Satisfaction!

Schockierend gut: Die Rolling Stones geben im Zürcher Letzigrund ein rundum fantastisches Konzert.

Boten 50'000 Zuschauern eine grosse Show: Die Rolling Stones. (Video: Tamedia/Leserreporter)

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Und dann, während es über dem Stadion dunkel wird, Trockeneisnebel in Stössen von der Bühne strömt und dann rotes Licht zuckt im Trommeltakt von «Sympathy for the Devil», mit dem die Rolling Stones so lange assoziiert worden sind, also nicht mit dem Mitleid, sondern mit dem Teufel, während der Applaus der Menge im Letzigrund hochbrandet und die Musiker auf die Bühne kommen, hält man einen Moment lang inne und fragt sich: und wenn sie enttäuschen? Wenn sie tatsächlich spielen, wie sie aussehen und was sie sind, dünne Multimillionäre über siebzig? Wie wird man sich dann blamiert haben mit all seiner Vorausbegeisterung. Und den Spott jener hören, denen schon diese auf die Nerven ging. Vielleicht kippt auch Keith Richards aus seiner Gitarre und verröchelt vor 41'000 Zuschauern, oder Mick Jagger vergisst alle Texte.

Das fragt man sich und wird immer nervöser.

Aber dann fährt Charlie Watts Schlagzeug zwischen die Samples, Keith Richards wirft seine Gitarre an, und Mick Jagger fängt an zu singen, wie nur er ein solches Stück singen kann, höhnisch, ironisch, drohend. Die Stones machen dort weiter, wo sie vor vier Jahren am selben Ort aufgehört haben: mit einer schmucklosen, kompromisslosen, harten Version ihrer besten Lieder, und da sie seit 55 Jahren unterwegs sind, gibt es einiges zu zitieren.

Der höfliche Luzifer

Es ist schockierend, wie gut sie spielen, vom ersten Song an, der so klingt, als würden sie ihn zum ersten und zum letzten Mal geben, dieses «Sympathy for the Devil», die Geschichte über den wohlerzogenen Luzifer, der durch die Jahrhunderte schlendert, die Zarenfamilie massakriert, als deutscher General mit dem Panzer durch den Blitzkrieg donnert, Feuer legt, mit Tod und Verwüstung um sich wirft. Marianne Faithfull hatte Jagger «Der Meister und Margarita» von Michail Bulgakow geschenkt, der Roman inspirierte ihn zu dieser abgekürzten Version.

Die vorgängige Angst war unbegründet: Die Rolling Stones spielen grossartig wie je. Foto: Urs Jaudas

Im selben harten Takt geht es weiter, und es stimmt, was ein österreichischer Kollege geschrieben hat: Die Rolling Stones geben im Stadion ein Clubkonzert. Warum es einem so vorkommt: weil die Band, wie zu ihren besten Zeiten, wie als einziges Instrument spielt. Kein Ton zu viel, kein Solo zu lang, kein Refrain zu aufdringlich.

Erster Höhepunkt dieses fantastischen Konzerts ist ein ganz alter, ganz neuer Song, das heisst: «Hate to See You Go» aus ihrem letzten Album voller Bluescovers ist sehr alt, hat in Zürich aber die Livepremiere. Spätestens da muss dem Letzten im Stadion klar sein, was hier passiert: Die Rolling Stones, diese bleichen Engländer der Nachkriegszeit, tun es den alten Bluesmännern nach. Sie spielen eine einfache, kraftvolle Musik, die an die Musiktradition zurückverweist, der die Stones entstammen.

Nostalgisch und glücklich: Rolling Stones-Fans erzählen vor dem Letzigrund, weshalb ihnen die Band so gut gefällt. (Video: Tamedia)

Und zu dieser Musik gehört nicht nur das Begehren, der Sex, die Unruhe und die Einsamkeit, sondern auch die Gefahr. «Dancing with Mr. D» ist eines von mehreren Stücken an diesem Abend, die vom Tod erzählen. Die Stones nahmen die schwere Ballade in Jamaika für ihre Platte «Goats Head Soup» auf, Richards war schwer auf Heroin, und keiner wusste, wie lange er es noch machen würde. «Death warmed over», nannte ihn der englische «New Musical Express» einmal, aufgewärmter Tod.

Souverän: Keith Richards und sein wuchtiges Gitarrenspiel. Foto: Urs Jaudas

An diesem Abend auf den riesigen Bildschirmen sieht man ihm das Alter an, jede Falte, aber das Lachen und sein wuchtiges Gitarrenspiel sind noch intakt. Man kann es kaum glauben, aber nicht einmal sein Solo-Spot fällt ab. Normalerweise sind seine beiden obligaten Nummern nur für Masochisten und Schwerhörige erträglich, aber so gut, wie er seinen Song «Happy» vorträgt, mit souliger Inbrunst, hat man es von ihm schon lange nicht mehr gehört. «Slipping Away», seine zweite Nummer an diesem Abend, sorgt für den schwächsten Moment. Was solls, er hat Freude daran.

Der Anfang vom Ende

Und dann kommt Jagger zurück, zieht seine Mundharmonika, und wieder wird so ein dunkler, blutgetränkter Song gegeben: «Midnight Rambler», ein Song über den Würger von Boston, die Stones geben ihn hart und schwer. Auch diesen Song hat man schon lange nicht mehr so gut gehört. Eine düstere Intensität bestimmt dieses Konzert, als dächten die Musiker und ihre Begleiter, dass ihr Leadgitarrist Ron Wood, Kettenraucher mit Lungenkrebs, nicht mehr allzu lange mit ihnen unterwegs sein könnte. Sogar Charlie Watts, der Ungerührte am Schlagzeug, hat schon angedeutet, dass es jetzt dann langen könnte.

«Miss You», «Brown Sugar» und andere, allzu routiniert abgelieferte Hits überspielen diese und alle anderen Sorgen, bevor mit «Gimme Shelter» als erster Zugabe die Verzweiflung zurückkehrt. Das Stück aus den Endsechzigern, von Richards geschrieben, geriet zum Fanal einer Epoche, von der nicht nur die Blumen und die Liebe in Erinnerung blieben, sondern Ausschreitungen, Attentate und die Massaker in Vietnam. In Zürich spielen es die Stones in quälender Zeitlupe, ein elektrischer Gospel, und Jagger singt, dass der Krieg nur einen Schuss, die Liebe nur ein Kuss weit weg ist.

Also gefährlich nahe beieinander.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2017, 23:18 Uhr

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