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Schlechte Drogentrips und Nächte in billigen Clubs

Er nennt sich The Streets und besticht mit Sozialrealismus und Selbstironie: Der britische Rapper Mike Skinner legt mit «Everything is Borrowed» sein neues Album vor.

«Hiphop ist von Haus aus arrogante Musik. Wir Engländer sind keine arroganten Menschen»: Mike Skinner.
«Hiphop ist von Haus aus arrogante Musik. Wir Engländer sind keine arroganten Menschen»: Mike Skinner.

Mike Skinner ist ganz schön selbstbewusst. «In den letzten Jahren habe ich sämtliche wichtigen Rapper persönlich kennen gelernt», behauptet die gepresst wirkende Stimme aus dem Telefonhörer, «und die wissen alle, wer ich bin und wie meine Musik klingt.» Dieses Statement ist natürlich mit grösster Vorsicht zu geniessen: Es kann gut sein, dass Skinner ein Opfer von amerikanischem Smalltalk ist und dass die Hiphop-Mogule den schmächtigen Weissen längst vergessen haben, dem sie mal im VIP-Bereich eines abgedunkelten Clubs begegnet sein sollen.

Und doch: So viel Aufmerksamkeit hat kein anderer britischer Sprechsänger auf sich gezogen, und das transatlantische Medieninteresse liegt nicht bloss an Skinners Charme. Der 29-jährige Londoner, der sich hinter dem Künstlernamen The Streets verbirgt, ist ein nachdenklicher Reimer und ein erfinderischer Produzent, aber die Vergleiche, die die Presse zwischen ihm und Eminem gemacht hat, entbehren jeder Grundlage. Das Einzige, was die beiden verbindet, ist ihre Hautfarbe.

Das komödiantische Naturell

Anders als Eminem ist Skinner kein Zungenbrecher, auch fragt sich, ob seine Musik überhaupt als Hiphop durchgehen kann. Die helle Stimme mit dem vordergründigen Cockney-Akzent wirkt oft so ungelenk, dass sie gegen den Puls der Musik anzukämpfen scheint, und auf die Tanzfläche passen Skinners als Raps kaschierte Spoken-Word-Einlagen auch nicht. «Wir Engländer können nicht so gut produzieren wie die Amerikaner», räumt er ein. «Darum versuchen wir unserer Musik ein anderes Kolorit zu geben, damit wir uns nicht mit den Amerikanern messen müssen.»

In den meisten europäischen Ländern hat Rap längst den Weg in den einheimischen Mainstream gefunden, aber in England kommt Reimkunst vor allem als Zwischenruf in anderen Genres vor wie etwa Triphop, Drum'n'Bass oder Garage. Es gäbe ganz profane Gründe für die stilistische Schieflage, meint Skinner: «Hiphop hat traditionell viel mit Selbstvermarktung zu tun, das ist von Haus aus sehr arrogante Musik. Wir Engländer sind aber keine arroganten Menschen, stattdessen haben wir ein komödiantisches Naturell.»

Dafür ist Skinner ein blendendes Beispiel. In seinen Strophen geht es um schlechte Drogentrips und lange Nächte in billigen Clubs, bei denen der Ich-Erzähler selten gut wegkommt. Diese typisch britische Mischung aus schäbigem Sozialrealismus und bitterer Selbstironie musste in England gut ankommen. So wurde das erste Streets-Album «Original Pirate Material» 2002 zum Millionenseller, und Skinner avancierte daraufhin zum Studienobjekt der Londoner Boulevardpresse. Die dichtete ihm gerne zusätzliche Liebschaften und Exzesse an, obwohl der Lebemann schon genug realen Stoff für die Klatschspalten hergab.

Das Publikum darf mitspielen

Seine Erfahrungen mit dem Medien- und Musikgeschäft verarbeitete Skinner 2006 auf dem kühl empfangenen Album «The Hardest Way to Make an Easy Living». Mit dem vor wenigen Tagen veröffentlichten vierten Werk «Everything is Borrowed» kommt Skinner von der Nabelschau weg, neu interessieren ihn Spiritualität, Vergänglichkeit und Ökologie. «Ich habe bewusst damit aufgehört, mein eigenes Umfeld als Inspiration zu nutzen», erklärt er. «Aber dann musste ich mich fragen, über was ich denn sonst schreiben könnte, ohne belangloses Zeug von mir zu geben. Da bin ich ganz automatisch auf existenzielle Themen gekommen.»

So trägt er mit «On the Edge of a Cliff» einen modernen Folksong für Suizidgefährdete vor, betritt bei «Heaven for the Weather» als Schönwettertourist den Himmel und malt sich bei «The Way of the Dodo» gar das Ende der Menschheit aus. Zum Glück sind Skinners Reflexionen herrlich leichtfüssig geraten; ironisch ist nur, dass die Musik umso interessanter wird, je weiter er sich vom Hiphop entfernt und Einstreuungen aus Funk und Rock zulässt.

Weil er die Grenzen seines eigenen Konzepts kennt, hat Skinner bereits das Ende von The Streets in Aussicht gestellt. Ein letztes Album wird es geben, bevor die Nicht-Band ad acta gelegt wird. Danach will sich Skinner einem Filmprojekt widmen: «Nur indem ich mich selber überrasche, kann ich andere Menschen mitreissen und begeistern. Um überhaupt kreativ zu bleiben, versuche ich, immer wieder etwas Neues anzureissen.»

Skinners Kreativitätsbekundung ist alles andere als eine Floskel. Auf der bevorstehenden Europatournee will er keine Streets-T-Shirts zum Kauf anbieten, aber wer ein eigenes Leibchen an ein Konzert bringt, kann es von ihm und seiner Crew mit dem Bandlogo bedrucken lassen. Auch will er die Zuschauer ermutigen, mit eigenen Musikinstrumenten an den Konzerten teilzunehmen und eventuell auch mit The Streets mitzureisen. «Die Idee ist noch nicht ausgereift», meint er abschliessend. «Ich will auf gar keinen Fall, dass wir Leute, die wir in einer Stadt aufgegabelt haben, in einer anderen gestrandet zurücklassen.»

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