Rage, Revolutionsgeist und Raserei

Mundart-Rap erlebte 2016 das wahrscheinlich beste Jahr seiner Geschichte. Weil die Speerspitze der jungen Rapper auf einer neuen Bewusstseinsebene angekommen ist.

Alle hüpfen, drängen und rappen mit: Saviours of Soul alias S.O.S. auf der Bühne. Foto: Jojo Schulmeister

Alle hüpfen, drängen und rappen mit: Saviours of Soul alias S.O.S. auf der Bühne. Foto: Jojo Schulmeister

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Der Höhepunkt des Schweizer Rap-Jahrs endet mit einem Kollaps. «I platze», kann Rapper Dawill gerade noch hervorstossen, dann sinkt er zu dem langsam zum Stillstand kommenden Beat in seiner dicken Jacke und den klobigen Timbalandboots auf das Kopfsteinpflaster der Berner Altstadt nieder. Exitus.

Dieses theatralische Zu-Boden-Gehen ist der Abschluss des Stücks «Zement Jungle». Ein Bandwurm von Wörtern, der sich um die Verlorenheit von Mittelschichtkids dreht, um das Gefangensein in einer Maschinerie, um die Unfähigkeit auszubrechen. «Miär sy Blueme us dere Gossä, verchoufä loufend d Chance mal zäme öppis Grosses uufzboue», rappt er etwa. Das Besondere daran ist die Präsentation: Dawill, Stadtberner mit dominikanischen Wurzeln, rappt cool, hypersensibel und analytisch zugleich. Der Beat hat etwas vom Puls eines medizinischen Überwachungsgeräts. Mundart-Rap ist auf einer neuen Bewusstseinsebene angelangt.

S.O.S., Candomblé. Quelle: S.O.S. Saviours of Soul/Youtube

Noch im letzten Jahr kannte ihn jenseits des Bärengrabens kaum jemand. Fragt man nun nach der derzeit innovativsten Band, fragt man, welche Gruppe man im Kanon des Jahres 2016 auf keinen Fall vergessen dürfe, fällt immer wieder ein Name: S.O.S., Saviours of Soul, zusammengesetzt aus den Rappern Nativ und Dawill und dem Produzenten Quest­beatz, sind die Speerspitze einer neuen Mundart-Rap-Generation. An ihren Auftritten verwandeln sich Clubs und Konzerthallen von Bern bis St. Gallen in Unruheherde. Das Publikum formt sich zu einem dichten, unablässig in Bewegung bleibenden Pulk. Alle hüpfen, drängen, rappen mit.

Und das alles in Mundart

Noch nie hat Mundartmusik derartige Reaktionen hervorgerufen. Noch nie hatte Schweizer Sprechgesang ein solch hohes Energielevel, noch nie so viele formelle Freiheiten wie bei S.O.S. Das Trio lässt sich in keine Schublade packen, springt nach Lust und Laune ­zwischen klassischen Midtempo-Tracks im Kopfnicker-Rhythmus und neustem, böse zischelndem Trap hin und her – und das alles in Mundart.

S.O.S., FCKYU. Quelle: S.O.S. Saviours of Soul/Youtube

Ihre Musik hat eine immense Körperlichkeit, ist geprägt von jener Take-it-or-leave-it-Attitüde, die auch den aktuellen Rap aus den USA und England prägt. Es geht hier nicht einfach ums Spasshaben. Das ist Zeitgeist, das ist Rage, Revolutionsgeist, manchmal auch Raserei. Sie sind Hilfesteller und Hilfesuchende zugleich – S.O.S. eben.

Dass Mundart-Rap in den Gassen von Bern ein festes Zuhause hat, ist bekannt. Dass er sich auch in Frauenfeld, am grössten Hip-Hop-Festival Europas, wohlfühlt, ist hingegen eher neu. Mittlerweile bekommen heimische Acts dort ­immer bessere Slots zugeteilt. Nicht, weil sich die Veranstalter ihrer erbarmt hätten, sondern weil man sie sehen will. So nutzte das Berner Duo Lo & Leduc – zwar musikalisch inzwischen weit in den Radio-Pop vorgedrungen, aber doch tief im Hip-Hop verankert – die ihnen überlassene Hauptbühne, um ihr Konzert vor Zehntausenden von jungen Menschen mit minutenlangen Freestyle-Einlagen zu beschliessen.

