Roger Waters wird in São Paulo ausgebuht

Mit seinen politischen Statements auf der Bühne stösst der Pink-Floyd-Veteran Roger Wates in Brasilien auf Widerstand. Aber nicht nur.

Im Mai dieses Jahres trat der streitbare Rockmusiker in Zürich auf.

Im Mai dieses Jahres trat der streitbare Rockmusiker in Zürich auf.

(Bild: Walter Bieri / Keystone)

Ane Hebeisen

Es war ein unheimliches Geschrei, das vorgestern am Konzert des Pink-Floyd-Veteranen Roger Waters in São Paulo ertönte. Es war ein Geschrei von 45'000 aufgebrachten Menschen, es dauerte minutenlang an, und es schien eine Zeit lang fraglich, ob das Konzert überhaupt eine Fortsetzung nehmen könne.

Roger Waters hatte auf der Bühne auf Grossleinwand eine Liste eingeblendet, die mit «Neo-Faschismus ist auf dem Vormarsch» überschrieben war. Auf der Liste figurierten übliche Verdächtige wie Trump, Orban, Kurz oder Le Pen, und am Schluss der Liste stand: «Brazil: Jair Bolsonaro». Gemeint war der ultrarechte Kandidat, der letzten Sonntag den ersten Wahlgang zu den brasilianischen Präsidentschaftswahlen klar für sich entschieden hatte und wohl im zweiten Urnengang gewählt werden wird.

Als später in roten Lettern «EleNão» («Er nicht») über den Bildschirm flackerte, geriet die Menge endgültig ausser Rand und Band. Es ist der Hashtag der Bolsonaro-Gegner. In das Geschrei mischten sich wüste Verwünschungen an die Adresse von Roger Waters, andere buhten den Briten aus oder skandierten Schlachtrufe aus dem Wahlkampf. Noch andere buhten jene aus, die den Briten ausbuhten. Und genaue Hinhörer wollen auch Applaus für den Mann auf der Bühne herausgehört haben, der wohl dachte, mit seinem Statement eine Befindlichkeit zu treffen.

Der Sound einer gespaltenen Nation

Der Tumult war perfekt. Und er beruhigte sich nur unwesentlich, als Roger Waters gegen Ende des Auftritts versuchte, sich zu erklären: «Ihr habt eine wichtige Wahl vor euch», rief der 75-Jährige in das Geschrei des Publikums. «Ich würde es vorziehen, nicht nach den Regeln von jemandem zu leben, der die Militärdiktatur befürwortet. Ich erinnere mich an die schlechten alten Tage in Südamerika mit den Juntas und den Militärdiktatoren – und es war hässlich.»

Wie es mit der Brasilien-Tour von Roger Waters weitergeht, ist ungewiss. Morgen Samstag steht ein Konzert in Brasilia an. Ein netter Konzertplausch wird ihn nicht erwarten. Sondern das Geschrei einer aufgebrachten Masse – der Sound einer komplett gespaltenen Nation.

Der Bund

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