Punkerin mit Traditionsbewusstsein

Kosmopolitische Weltpremiere: Die deutsche Bassistin Lisa Hoppe präsentiert an der Jazzwerkstatt Bern ein ?Quintett, dessen Mitglieder sie aus der halben Welt ?zusammengetrommelt hat.

«An der Jazzwerkstatt probieren Leute etwas aus. Das hat auch eine rebellische Komponente»: Lisa Hoppe.

«An der Jazzwerkstatt probieren Leute etwas aus. Das hat auch eine rebellische Komponente»: Lisa Hoppe. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sagt von sich, sie sei eher analog veranlagt und beschreibt ihre Musikauffassung als «Trotzreaktion gegen Zeitgeist und Institutionalisierung des Jazz». Lisa Hoppe studierte Kontrabass an der Hochschule der Künste Bern, und zwar an der Abteilung, deren Chefetage den Begriff Jazz gerne relativiert.

Bisher ist sie u. a. mit den kollektiven Trios Esche und Me & Mobi sowie als Sidewoman im Quartett des Saxofonisten Niculin Janett in Erscheinung getreten. Dass sie nun ihre erste eigene Band an der Jazzwerkstatt Bern präsentieren kann, kommt ihr zupass: «Hier probieren Leute etwas aus. Das hat auch eine rebellische Komponente. Ich bin 2012 nach Bern gekommen, seither habe ich die Jazzwerkstatt immer besucht, wenn ich konnte.»

Die Mitglieder von Hoppes Quintett Ambush kommen aus der halben Welt und haben alle keinen Schweizer Pass. Die Sängerin Yumi Ito stammt aus Japan, der Saxofonist Yehonathan Cohen kam in Israel auf die Welt, der Pianist Tom Millar kam als Kind von Australien nach England, wo der Brexit-Gegner Phelan Burgoyne (Schlagzeug) seine Wurzeln hat. Hoppe wuchs im Norden Deutschlands im beschaulichen Rotenburg an der Wümme auf und wollte ursprünglich Punk-Star werden. Dieser kosmopolitischen Besetzung wohnt gemäss der Bandleaderin durchaus eine politische Komponente inne: «Musik ist zwar nicht so explizit wie Literatur oder Theater, aber wenn ganz verschiedene Leute aus verschiedenen Ländern zusammenkommen, um gemeinsam zu musizieren, dann ist dies ein Statement.»

Drüsenfieberdelirium

2015 war Hoppe zu einer längeren Zwangspause gezwungen: Im Drüsenfieberdelirium hörte sie viel Ornette Coleman und schärfte ihr Bewusstsein für das, was sie wirklich machen will. Als wichtige Inspirationsquelle für ihr Ambush-Programm nennt sie das einzigartige Album «Out to Lunch», das Eric Dolphy 1964 kurz vor seinem Tod aufnahm und das noch heute extrem brisant und frisch klingt. Hoppe will Dolphys Opus Magnum nicht kopieren, sie strebt aber eine ähnlich freigeistige und experimentierfreudige Spielhaltung an.

Hoppes Stücke entstehen nicht auf dem Reissbrett, mal kommt ihr beim Busfahren eine Idee, mal beim Üben. Gewisse Stücke sind konventionell notiert, bei anderen verwendet sie grafische Ideen. Und beim Proben ist sie offen für Vorschläge ihrer Mitstreiter, die sie als starke Charaktere bezeichnet. Hoppe ist daran gelegen, dass die Musik nicht zu intellektuell wird: «Ich habe nichts gegen Konzepte, aber das Emotionale sollte überwiegen, ohne plakativ zu sein.» Ihre Rolle als Bassistin definiert Hoppe folgendermassen: «Als Vermittlerin zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus habe ich eine Macht, die nicht so offenbar ist.» Geschärft wurde ihr Bewusstsein für diese Rolle durch ihren Hauptfachlehrer Patrice Moret: «Vor dem Unterricht bei ihm war ich mit Scheuklappen unterwegs. Er hat meine Baustellen erkannt, und er hat mir auch die grosse Bedeutung der Tradition vermittelt.» (Der Bund)

Erstellt: 20.02.2017, 09:25 Uhr

10. Jazzwerkstatt: das Programm

Zwischen Comicvertonung, Dudelsackattacke und Prince-Hommage: Die Berner Jazzwerkstatt ist das Fest für den musikalisch ?andersdenkenden Jazz-Freund.

Mittwoch, 22. Februar

20.00: Kaana (Neo Jazz Soul)
21.15: Word of Moth (Britischer Rabaukenjazz)
22.30: Hören Sie Stimmen? (Comicvertonung)
Donnerstag, 23. Februar
20.00: Royal Flash (Südafrikanischer Jazz)
21.15: Kadawa: (Wohl-und-wehe-Jazz)
22.30: Kompost 3 feat. Mira Lu Kovacs (AT)
Freitag, 24. Februar
20.00: Lisa Hoppe’s Ambush (siehe Haupttext)
21.15: Blockparty (u. a. mit Baze)
23.00: Kœnig (Multitask-Jazz)
Samstag, 25. Februar
20.00: Chicago Lucerne Exchange
21.15: M. Vallon et sa Fanfare Extraordinaire
22.30: Interzone Extended (Jazz ohne Morgen)
23.45: Roger Nelson & The Doves (Prince-Tribute)
Sonntag, 26. Februar
20.00: Krassport – Alice (Deutschsurrealjazz)
21.15: Blar-chestra (Dudelsackjazz)

Alle Konzerte finden in der Turnhalle des ?Progr statt. (ane)

Artikel zum Thema

Helden, Tiere, Wahnsinnige

Letztes Jahr hat die Jazzwerkstatt Debatte über Sinn und Grenzen der Jazzmusik ausgelöst. Heuer sind zwar auch Späne geflogen, doch das war dem Spass überaus dienlich. Mehr...

Ein wunderbarer Teil des Problems

Je grösser der Aufwand, desto grösser der Ertrag: Diese Rechnung ging an der 8. Ausgabe der Jazzwerkstatt Bern nicht auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Soll man schreckliche Kinderwünsche erfüllen?

Geldblog Wie komme ich zu integren Börsennews?

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...