Ruhe und Sturm

Gurtenfestival

Selten war ein Gurtenprogramm dermassen vielgestaltig wie heuer. Freud und Leid waren nah beieinander, Folk und Blues die musikalische Grunddominante. Und auch die Berner Feel-Good-Teenager wurden prima versorgt.

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Ane Hebeisen

Es dauert bis zur Festivalstunde 53, bis das Schwitzen auf dem Gurten endlich ein Ende nimmt. Nicht aufgrund einer plötzlichen meteorologischen Temperaturwende, nein, weil die Gruppe Massive Attack ihr Tagwerk in Angriff genommen hat. Da ist gemeinhin eher Frösteln als Transpirieren angesagt. Die Musik der Bristoler Band legt sich denn auch schwer über die Gurtenwiese wie Industrienebel über die unwirtlichsten Distrikte englischer Provinzstädte.

Das einzige Massive an Massive Attack ist die Konsequenz, mit der dieses Kollektiv jegliches Aufkommen von Turbulenz und Überschwang in seiner Musik im Keim erstickt. Das Resultat ist diese schaurige, hoffnungslose, unheimliche, tröstende, zappendustere und in ihrem ganzen Stoizismus bombastisch-schöne Eiszapfenmusik, die das Publikum regelrecht paralysiert. Dennoch heimst Massive Attack den längsten Schlussapplaus des 31. Gurtenfestivals ein. Weil sich die Band so wohltuend distanziert vom gemeinen Festbetrieb, von Publikumsanimationen und musikalischen Gefälligkeiten. Das Konzert ist eine Erinnerung an das, was Trip-Hop einst sein wollte, als er von Massive Attack Anfang der Neunzigerjahre erfunden wurde; eine Musik, welche die Unterkühltheit und Präzision elektronischer Musik mit der Magie der Soulmusik erfüllt. Aktuell ist das noch immer. Der Soul wird meisterhaft von den Sängerinnen Deborah Miller und Martina Topley-Bird verkörpert, für die Coolness zeichnen die Massive-Urgesteine Robert Del Naja und Grant Mar­shall verantwortlich, von denen man auch nach dem Gurtenauftritt nicht so genau weiss, ob sie nun unendlich abgebrüht oder endlos menschenscheu sind.

Und von Martina Topley-Bird weiss man nicht so genau, was sie dazu ermuntert hat, sich am Nachmittag zu einem Gastauftritt bei Bastian Baker hinreissen zu lassen. Man könnte erfreut konstatieren, dass sie sich nach Kollaborationen mit Problem-Männern wie Tricky oder Mark Lanegan endlich den etwas unkomplizierteren Charakteren der Popmusik zuwendet. Doch so richtig inspiriert hat sie neben dem helvetischen Vorzeigeblauäuger dann doch nicht gewirkt.

Musik fürs Kinderzimmer

Womit wir beim Konzertblock der beiden Darlings der Schweizer Feel-Good-Teenager angelangt wären. Beim erwähnten Bastian Baker und den Bieler Charmeuren von Pegasus. Zwei Bands, die sich ohne Not selber zum Erfolg verdammt haben. Lustig ist immerhin der Baker. Er fordert sein Publikum zum Pogo-Tanzen auf (er versteht darunter offensichtlich ein blosses Hüpfen an Ort) und verfüttert ihm zum Tanze eine seiner pomadigen Zusammengehörigkeits-Folkpopnummern. So richtig schlecht ist das nicht, aber so richtig spannend eben auch nicht. Im Direktvergleich wirken die Pop-Fantasien von Pegasus weit ausgereifter. Ohne den überbelichteten Firlefanz ihrer letzten Studioproduktion schnellen die Sympathiewerte dieser Band abrupt in die Höhe, obwohl auch sie – wie der Sebastian Baker – die Aufmüpfigkeit und Gefährlichkeit ihrer Musik dergestalt dosieren, dass in keinem Kinderzimmer dieses Landes atmosphärische Störungen auftreten.

Das handhabt ein anderer Schweizer Act des heurigen Programms ganz anders. Wir schreiben Festivalstunde 57, als auf dem Gurten endlich Schluss ist mit Retro und zur Poppigkeit aufgedunsenem Folkrock – eine der auffälligsten Dominanten der diesjährigen Selektion. Jeans For Jesus zeichnen für diesen temporären Paradigmenwechsel zuständig. Ausgerechnet Bern also. Jeans For Jesus haben das berndeutsche Lied erfunden, das sich nicht kurz nach Bümpliz verflüchtigt, sondern von einem fast schon mondänen Odeur umschmeichelt ist. Schicker Weltschmerz statt Provinz-Problemchen, verpixelter Dubstep-Baltimore-Indie-House statt fernwehleidiger Bäregrabe-Rock. Der Waldbühnen-Hang ist um 3 Uhr morgens dicht besetzt von wunschlosen Menschen.

