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Popmusik 1.0

Elton John ist doch noch gekommen. Am Montag hat er in Murten sein abgesagtes Konzert nachgeholt. Und er hat vorgeführt, wie Romantik klingt, wenn man sie mit 100-Watt-Glühbirnen ausleuchtet.

«The Bitch is back»: Der Pop-Romantiker bei seinem Konzert in Murten.
«The Bitch is back»: Der Pop-Romantiker bei seinem Konzert in Murten.
Sandro Campardo, Keystone
Elton John trägt auf der Bühne einen blauen Glitzeranzug,...
Elton John trägt auf der Bühne einen blauen Glitzeranzug,...
Sandro Campardo, Keystone
Am besten ist Elton John da, wenn er seine Band samt Ersatzgitarristen in den Hinterbühnenbereich schickt.
Am besten ist Elton John da, wenn er seine Band samt Ersatzgitarristen in den Hinterbühnenbereich schickt.
Sandro Campardo, Keystone
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Für einen 66-jährigen Sir mit fast 50 Jahren Bühnenerfahrung ist es eine Bühneneroberung nach Mass: Elton John trägt einen blauen Glitzeranzug, auf dessen Hinterseite der rote Schriftzug «Fantastic» aufgestickt ist. Er sieht darin ein bisschen aus wie einer dieser draufgängerischen Zirkus-Showacts, denen es gefällt, sich aus Kanonen durch die Luft schiessen zu lassen. Doch Elton John fällt – abgesehen von einem lustigen Sitzsprung auf sein Piano – nicht durch besonderes Draufgängertum auf, sondern zunächst durch gehörig Selbstironie. «The Bitch Is Back» heisst sein Eröffnungs-Song, die Schlampe ist zurück, ein Werk, das ein bisschen programmatisch ist für das Schaffen dieses Mannes. Elton John stammt aus einer Zeit, in der die grossen Stars noch von den grossen Plattenfirmen gemacht wurden. Deren Macht war so riesig, dass die Radios spielten, was ihnen diktiert wurde, und die Künstler beherzigten, was der künstlerische Direktor für sie angedacht hatte. Über 250 Millionen Tonträger hat Elton John nicht zuletzt dank diesem Rückenwind verkauft.

Doch mindestens genau so gross wie seine Anhängerschaft ist die Schar seiner Skeptiker. Iggy Pop meinte einmal auf die Frage, was denn der grösste Vorteil des Todes sei: «Man müsste nie wieder Songs von Elton John hören. Im Leben schafft man das nicht, weil ständig irgendein Radio seine Lieder plärrt.»

Gefühle auf Schnörkelfüssen

Den allermeisten der 10 000 auf der Murtener Strandwiese bescheren die Lieder von Elton John alles andere als Todessehnsüchte. Lieber schwelgen sie in Nostalgie mit ihrem Lieblings-Sir, der die Moderne so kategorisch aus seiner Musik ausschliesst. Popmusik 1.0 ist das, was hier erklingt – die Blaupause der radiogenen Unterhaltungsmusik. Jede Ecke seiner Lieder ist hell ausgeleuchtet, jedes Instrument in den Vordergrund gemischt, und jedes Gefühl steht auf Schnörkelfüssen. Die Erlösung gleisst, die Trauer funkelt. Schatten oder gar finstere Schlunde finden sich keine. Elton John ist so etwas wie die 100-Watt-Birne unter den Pop-Romantikern.

Johns grosser Irrtum

Das Konzert in Murten ist von Samstag auf Montag verschoben worden, weil Elton Johns langjähriger Gitarrist Davey Johnstone erkrankt war. Dafür entschuldigt sich Elton John artig, er habe einen Ersatzgitarristen einfliegen lassen, denn er wolle seinen Fans das Bestmögliche geben. Ein Irrtum. Am besten ist dieser funkelnde Mann nämlich genau dann, wenn er seine Band samt Ersatzgitarristen in den Hinterbühnenbereich schickt, sich alleine an sein Piano setzt und ganz gelöst Lieder anstimmt. Zum Beispiel seinen ersten grossen Hit «Your Song» oder das rührselige «Sorry Seems to Be the Hardest Word». Einzig in diesen Momenten der Reduktion entsteht in seiner Musik eine Tiefenschärfe. Weil Elton Johns restless hands endlich einmal ein paar Piano-Noten weniger anschlagen, und weil er, der zeitlebens darauf dressiert war, Unterhaltungsmusik zu machen, auf einmal ganz entspannt wirkt. Immerhin rechtfertigt die Band ihr Kommen im Gassenhauer «I’m Still Standing», der exakt so dargebracht wird, wie er 1983 aufgenommen wurde, mitsamt Digital-Synthesizer und ziemlich dünnem Frauenchor. Den Leuten gefällts.

Das neue Album

Dem Heute hat Elton John als Interpret und Song-Schreiber ausser Nostalgie also wenig mehr beizutragen. Und trotzdem erwartet man sein auf Herbst 2013 angekündigtes dreissigstes Album «The Diving Board» mit ziemlicher Neugier. Dies, nachdem sich Elton John als feuriger Fan der Gruppe Queens of the Stone Age zu erkennen gegeben hat, und sich bekanntlich erfolgreich um eine Kooperation auf deren letztem Album bemühte. «The Diving Board» soll das Piano-lastigste Werk seiner Karriere werden. Das könnte sogar ziemlich Spass machen.

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