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Pop-Briefing: Frischfleisch für die Veganer

Die Popmusik-Kolumne: Wie klingt New Wave aus der Türkei? Warum entsagt Meat Loaf dem Fleisch? Und was will uns Lana Del Rey erzählen?

Sie scheitert gerade an der hohen Kunst, ein Buch zu veröffentlichen: Lana Del Rey.
Sie scheitert gerade an der hohen Kunst, ein Buch zu veröffentlichen: Lana Del Rey.
Pamela Cochrane

Das muss man hören

Das Jahr 2020 ist noch zu frisch, um bereits bedeutende Musik abgesondert zu haben. Die neue EP der Foo Fighters hat nicht das grosse Aha-Erlebnis ausgelöst, und die neue Single von Justin Bieber bringt die Musikwelt ebenfalls nicht weiter.

Selbiges tut schon eher das im November erschienene Album «I Dream of Everything» des Londoner Produzenten Subculture. Allerdings greift auch dieser auf Gewesenes zurück. Sein Sound-Layout wäre früher in der Schublade des Trip-Hop abgelegt worden.

Auch schon öfter versucht worden ist die Fusion aus Hip-Hop und Jazz. Aber selten hat sich das so stimmig angehört wie auf dem neuen Album «Waiting Game» der amerikanischen Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington.

Wie klingt eigentlich New Wave aus Istanbul? Die Gruppe Lalalar hat im Jahr 2019 ihre ersten vier Singles veröffentlicht und verquickt die altehrwürdige Schwarzmalermusik mit anatolischen Tonalitäten.

Vieles an Marcelo Frota (aka MOMO.) erinnert in angenehmer Weise an den brasilianischen Melancholiker Rodrigo Amarante: die traurige Stimme, das gedrosselte Temperament und der Wille, den Bossa Nova mit neuer Spannkraft in die Neuzeit zu bugsieren. Das in Los Angeles aufgenommene Debütalbum des in Lissabon lebenden Brasilianers gehört zu den Freuden eines beinahe vergessenen Musikgenres.

Im neuen Film «Dolor y Gloria» von Pedro Almodovar ist mir ein Song aufgefallen, den ich im Felde der spanischen Schwulst-Klassiker verortet hätte. Doch das Lied ist tatsächlich erst 2019 erschienen und stammt von der Sängerin Mina. Schwülstig ist es trotzdem. Und wunderschön.

Darüber wird gesprochen

Die schönste Schlagzeile des noch sehr jungen Jahres hat der alte Schmachtfetzen Meat Loaf (frei übersetzt: Fleischklops) produziert. Der 72-jährige Sänger hat sich entschieden, das Jahr 2020 als Veganer zu beginnen. Mit dem Vegan-Januar möchte er mithelfen, die Welt ein bisschen besser zu machen, liess er ebendiese Welt wissen. Den Vorschlag, sich für diese Zeit in Veg Love umzutaufen, lehne er indes entschieden ab.

In einem anderen Interview sprach er der Klimajugend allerdings die Kompetenz ab, es ihm mit der Verbesserung der Welt gleichzutun. Den Klimawandel gebe es nicht, sagte er der «Daily Mail». Und Greta Thunberg sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Ein bisschen mehr Gehirnhygiene würde dem alternden, republikanisch gesinnten Kuschelrocker ebenfalls nicht schlecht anstehen.

Das Schweizer Fenster

Als «shamanistic Singer/Songwriter» bezeichnet sich der in Luzern lebende, aber immer öfter in Afrika weilende Blind Boy De Vita. Irgendwie dunkel, irgendwie bestrickend und irgendwie vollkommen umwerfend ist seine zweite Single, die er auf dem Label Mouthwatering veröffentlicht hat. Anfang März sollen die bluesigen Saiten-Séancen des einäugigen Zweimetermannes im Longplay-Format zu bestaunen sein.

Freilich nicht mehr ganz neu ist der Musikkatalog der Berner Gruppe Grauzone. Der Song «Raum» wurde anno 1980 zusammen mit dem legendären «Eisbär» auf der Compilation «Swiss Wave» veröffentlicht. Nun hat ihn der schottische Produzent Naum Gabo geremixt. Und irgendwie klingt das Ganze auch heute noch reichlich frisch.

Mitgearbeitet an diesem Remix hat übrigens ein gewisser Dennis Young von der Gruppe Liquid Liquid. Diese hat mir 1983 meinen Allzeit-Lieblings-Tanzboden-Track «Optimo» geschenkt.

Was blüht

Erhebliche Timing-Probleme offenbart derzeit die Sängerin Lana Del Rey. Hat sie doch für die erste Januarwoche ein Spoken-Word-Album angekündigt – und sogleich wieder verschoben. Der Grund: Ihre Schwester wurde über die Feiertage ausgeraubt.

Nun stellt sich also weiterhin die Frage, was uns Frau Del Rey auf dem Textwerk zu erzählen hat. Die Fans munkeln, dass es sich beim Album um die Audioversion ihres ersten Lyrik-Bands namens «Violet Bent Backwards Over the Grass» handeln soll. Dieser sollte schon lange veröffentlicht sein, allerdings habe Lana Del Rey die Zeit unterschätzt, die das Binden eines Buches benötige.

Das Fundstück

Anfang der Achtzigerjahre erlebte nicht nur die Gruppe Grauzone ihren Höhenflug. Auch auf den kapverdischen Inseln wurde eifrig musiziert. Die musikalische Übermuttter der Inseln, Cesaria Evora, hatte sich fünf Jahre zuvor aus der Branche verabschiedet, weil sie der Meinung war, dass sich das Singen auf den Kapverden nie auszahlen würde (ihren Durchbruch schaffte sie erst 1985).

Also mussten andere ran. Zum Beispiel die Gruppe Cabo Verde Show, die sich merklich von der amerikanischen Discomusik der damaligen Zeit inspirieren liess und sich auf den Inseln bald grosser Beliebtheit erfreute.

Diese und viele andere Perlen der kapverdischen Musik der Achtzigerjahre finden sich auf der Compilation «Radio Verde». Zusammengestellt wurde sie von zwei Heimweh-Kapverdern, die in den 80s in Rotterdam einen Radiosender betrieben, um die vielen Exil-Landsgenossen mit frischer Musik zu versorgen.

Wie es klingt, wenn sich Synthesizer und Spurenelemente des New Wave mit dem traditionellen Funana vermengen, zeigt Danny Carvalho aus der kapverdischen Hauptstadt Praia.

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? 31 neue Songs sind diese Woche zusammengekommen. Das Spektrum reicht vom Vorwärts-Hip-Hop des New Yorkers Baauer über den Afro-Jazz von Gyedu-Blay Ambolley bis zum Post Punk von Do Nothing. Ausserdem gibts einen neuen Song der elektrisch verdrahteten Düsseldorf-Afrikaner Gato Preto.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Herbstspaziergänge.

Jeden Dienstag schreiben die Musikredaktoren Ane Hebeisen und Benedikt Sartorius in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

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