Schubert im Zwielicht

Zur Eröffnung des Musikfestivals Bern bot das Berner Symphonieorchester und Julian Prégardien im ausverkauften Turbinensaal Schuberts «Winterreise» in neuem Klanggewand dar.

Sein Gestaltungsspielraum wirkte zuweilen eingeschränkt: Tenor Julian Prégardien.

Sein Gestaltungsspielraum wirkte zuweilen eingeschränkt: Tenor Julian Prégardien. Bild: Annette Boutellier/zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Soeben sind die letzten Takte von «Irrlicht» verklungen – jenem Lied aus Franz Schuberts epochaler «Winterreise», das der diesjährigen Ausgabe des Musikfestivals Bern ihr Motto verleiht – als Jonathan Burrows und Matteo Fargion auf die Bühne staksen. Das heuer als Artists-in-Residence geladene Performance-Duo stellt die erste von insgesamt elf Interventionen zum Thema Irrlicht vor; irrlichternde Uraufführungen, die sich durch das gesamte Festivalprogramm ziehen.

In einem nonchalanten Zwei-Mann-Sprechchor analysieren Burrows und Fargion psalmodierend die Situation von Performer und Publikum, durch den Veranstalter zur Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweisst, und liefern so eine humorvoll geistreiche Festrede der anderen Art.

Himmel, dieses Akkordeon!

Im Rahmen eines intimen Liederabends hätte dieser Auftritt womöglich alle Beteiligten unwiederbringlich aus dem Geschehen gerissen. Doch mit Hans Zenders Bearbeitung des Schubert’schen Zyklus aus dem Jahre 1993 steht das Dargebotene unter anderen Vorzeichen. Eine «komponierte Interpretation» nennt Zender seine orchestrale Version der «Winterreise» und dergestalt verfährt der deutsche Dirigent und Komponist auch mit dem Material.

Was bei Schubert angedeutet wird legt Zender offen und projiziert die feinen Stimmungen und subtilen Lautmalereien der Vorlage auf die Grossleinwand. Schuberts Reise ins Elend wird so zur farbenreich instrumentierten Aventurenfahrt.

Die Musik erstarrt in eisiger Kälte – ein magischer Augenblick.

Dabei greift Zender leider zuweilen auch arg in die Trickkiste, wenn er etwa den Sturm mit Windmaschinen und das Stapfen durch den Schnee mit Snaredrum und Col-legno-Effekten der Streicher andeutet. Das mutet dann wie ein etwas angestaubtes Hörspiel an und ist nicht vor Kitsch gefeit (Himmel, dieses Akkordeon!).

Die stärksten Momente sind ohnehin jene, in denen Zender freier mit dem Original umgeht. Im finalen «Leiermann» rückt er das wiederkehrende Drehleiermotiv in entfernte harmonische Gefilde und lässt die Musik zum Schluss in eisiger Kälte erstarren – ein magischer Augenblick.

Berührender Prégardien

Dass der Aufführung die existenzielle Tiefe nicht gänzlich abhandenkommt ist dem Tenor Julian Prégardien zu verdanken. Mit glasklarer Diktion, unsentimentaler Gestaltung und zauberhaften Piano-Farben setzt Prégardien dem teils allzu bunten Treiben im Orchester eine berührende Schlichtheit gegenüber.

Dennoch scheint sein Gestaltungsspielraum zuweilen eingeschränkt durch die Koordination mit dem vielgliedrigen Orchesterarrangement. Da hilft es auch nicht, dass das Berner Symphonieorchester (BSO) in solistischer Kammerorchesterformation trotz der sicheren Führung seines Chefdirigenten Mario Venzago immer wieder mit Unschärfen im Zusammenspiel aufwartet.

Ein Erlebnis ist dieses Konzert aber allemal, und es ist dem BSO hoch anzurechnen, einen Klassiker in dieser ungewohnten Besetzung zu präsentieren. Nicht zuletzt offenbart Zenders Komposition wie erschütternd und radikal Schuberts Winterreise noch heute ist.

Weiter auf dem Programm: «Nosferatu», ein Stummfilm mit Livemusik von Jannik Giger im Münster, Freitag, 22 Uhr; «Cheap lecture» mit Burrows/Fargion im Schlachthaus, Freitag, 19 Uhr; Musik- theater «durst&frucht», Dampfzentrale, Samstag, 19.30 Uhr. www.musikfestivalbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2017, 07:07 Uhr

Artikel zum Thema

Musikfestival Bern findet künftig jedes Jahr statt

Das Musikfestival Bern wird künftig nicht mehr bis zu zwei Wochen lang dauern, sondern nur noch vier bis fünf Tage. Dafür wird es ab 2017 jedes Jahr stattfinden, wie die Organisatoren am Donnerstag mitteilten. Mehr...

«Im Konzert lässt sich Zeit nicht unterlaufen»

Interview Berner Woche Christian Grüny ist Philosoph und am Musikfestival Bern angestellt. Was genau ist seine Arbeit? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...