Seine Kneipenbühne ist das Stadion

Ed Sheeran gibt sich noch immer als Bube von nebenan. Am Freitag spielte er sein erstes von zwei ausverkauften Konzerten im Zürcher Letzigrund.

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Dies ist noch immer kein «Hoax», kein Jux, wie auf Ed Sheerans weinrotem T-Shirt steht. Denn hier steht wirklich der erfolgreichste Popmusiker der Gegenwart, der seine spektakulär unverfänglichen Songs so aufführt, als trete er gerade in einer Kneipe auf. Und nicht im Zürcher Letzigrund, in dem trotz Glutofenhitze 48'000 Fans stundenlang ausharrten, nur um ihn, den rothaarigen Burschen aus der englischen Provinz Suffolk zu erleben.

Und wenn er dann die ersten Akkorde auf seiner akustischen Gitarre spielt, auf den Körper seines Instruments klopft, so, dass ein Beat entsteht, den er mit seiner Loopstation aufzeichnet, dann hallt ein bei aller Einfachheit recht mächtiges Arrangement durchs Stadion, das nicht viel Raum für Zwischentöne lässt. Ganz ohne Band und «completely live» gespielt, wie er ausführt.

Sheeran singt dann die erste Zeile seines Heimatlieds «Castle on the Hill» – dem ersten Stück seines immer noch aktuellen Hitalbums «Divide». Er schildert hier, wie er als Sechsjähriger auf der Flucht vor seinem Bruder das Bein gebrochen hat. Er skippt dann weiter in die Jugendjahre, erzählt, wie er sich mit Zigaretten und Bier zugeknallt hat. Und wenn dann der Refrain erreicht ist, dann erreicht das vom Pathos her U2-Grösse.

Wie er sich in «Castle on the Hill» mit seiner anpassungsfähigen Stimme durch sein Leben singt, so scrollt er sich in Zürich durch die ganze Palette seines Repertoires, das wie geschaffen ist für die Algorithmen der Streamingdienst-Gegenwart: Da gibt’s ein bisschen Rap, es gibt Irish-Folkvignetten, grosse Gefühle, etwa im stillen «The A Team», dem Song, der ihm 2011 der Durchbruch beschert hat und den er damals auch bei seinem ersten Showcase-Auftritt in der Schweiz – für die er «a lot of love» verspürt – gespielt hat.

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Witze? Fehlanzeige!

Es geht also auch um Erinnerungen in seiner bislang grössten Schweizer Show. Denn es ist in den letzten sieben Jahren sehr vieles passiert im Dasein von Ed Sheeran – darüber kann der Verzicht auf fast allen üblichen Popshow-Pomp nicht hinwegtäuschen.

Sheeran ist ja mittlerweile der Buddy von Superstars wie Eminem und Taylor Swift, und eigentlich überlebensgross, so gross, wie er nur auf den Bühnenscreens erscheint. Aber wie der 27-Jährige auf der Bühne das alles wegzaubert und mit der Erscheinung des knuffigen Buben von Nebenan so konsequent sein Echtheits-Ding durchzieht, das begeistert dann nicht nur seine Fans in Zürich, sondern sorgt zur Verzweiflung seiner zahlreichen Verächter dafür, dass es noch immer keine guten Ed-Sheeran-Witze gibt.

Video - Sie warteten seit 7.30 Uhr in der Hitze auf Ed Sheeran

Für die Witze und das Entertainment ist Sheeran sowieso lieber selber zuständig. So grüsst er jene zwei Prozent, die immerzu gegen ihren Willen an seinen Shows sind – die Superdads und Boyfriends –, spottet in «New Man» recht unsympathisch gegen den metrosexuellen Typen, der ihm die Freundin ausgespannt hat.

Er gibt den Conférencier, ruft das Publikum zum Singen und Tanzen auf, möglichst laut, möglichst ausgelassen. Es folgt ihm, je länger die Show dauert, in alle Sing-a-long-Figuren und zückt die erleuchteten Handys während der Superballade «Perfect». Und es tanzt durch den Grossraumclub, den Sheeran mit seinem Welthit und bei weitem besten Song «Shape of You» ins Stadion zaubert.

Das ist dann natürlich kein Kneipenkonzert mehr, sondern eine weitere Stadionpopshow, die auf Überwältigung setzt. Understatement hin oder her. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.08.2018, 07:30 Uhr

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