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Pop-Briefing: Wer hört eigentlich Züri West?

Protest gegen Jair Bolsonaro – und wieso Mani Matter fürs Streamingzeitalter wie geschaffen ist.

Wenn die Welt eine Nachfolgerin von Etta James braucht, sie wäre eine Kandidatin: Tami Neilson.
Wenn die Welt eine Nachfolgerin von Etta James braucht, sie wäre eine Kandidatin: Tami Neilson.
zvg

Das muss man hören

Auf ihrem neuesten Album wird Tami Neilson als «The hot rockin' lady of Country, Rockabilly & Soul» angepriesen. Das stachelt die kanadische Neuseeländerin an, sich nach Leibeskräften die Seele aus dem Leib zu schmachten. Falls die Welt nach einer würdigen Nachfolgerin von Etta James fahnden sollte, dann kann es nur diese Dame geben.

Balafon, Schlagzeug und Bassklarinette: Das ist ein eher ungeläufiges Instrumentarium. Was sich damit Wildes anstellen lässt, ist auf dem neuen Album von Ali Keita, Jan Galega Brönnimann und Lucas Niggli nachzuhören. Im schweizerisch-ivorischen Projekt treffen übrigens zwei Sand- und Lehmhüttenkollegen aufeinander: Brönnimann und Niggli sind beide im kleinen Kameruner Dorf Bafut aufgewachsen, sie kennen sich quasi seit dem ersten Lebensjahr. Und es sind abenteuerliche Geschichten aus dieser Zeit überliefert. Einmal sollen die beiden beim «Zäuseln» einen ganzen Urwaldhang in Brand gesteckt haben. Gut, dass sie von der Waldvernichtung auf die Klangerzeugung umgesattelt haben.

Arnaldo Antunes ist der Brasilianer mit der unheimlichsten Bassstimme in der Geschichte der südamerikanischen Musik. Und er ist gerade reichlich verstimmt, nachdem der rechtsradikale Präsident des Landes – Jair Bolsonaro – ungefragt einen seiner Songs für die Untermalung eines Videos benützt hat, welches das Volk zu einer regierungsfreundlichen Demonstration anstacheln soll.

«Es ist abstossend, zu sehen, dass ein Lied von mir für etwas eingesetzt wird, das gegen all meine Prinzipien verstösst», hat er verlautbaren lassen, um sogleich eine Klage gegen die Regierung einzureichen – unter grosser Solidarität wichtiger Exponenten der brasilianischen Musik. Dabei hätte er doch weit Erbaulicheres zu tun: Soeben ist nämlich sein neues Album erschienen.

Darüber wird gesprochen

Es mag langsam ermüden, doch das Coronavirus hat auch die Musikindustrie kontaminiert. Kein Wunder, denn ein staatlich verordnetes Konzertverbot hat es in der Geschichte der Branche noch nie gegeben. So hat die Verunsicherung die gesamte Verwertungskette erfasst, vom Besucher über die Veranstalter bis zu den Musikern und Hallenbetreibern. All diese Player versuchen nun, die Kosten möglichst auf die anderen abzuwälzen.

Thomas Dürr von der Agentur Act Entertainment prophezeit Rechtsstreitigkeiten, die sich über die nächsten Jahre erstrecken und nichts als Verlierer hervorbringen dürften. Ausserdem geht er davon aus, dass die wenigen verbliebenen Grossveranstalter der Schweiz bald auf dem Konkursamt landen werden.

Sowohl die Musikschaffenden wie auch die Veranstalter treten nun mit Forderungen an den Bundesrat – beide sind etwa in gleichem Masse von den Massnahmen betroffen. Vielsagend ist, wie sich diese Wortmeldungen im Ton unterscheiden: Während der Branchenverband der professionellen Schweizer Konzert-, Show- und Festivalveranstalter rasch und unkompliziert Geld aus einem Krisenfonds fordert, bittet der Verband der Musikschaffenden Sonart den Bundesrat, dass er «neben den anderen berechtigten Wirtschaftszweigen auch die Musikbranche in ihrer Gesamtheit im Bewusstsein hat und miteinbezieht, wenn weitere Massnahmen und Kompensationsmöglichkeiten diskutiert werden.»

Den ganzen Text zum Thema lesen Sie hier.

Das Schweizer Fenster

Die Streamingnutzer des Landes sind enthusiasmiert, da seit dieser Woche endlich auch auf das Tonvermächtnis des Berner Mundarthäuptlings Mani Matter zugegriffen werden kann. Und die hübschen Lieder scheinen für das Streamingzeitalter wie geschaffen. Kaum eines ist länger als zwei Minuten, Matter kommt ohne Umschweife zum Songkern, und stilistisch schlagen die Songs keine grossen Haken, was der Durchhörbarkeit förderlich ist.

Somit sind also – ausser Stiller Has – alle grossen Berner Musikinstitutionen in der digitalen Welt angekommen. Züri West hat sich bereits letzten Dezember für den Schritt entschieden. Interessant ist in diesem Fall die Spotify-Rubrik «Am meisten gehört in»: Wer geglaubt hat, Züri West würden vornehmlich in Bern in Dauerschlaufe gespielt, liegt nämlich falsch. Die Stadt, welche am fleissigsten Songs von Züri West hört, heisst Zürich (8700 Hörer). Auf Platz zwei liegt Bern mit bloss 3700, gefolgt von Lausanne mit 1550 und Basel mit 800 Hörern.

Nett und fast vergessen: Züri West kann auch Bossa nova:

Was blüht

Bisher hat die Corona-Krise vor allem die Grossen der Livebranche erwischt. Diese Woche soll für Konzerte unter 1000 Zuschauern eine schweizweit gültige Regelung getroffen werden. Je nachdem wie streng diese ausfällt, könnten auch die kleineren Veranstalter darunter leiden.

Das Fundstück

Bald erscheint das neue Album von Gotthard, was wieder einmal die Frage aufwirft, was das Tessin eigentlich sonst noch zu bieten hat. Die Antwort: Der Kanton hat in den 80er-Jahren eine der sonderbarsten Bands hervorgebracht, die die Schweiz je gesehen hat. Dr Chattanooga and the Navarones sang in einer merkwürdigen Fantasiesprache und vermengte Punk, Wave und Synthiepop mit wilder Schnauzbart-Exotik. Jedenfalls wurde ihre Musik in Ermangelung besseren Wissens auch hierzulande im Fach der Weltmusik abgelegt.

1980 wurde die Band gar ins Schweizer Farbfernsehen eingeladen.

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? 30 neue Songs sind diese Woche zusammengekommen. Das Spektrum reicht vom Franzosen-Synthiepostpunk von Bleu Russe bis zum Vintage-Trip-Hop von Waldeck. Ausserdem gibt es Neues vom Ethio-Jazz-Erfinder Mulatu Astatke oder von der Soul-Sirene Lianne La Havas.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Spätwinterspaziergänge.

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