nur in Anwesenheit des 88-jährigen Regisseurs im Kino gezeigt werden darf – zumal in Zeiten von Youtube, wo «Cocksucker Blues» zerstückelt greifbar ist. Und umso schöner, dass dieses Leben der anderen nun, einmalig und erstmals, in Bern zu sehen ist. Nur glamourös, nein, das ist es nicht.

DerBund.ch/Newsnet

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