S.O.S., Höhlälöiläder. Quelle: S.O.S. Saviours of Soul/Youtube

«Wänn händer s letscht mal Freestyle ghört hie? Bitte chömed mer nie meh mit Realness!», rief Lorenz Häberli (das «Lo» von Lo & Leduc) – und spielte damit auf die der Hip-Hop-Szene immanente Diskussion darüber an, was zulässig sei und was nicht. Sagen wir es so: Auch dank Lo & Leduc und ihren sämigen Hits ist mittlerweile mehr möglich – und mehr Selbstvertrauen vorhanden.

Auch politisch sind die Rapper

Auch politisch ist Mundart-Rap dieses Jahr schon gewesen: Das Luzern Trio GeilerAsDu veröffentlichte mit «8 Kilometer» einen Song zur Flüchtlingskrise, der hiesige Wohlstandsängste mit einem einfachen Refrain entkräftete: «Sie wott nüt vo dir, sie wott nüt vo mir, sie wott nur kei Problem.» Im November soll endlich der Nachfolger von «Flöchted» (2012) erscheinen. Jenem Album, das damals nach langer Durststrecke den Vorboten für die rasante Entwicklung des Genres in den letzten Jahren bildete.

Dawill, Zement Jungle. Quelle: S.O.S. Saviours of Soul/Youtube

Mundart-Rap erlebt 2016 das wahrscheinlich beste Jahr seiner Geschichte. Weil er endlich wieder vielseitig ist, weil er kontrovers ist, weil er mit dem Zeitgeist tanzt. Und weil seine Vertreter – wo sind die Vertreterinnen bloss? – mittlerweile gelernt haben, dass Rap kein festes Versmass und kein Rhythmusschema hat.

Man höre nur dem Solothurner Hitparadenstürmer Manillio zu, der mit der Single «Monbijou» den fast unmöglichen Spagat zwischen Radio-Single und richtigem Rap schaffte. Oder dem jungen Nemo Mettler aus Biel, zarte 16 Jahre alt: Am Virus Bounce Cypher, dem jährlichen Stelldichein der Szene, liess er im März mit seiner dynamischen Darbietung die gesamte Schweizer Rap-Elite stehen, jetzt liebkost er auf seiner Debüt-EP den Jazz und mischt seinen Raps hochmelodische Stimmbewegungen bei. Das klingt endlich ganz fern von jenem ungeschriebenen Regelbuch, dass der Hip-Hop-Kultur zwar Identität, aber viel öfter auch Stolperstein ist.

EKR, Es isch ok (feat Philipp Albrecht & Stereo Luchs). Quelle: eknator/Youtube

Stolpersteine, die er noch nie kannte: Thomas Bollinger alias E.K.R., mit seinen 47 Jahren einer der dienstältesten Rapper der Schweiz, steckte auf seinem «Miss Tape» das Thema Liebe so breit ab wie keiner zuvor in diesem Genre. Auf Albumlänge ist der ganze schillernde Beziehungsbogen zu hören: vom sexuellen Verlangen und der peinlichen Phase der Verliebtheit bis hin zu den Streitereien und zum Selbstbetrug. Er beschreibt es so, dass man merkt: Ja, das ist alles durchlebt. Die Leidenschaft, die Atemlosigkeit, die Beklemmung. Und wir kennen es alle auch. Dass sich der Grossmeister ausgerechnet dieses Jahr mit einer Grosstat zurückmeldet, kann nur seiner guten Intuition geschuldet sein.

Effektreiche Befindlichkeitsmusik

Ganz intuitiv und zeitgemäss gehen auch die Crew Drü0Vier und der Rapper Didi aus Zürich vor. Sie präsentierten auf ihren Alben und Youtube-Veröffentlichungen ihre eigene Version von dem, was sich Trap und Cloud-Rap nennt: effektreiche Befindlichkeitsmusik, melodienreich, wolkenhaft, gemischt mit starkem Lokalkolorit. Plötzlich ist das alles möglich auf Schweizerdeutsch.

Nemo, Blockbuster. Quelle: bakaramusic/Youtube

Im Übrigen haben mit Gimma und Griot zwei weitere ehemalige Szenegrössen noch für dieses Kalenderjahr neue Tonträger angekündigt. Um etwas Substanzielles zum Jahrgang 2016 beitragen zu können, müssen sie tief in die Trickkiste greifen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2016, 15:53 Uhr

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