Scherzo aus der Vorhölle

Das BSO und Emmanuel Pahud haben sich für das erste Symphoniekonzert der Saison an ein mutiges Programm gewagt.

Der Genfer Flötist Emmanuel Pahud erweckt gemeinsam mit dem Berner Symphonieorchester und Mario Venzago zwei selten gespielte Partituren zum Leben.

Der Genfer Flötist Emmanuel Pahud erweckt gemeinsam mit dem Berner Symphonieorchester und Mario Venzago zwei selten gespielte Partituren zum Leben.

(Bild: Beat Marti (Archiv))

Schon der Titel «Vom Ende der Welt» lässt aufhorchen: Was soll denn danach noch kommen? Zunächst steht der Genfer Flötist Emmanuel Pahud auf der Bühne und erweckt gemeinsam mit dem Berner Symphonieorchester und Mario Venzago zwei selten gespielte Partituren zum Leben. Verschmitzt muss Jacques Ibert gelächelt haben, als er sich den aufmüpfigen Beginn seines Flötenkonzerts ausgedacht hat; Venzago greift den Witz sogleich auf, arbeitet mit scharfen dynamischen Wechseln und abrupten Pausen die üppig gestrichenen Farben der Komposition heraus. Die rund 50 Musiker und Musikerinnen, die das Spiel des Dirigenten mit äusserster Präzision befeuern, wirken wie ein einziger Organismus, der mit vollendeter Eleganz agiert.

Darüber thront die Flöte, von wenigen allzu lauten Höhen abgesehen voller Finesse und mit einem untrüglichen Gespür für Stimmungen. Pahud, Venzago und das BSO kommunizieren derart differenziert, dass intime Zwiegespräche zwischen Solist und einsamen Orchesterhölzern einen ebenso berühren, wie kollektive Crescendi zu überwältigen wissen. Der lächelnde Ibert ist immer dann zu sehen, wenn er eine pfiffige Idee in eine seiner weiten, mitunter impressionistischen Landschaften wirft und verhindert, dass der Kitsch überhandnimmt. Was Frank Martins Ballade für Flöte und Orchester gar nicht erst passieren kann.

Venzago und das BSO interpretieren die knapp zehn Minuten als grosses Drama im Kleinen, eine nie nachlassende Spannung steckt in jeder Note. Auch der enorm virtuose Flötenpart ist in besten Händen. Pahud verfügt über Charisma und Temperament, eine verblüffende Technik, musikalische Visionen und künstlerische Gestaltungskraft. Letztere war unbestrittenermassen auch Dmitri Schostakowitsch eigen, wovon die nicht weniger als 25 Jahre nach ihrer Entstehung uraufgeführte vierte Sinfonie ein monumentales, erschütterndes Zeugnis ablegt. Der beissende polyrhythmische Sarkasmus, der den ersten Satz durchzieht, macht beinahe vergessen, zu welch zarten Klängen dieser Meister fähig war. Orchester und Dirigent fördern sie sämtlich ans Tageslicht.

Zur Fratze verformt

Das BSO hat sich in der Pause personell verdoppelt, und Venzago steuert diesen Giganten mit viel Esprit durch das gleichermassen riesenhafte Werk. Einige fein gestrickte Übergänge zerfransen rhythmisch, und ausgerechnet am Ende des Mittelsatzes hätte dies der exponierten – und andernorts grossartigen – neunköpfigen Perkussionsgruppe eigentlich nicht passieren dürfen. Daneben aber geschieht Wunderbares; die Soli von Fagott, Horn und Geige im Kopfsatz sind von betörender Schönheit. Umso schmerzvoller wirken die volltönigen Dissonanzen und jene Passagen, in denen der stalinistisch geplagte Schostakowitsch tatsächlich vom Ende der Welt berichtet, von jenem Ort kurz vor der Hölle, wo scheinbare Harmlosigkeiten wie die beiden Hauptthemen im als Scherzo angelegten zweiten Satz verformt zur Fratze werden.

Besonders eindrücklich führt dies das Finale vor. Ein langsamer Trauermarsch entgleist und mündet in einen grotesk aufgeblasenen Dur-Dreiklang; die Fratze ist die eines schadenfroh grinsenden Clowns. Als das Orchester die Musik schliesslich höchst konzentriert in die absolute Stille führt, beantwortet es zugleich die Frage, was danach noch kommen soll, denn wer seine Spielzeit auf diese Weise eröffnet, von dem darf man noch viel erwarten.

Der Bund

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