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Pop-Briefing: So klingt die Krise

Die Popmusik-Kolumne: Womit lässt sich ein Volk ruhig stellen? Was brachte Montreux 1970 in Aufruhr? Und wie klingt Gevatter Blues im Jahr 2020?

Die Musik dieses Duos könnte unserem obersten Corona-Besänftiger Daniel Koch gefallen: The Saxophones.
Die Musik dieses Duos könnte unserem obersten Corona-Besänftiger Daniel Koch gefallen: The Saxophones.
zvg

Das muss man hören

Der Rat der Stunde lautet: Ruhe bewahren, während draussen Seuchen und Viren die Menschheit dahinraffen. Als ideale musikalische Hilfe bietet sich da das neue Album der Gruppe The Saxophones an. Das verheiratete Duo hat seinen Erstling 2018 in einem Boot aufgenommen, während um die Musizierenden der nordkalifornische Winter wütete. Fürs neue Werk war es das schiere, turbulente Leben – mitsamt Kindergeburt – das die beiden zu dieser seelenruhigen Traummusik getrieben hat. «Eternety Bay» klingt wie ein entspannter Sommerabend an einem idyllischen Ort, wo Wasser- auf Landmasse trifft und die Sorgen Pause haben. Und im Hintergrund schmachtet das unaufgeregteste Saxofon seit Sades «Smooth Operator». Wer Bands wie Timber Timbre oder Lambchop mag, wird bei The Saxophones vor Vergnügen ins Schnurren geraten.

Es ist länger her, seit ein neues Blues-Album uns in den Zustand der Schockverliebtheit bugsiert hat. Der Mann, der dies wieder einmal schafft, heisst Bai Kamara Jr, stammt aus Sierra Leone, lebt seit Jahren in Belgien und hat bereits sechs Alben vorgelegt, die allesamt kaum Beachtung fanden. Also hat er sich für sein neues Werk «Salone» vom bisher betriebenen Soul-Pop verabschiedet, um sich in die Ursuppe der Popmusik zurückzuziehen. Das Ergebnis: minimal instrumentierte Blues-Nummern im Stile eines jungen John Lee Hooker. Doch höret selbst:

Weil die Benelux-Staaten eher selten in den Fokus hiesiger Pop-Berichterstattung geraten, setzen wir noch einen drauf: Einen guten Grund dafür liefert uns die Soul-Sängerin Michelle David, eine in den Niederlanden gestrandete Amerikanerin, die sich dem althergebrachten Rhythm & Blues, dem kernigen Soul und dem brünstigen Gospel verschrieben hat. Und mit wie iel Klasse sie das tut, beweist sie mit «The Gospel Sessions vol. 4», worin sie auch immer wieder afrikanische Grooves eingearbeitet hat.

Wem das alles ein bisschen zu vergangenheitsverliebt anmutet, dem sei das neue Album des Queer-Rap-Vorreiters Zebra Katz ans Herz gelegt. Es erscheint zwar erst am 20. März, doch die ersten Vorboten lassen auf ein erquickend progressiv-avantgardistisches Tonwerk hoffen. Nennen wir es ergebnisoffenen Hip-Hop.

Darüber wird gesprochen

Mit McCoy Tyner hat einer der grossartigsten Pianisten der Jazzmusik das Zeitliche gesegnet. Zusammen mit John Coltrane hat er Meilensteine des Genres erschaffen, sass er doch während der Einspielung von Alben wie «My Favourite Things», «Impressions», «Meditation» oder «A love Supreme» am Piano. Hiergehts zum Nachruf.

Meine Lieblingseinspielung seines Soloschaffens ist das Album «Sama Layuca» unter anderem mit dem ungezügelten Gary Bartz am Saxofon. Ende der Sechzigerjahre war Tyners finanzielle Situation noch so schlecht, dass er in New York Taxi fahren musste. Anfang der Siebzigerjahre begann er, nachdem er einen Vertrag beim Label Milestone unterschrieben hatte, wieder Oberwasser zu gewinnen. Die Aufnahme stammt aus dieser Phase, in der McCoy Tyner seine musikalischen Fühler in alle Richtungen auszustrecken begann und ein Album voller exotischer Noten und rhythmischem Drive einspielte.

Das Schweizer Fenster

Der Tessiner Fabio Pinto hält es offenbar nicht sonderlich lange aus mit seinen eigenen Projekten. Es ist noch gar nicht allzu lange her, da verdrehte er uns mit seinem Pixel-Soul-Projekt Kamikaze den Kopf.

Nun hat er eine neue Band namens Monte Mai gegründet, deren erster veröffentlichter Song jetzt nicht drastisch anders klingt als das, was er früher im Sinn hatte. Dies ist als durchwegs positives Statement zu werten. Das Album soll Ende Jahr auf dem Label On The Camper (u. a. Peter Kernel, Camilla Sparksss) erscheinen.

Was blüht

Es blüht der Schweiz ein Jahr ohne M4Music. Das Festival, an welchem die heimische Musikszene den Austausch pflegt und sich mit dem Ausland vernetzt, ist letzte Woche abgesagt worden. Die Organisatoren wollen den Anlass nun als Live-Stream ins Netz stellen. Ein Vorgehen, wie es in anderen Corona-geplagten Gegenden bereits erprobt worden ist.

Was alles im Netz zu sehen sein wird (die Konzerte der internationalen Acts dürften schwer zu kriegen sein), darüber wollen die Verantwortlichen im Laufe der Woche informieren. «Das ganze Team arbeitet derzeit auf Hochtouren an unserem digitalen Festival 2020», heisst es aus Zürich.

Das Fundstück

Der britische Jazz wird derzeit gerade auf allen Kanälen gerühmt und gepriesen. Es ist kein neues Phänomen. 1970 trat eine der wohl hervorragendsten britischen Jazzbands am Montreux Jazz Festival auf, das in dieser Zeit unter anderem ein Wettbewerb war. Der Festival-Gründer Claude Nobs ermunterte die grossen Radiostationen Europas, die beste Jazzband des Landes an den Genfersee zu schicken, im Gegenzug durften sie das Festival übertragen. Ein cleverer Zug, der Montreux bald als weitherum bekannte Marke etablierte.

Die BBC schickte 1970 die Gruppe Nucleus nach Montreux, eine wilde Band, die Jazz und psychedelischen Rock derart fein verquirlte, dass sie als Sieger des Wettbewerbs hervorging. Der Trompeter von Nucleus, Ian Carr, veröffentlichte 22 Jahre später die grosse Biografie über den Trompeter Miles Davis, dem er in dieser Zeit ganz offensichtlich bereits nacheiferte.

Der Gitarrist Chris Spedding wurde einer der gefragtesten Gitarristen Englands und von Leuten wie Paul McCartney, Tom Waits, John Cale oder Elton John angeheuert, was 1970 noch eher unwahrscheinlich schien.

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? 30 neue Songs sind diese Woche zusammengekommen. Es gibt neue Gastbeiträge von Bonnie «Prince» und Patrick Watson, es gibt ein neues Lied des einstigen NDW-Helden Andreas Dorau, ebenso von den Indie-Hoheiten The National und Little Dragon. Und es gibt einen Song aus dem soeben erschienenen Albums des fast schon schamanisch anmutenden Italo-Luzerners Blind Boy De Vita. Eine gfürchige Sache.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Spätwinterspaziergänge.

Jeden Dienstag schreibt die TA-Musikredaktion in dieser Kolumne über Popmusik. Und gibt mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hört.

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