Das hat kurz zuvor auch Büne Huber mit seinem Meccano Destructif Commando geschafft. Quasi die B-Seite seines Schaffens. Lieder werden hier aufgetischt, die nie zu Volksliedern arrivieren werden, denen das Identitätsstiftende der Ochsner-Hymnen abgeht, wie beispielsweise der ziemlich umwerfende «Sexy Mambo», der erste Büne-Song ever, kunstfertig auf einer Bausatz-Heim­orgel komponiert. Es gebe Leute, die der Meinung sind, Büne habe seither keinen besseren Song mehr geschrieben, erzählt er. Strenge Leute sind das. Aber darauf, dass Huber im Kleinformat unberechenbarer und amüsanter ist als im Mehrzweckhallen-Modus, darauf können sich an diesem Abend viele einigen.

Musik für Sekretärinnen

Es gibt auch Menschen, die Böses zum «Headliner der Zukunft» (Zitat: Philippe Cornu) kundtun; zur Gruppe Parov Stelar. «Das ist Partymusik für Swisscom-Sekretärinnen, die wieder einmal ein bisschen frech tanzen wollen», wird behauptet. Die Ketzerei ist berechtigt, doch die Ketzer sind in der Minderzahl. Es wird ausgiebig frech getanzt zum Elektroswing der Linzer, Bedenken, dass jedes Stück exakt demselben Muster folgt, dass jede Bassdrum gerade ist, dass jedes Bass-Solo geslappt wird, treten offenkundig in den Hintergrund.

Im Publikum ist während des Parov-Stelar-Auftritts immerhin etwas Aus­serordentliches zu beobachten. Neben den Swisscom-Sekretärinnen tanzt ein älterer Herr in Latzhose und einem abgewetzten John-Deere-Cap und posiert geduldig für Selfies junger Frauen. Der Mann heisst Seasick Steve und ist fraglos einer der Helden des Gurtenfestivals 2014. Er ist 73-jährig, hat jahrzehntelang ein Dasein als Strassenmusiker und Wanderarbeiter gefristet und mit 60 sein erstes Album veröffentlicht. Seither tritt er zwischen Royal Albert Hall, Glastonbury Festival und auf den Gehsteigen irgendwelcher Städte auf. Den Blues, den er zuvor von der Zeltbühne geschmettert hat, ist borstig wie sein weisser Rauschebart und schmutzig wie das Schuhwerk nach einem verregneten Gurtentag. Assistiert wird Seasick Steve von einem ähnlich günstig gealterten Schlagzeuger. Mehr ist da nicht. Das Ergebnis ist ein aufrührerischer, stampfender Reibeisen-Blues, den die Gurtenjugend völlig berechtigterweise mit unbändigem Jubel quittiert.

Ähnlich rau ist es zuvor eigentlich nur beim Auftritt von Prodigy zu- und hergegangen. Wenn auch unter Mithilfe vollkommen andersartigen Rüstzeugs. Prodigy lassen die Breakbeats donnern, wie sie dies seit nunmehr zwanzig Jahren tun. Die Kommunikation mir ihrer Zielgruppe ist traditionell einsilbig («I wanna fucking hear you»), und doch ist dieser Partygewalt noch immer kein Kraut gewachsen. Es ist, als hätten die Erfinder des technoiden Breakbeats ihrem Sound nochmals grössere Hörner aufgesetzt. Achtung vor dem, der nach einem derartigen Donnerwetter nicht untergeht. Unser Mann in Berlin – Bonaparte – schafft das Kunststück. Er stemmt Prodigy ein prima abgestimmtes Set entgegen und häutet sich immer mehr vom personalintensiven Zirkus-Act zur kompakten Elektro-Punk-Dada-Band. Ein grosses Hurra dafür.

Ein noch grösseres Hurra gibts für den Sonntags-Headliner Placebo. Er war auf bestem Wege, die Indie-Direktkonkurrenz gegen die sonnigen Franz Ferdinand aufgrund besserer Noten in der Kategorie der musikalischen Leidensfähigkeit knapp für sich zu entscheiden, als eine Gewitterzelle diesem Tun nach 30-minütiger Spielzeit ein vorläufiges Ende bereitet. Nach einer langen Pause wird der Konzertbetrieb wieder aufgenommen. Inniger als zuvor. Ein bisschen zorniger auch. Und unter Wegbleiben jeglicher Konzertroutine. Zum Schluss gibts ihre anbetungswürdige Deutung des Kate-Bush-Schlagers «Running up That Hill» auf klitschnassen Instrumenten. Ein Geschenk. Und dann gibts nur noch eins: «Running down that hill».

Der Bund

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