Rock Oz’Arènes: Himmel prallt auf Hölle

Wie klingt es, wenn Basel einen neuen Musikstil erfindet? Was zog Bürgerschreck Marilyn Manson aus dem Schock-Rock-Köcher? Und was tun die Miterfinder des New Wave heute? Ein Besuch am Rock Oz’Arènes in Avenches.

Ein Mikrofon ist für den Metal-, das andere für den Gospelgesang: Manuel Gagneux von Zeal & Ardor.

Ein Mikrofon ist für den Metal-, das andere für den Gospelgesang: Manuel Gagneux von Zeal & Ardor. Bild: Hans Berger (Rock Oz’Arènes)

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Was war das bloss für eine wunderbare Idee, mit der der Basler Manuel Gagneux eines Tages seinen Laptop aufstartete. Genau genommen war es gar nicht seine eigene Eingebung, sondern Frucht einer lustig gemeinten Anfrage in einem Internet-Chat: «Nennt mir zwei Musikstile, ich mach daraus innert 30 Minuten einen Song», hatte er eingetippt. Und weil das Internet bekanntlich ein bisschen rabauzig drauf ist, spuckte es dem Basler folgende zwei Begriffe entgegen: «Black Metal» und «Nigger Music». Letzteres deutete Gagneux kurzerhand zu Negro-Spirituals um, und dann machte sich der Mann, der bisher mit hübschem Soul-Pop durch die Kleinclubs tingelte, daran, diesen neuen Musikhybrid zu erschaffen. Ganz allein mit Klapp-Computer, Gitarre, Bass und seiner souligen Stimme – und zunehmend fasziniert von diesem sich öffnendem Spannungsfeld zwischen defätistischem Rebellentum und gottergebener Schmerzmusik.

Liebe und Hass

Nun steht er also da, schwarz gewandet im Stroboskop-Gewitter und Doppelpauken-Donnerwetter. Neben ihm singen, musizieren und headbangen fünf weitere Kollegen aus der Basler Musikszene und lugen mit angemessener Grimmigkeit vom Podium. Aus dem Scherz ist Ernst geworden. Sein heutiger Arbeitsplatz ist die Bühne des Rock Oz’Arènes in Avenches – für ihn mittlerweile bloss noch ein mittelgrosses Ding. Denn Manuel Gagneux ist mit seinem auf den Namen Zeal & Ardor getauften Projekt in kürzester Zeit zum meistdiskutierten Schweizer Musikexportgut arriviert, mit Reviews in allen relevanten Druck- und Elektro-Medien der Welt, mit mehrköpfigem Management, englischer Plattenfirma, rappelvoller Tour-Agenda, explodierender Fan- und wachsender Hass-Gemeinde.

Vor einigen Tagen spielte man noch in der Londoner O2-Academie, nächste Woche gehts nach Los Angeles. Das Album ist erst seit Ende Februar auf dem internationalen Markt, nicht viel länger existiert die Live-Band, mit der Gagneux nun seine musikalische Heimarbeit auf die Bühne bringt.

Und klingen tut das Ganze denn auch exakt so, wie er es damals im Internet aufgetragen bekommen hat: dunkler Metal trifft auf gospelartigen Gesang. Die Herausforderung: Die Metal-Puristen rümpfen ob dieser Melange routiniert die Nase (sie schütteln ihr Haupthaar sehr ungern in unbekanntem Musik-Terrain). Und die Freunde der gottesfürchtigen Gospelmusik dürften den Tag, an dem Herr Gagneux seinen Laptop aufklappte, ohnehin als einen der schwärzesten seit Ausbruch von Sintflut und Pest betrachten.

Eigentümliche Eingebung

Zeal & Ardor spielt sich im reizvollen Dazwischen der musikalischen Pole ab. Dazu passt ein kürzlich geäussertes Zitat von Gagneux ganz gut, wonach er gerne mit Sachen spiele, die er nicht richtig verstehe. Ist der Metal-Part noch ganz kompetent umgesetzt, mit raffinierten rhythmischen Finten, sorgfältig gewählten Gitarren-Sounds und muskulösem Schlagzeug, scheint die Sache mit den eingestreuten afro-amerikanischen Sklavengesängen nicht ganz so vertieft ausgearbeitet – die Melodien sind stets etwa dieselben. Wer sich in Sachen neuzeitlicher Gospelmusik weiterbilden möchte, dem sei das neue Album der Gruppe Algiers empfohlen.

Trotzdem entwickelt das Set, in welchem Zeal & Ardor erstmals ganz neue Songs vorstellen, einen Sog. Und trotzdem bleibt die Neugier an dieser Band bis zum letzten Ton aufrecht. Und trotzdem wird man sich Zeal & Ardor wieder anschauen gehen. Womöglich besteht die Anziehungskraft darin, dass Dark Metal und Gospel für Gagneux reine Symbole, keine Lebenshaltung darstellen. So entsteht eine eigentümliche Kunstmusik, voller Irritationen, dunkler und doch irgendwie verkopfter Verheissungen und voller verblüffender Gleichnisse. Die Ketten zum Beispiel, die da in gewissen Stücken rhythmisch zum Rasseln gebracht werden, waren in der Sklaverei Symbol der Unfreiheit, im Metal sind sie ein ästhetisches Accessoire.

Doch vor allem sind Zeal & Ardor der lebende Beweis dafür, dass in dieser Musikwelt, die zur gigantischen Repetiermaschine verkommen ist, eben doch noch Aufsehen erregende Dinge möglich sind. Wenn man bloss eine eigentümliche Fantasie hat und diese konsequent weiterentwickelt.

Wanken in den Ruinen

Die Zeiten, in denen die Gruppe Sisters of Mercy eigentümliche Ideen entwickelt hat, liegen schon etwas weiter zurück. Ihr Prachtsalbum «First and Last and Always» wurde 1984 in einem Studio im britischen Reading eingespielt. Ein Werk, das etwas später eine ganze Generation schwarz gewandeter Zukunftsskeptiker in schiere Verzückung bringen sollte und in England sogar Goldstatus erreichte.

Sisters of Mercy setzten den Madonnas, Ramazzottis und Minogues, die damals die Hitparaden okkupierten, eine traurige, dunkle Kraft entgegen. Sänger Andrew Eldritch und seine Mannen waren kantige Gesandte der Finsternis, sexyer als die struppigen Cure, muskulöser als die schicken Smiths und mehr dem Rock ’n‘ Roll verpflichtet als die suizidgefährdeten Joy Division.

Und heute? Was soll man sagen? Die Sexyness ist dahin. Eldritch wankt mit einer durchschnittlichen Quasi-Metal-Band durch die Ruinen seiner betagten Hits, die Stimme ist nur noch in einem schmalen Ton-Spektrum funktionstüchtig – und über die Bildschirme flackern vollkommen zusammenhangslos aneinandergereihte Sequenzen aus Tim-&-Struppi- und alten Science-Fiction-Streifen. Die leidigen Schweizer Lautstärkenbeschränkungen tragen das Ihrige dazu bei, dass da weder Euphorie noch eine anderweitig geartete Gefühlsaufwallung entstehen könnte (Metal-Gitarren in Wohnzimmer-Lautstärke – darunter hat übrigens auch der Auftritt von Zeal & Ardor gelitten).

Müder Manson

An mannigfaltig anderem pflegt der gute alte Marilyn Manson zu leiden – immer gerne an der Unmöglichkeit der Liebe, an der Welt oder am Leben an sich. Seine Pose ist die des Gequälten, seit 23 Jahren schon. Und weil mit dem Tod seines Vaters kürzlich ein weiteres Leid dazugekommen ist und er hernach einige ziemlich desolate Konzerte abgeliefert haben soll, war die Vorfreude auf das Konzert in Avenches ein bisschen getrübt. Doch Manson hält durch. Auch wenn das Leben als Dauer-Schockrocker Spuren hinterlassen hat.

Nach jedem Stück gibts überlange Kunstpausen, in denen nicht genau klar ist, ob der Protagonist noch unter uns weilt oder ob er sich schon ins Sauerstoffzelt oder in den Sarg im Hinterbühnenbereich gelegt hat. In seinen agilsten Zeiten war Brian Warner (der Mann hinter Marilyn Manson) noch ein blitzgescheiter Aufrührer, der wunderbare Karikaturen eines Amerikas auf die Showbühne brachte, das einerseits Kriege verherrlichte, auf der anderen Seite Nächstenliebe proklamierte und sich dann wunderte, wenn die Jugend ob dieser Werte-Konfusion die Orientierung verlor. In Avenches gibts kein Update davon. Manson legt sich etwas unmotiviert mit örtlichen Sicherheitskräften an oder fragt sein Publikum über dessen Sexualleben aus. Brisant ist das nicht mehr, alles wirkt ein bisschen müde. Immerhin ist musikalisch nicht viel einzuwenden. Manson bietet das bekannte Gemenge aus Grobheit, Grössenwahn und abgetakeltem Glam. Das hatten wir zwar alles schon. Aber egal. Für das das Aus-den-Angeln-Heben der Musikwelt sind ja neuerdings wir Schweizer zuständig. (Der Bund)

Erstellt: 12.08.2017, 08:24 Uhr

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