Poet der Internetpornos

Keiner schreibt gerade so wundervoll räudige Songs über die Abgründe des Lebens und der Liebe wie Alex Cameron.

Auf Alex Camerons neuem Album «Forced Witness» glitzert die Musik wie Las Vegas in der Ferne, während ihre Protagonisten Kopf über im Wüstendreck liegen.

Auf Alex Camerons neuem Album «Forced Witness» glitzert die Musik wie Las Vegas in der Ferne, während ihre Protagonisten Kopf über im Wüstendreck liegen. Bild: https://alkcm.bandcamp.com/

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Pornoindustrie hat uns nicht nur die VHS-Kassette, Blu-ray und das Online-Bezahlen mit Kreditkarte geschenkt, sondern auch Alex Cameron, den ersten grossen Pop-Künstler im Zeitalter der niedrigschwellig verfügbaren Internetpornografie. «I love my little darling», singt Cameron in einer dieser zehn wundervoll abseitigen Pop-Kurzgeschichten, die er gerade auf seinem zweiten Album «Forced Witness» (Secretly Canadian) weitgehend unbemerkt veröffentlicht hat. Er liebe also seinen kleinen Schatz, heisst es da, aber er liebe eben auch diese Frauen im Internet.

Alex Cameron oder zumindest seine Kunstfigur, so oberflächlich muss man jetzt kurz sein, ist eher so der Typ Frauenerschrecker im Trenchcoat. Einer, der sich auf der halbdunklen Tanzfläche besonders creepy an die Ladys ranwanzt. Camerons lyrisches Ich ist nun aber kein lüsterner Unhold, sondern eine von Scham, Schuld, Reue und Lust gequälte Seele. Er verrät das gleich zu Beginn des Albums: «So I live with a deep regret/ Of all I do on the internet/ And I'm filled with a dirty white guilt». Und schiebt dem Geständnis gleich noch einen so mächtig drückenden Groove samt seichter Saxofonumspülung unter, dass man nur sagen kann: eine gequälte Seele, ja, aber auch eine arschcoole.

Allein das Auftreten. Früher – das heisst bei Alex Cameron: vor einem Jahr, als sein Debütalbum «Jumping the Shark» erschien – klebte er sich Falten und Pockennarben aus Latex ins Gesicht und steckte sich ein Hörgerät ins Ohr, um seiner Bühnenfigur, einem gescheiterten Entertainer, so nahe wie möglich zu kommen. Er wurde zu einem grossen, bleichen Mann, der seine langen Haare, die wie Schnittlauchbünde von seinem Kopf hängen, mit viel Fett nach hinten gepappt trägt. Eine ätzende Visage. Was hat ihn bloss so ruiniert? Das Internet? Die Pornos?

Auch eine Parade dekonstruierter Männlichkeit

«Ich schreibe über den Ausreisser, den Typen, der alleine am Tisch sitzt, dessen Leben eine Vereinigung von mikroskopisch kleinen Tragödien ist», sagt Cameron selbst. Und in der Tat: Keiner schreibt gerade so wundervoll räudige Songs über die Abgründe der Liebe wie dieser junge Australier. Über den Dreck in ihren finstersten Ecken, den Kitsch in ihren strahlenden Träumen, den ganzen lächerlichen Quatsch dazwischen. Und vor allem über ihre Protagonisten: Männer auf dem Weg nach unten.

«Forced Witness», das sind vierzig Minuten, aus denen man jeden zweiten Satz zitieren möchte. So dringlich geradeaus ist Camerons Lyrik, so dicht dran an der eigenen kleinen Existenz. Und dann doch wieder so weit weg. Herrlich fies und rücksichtslos dumm. Komisch und traurig zugleich sind die Geschichten dieser kaputten Gestalten, die am Ende doch auch nur so kaputt sind wie du und ich. Und bei denen ist völlig klar, was sie so ruiniert hat: Die Liebe, natürlich, die grösste Betrügerin von allen. Und das Leben, ihr schmieriger Komplize.

«Forced Witness», das ist auch eine Parade dekonstruierter Männlichkeit. Da ist der eifersüchtige und mindestens latent homophobe Mackertyp («Tell that little faggot call me faggot one more time»), der abgeklärte Vagabund («The worst part of being homeless/ Is waking up from a dirty wet dream»), der Mann mit der Stripperin auf der Rückbank und dem Geld im Kofferraum. Alles Klischees und Stereotype, Standardfiguren der Pulp-Kultur, die victims of love, die lovers on the run. Das alles könnte vollends lächerlich sein. Ist es aber nicht. Warum, das hat Umberto Eco vor vielen Jahren schon einmal in einem immer noch unbedingt lesenswerten Essay über den Kitsch-Klassiker «Casablanca» erklärt: Zwei Klischees bringen uns zum Lachen. Hunderte Klischees rühren uns.

Und Cameron ersäuft seine Songs in Kitsch und Klischees. Da der tropische Groove, die totale Total-Eclipse-of-the-Heart-Ergriffenheit, hier das samtige Saxofon von Kumpel Roy Malloy, da die sonnenmüden, mit Goldketten behangenen Yacht-Rock-Gitarren. Wo auf dieser Platte zwischen zwei Noten auch nur ein klein wenig Platz ist, quellen die Synthies und Keyboards. Dass Brandon Flowers, Killers-Frontmann und der andere grosse Mann für das ganz grosse Achtziger-Pop-Pathos, einen Song auf «Forced Witness» mitgeschrieben hat, fällt überhaupt nicht weiter auf. Es passt aber natürlich ganz genau. Die Musik glitzert wie Las Vegas in der Ferne, während ihre Protagonisten Kopf über im Wüstendreck liegen.

Denn Cameron hat natürlich keinerlei Gnade mit diesen Männern. Keine Rettung naht. Aber er bietet uns Liebe, eine grosse, allumfassende Liebe. In ihrem absoluten Scheitern sind seine Songs absolut erhebend. Cameron singt von der Unwirtlichkeit des Lebens, seinen falschen Versprechen und dem heissen Internetflirt, der so schnell erfriert. Allein, und das ist die Krönung dieses guten und irrsinnig unterhaltsamen Albums, es ist ihm egal. «There is this woman on the internet», singt Cameron in «True Lies», «even if she's some nigerian guy.» Und dann: «Well you should read the poetry he speaks to me/ I don't care if they're just beautiful lies.» Die Lüge schlägt die Wahrheit. Die Kunst ist grösser als das Leben. Und das hier, das ist manchmal dumme, immer kitschige, aber verdammt grosse Kunst. Vom grössten Loser der Musikgeschichte. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 15:49 Uhr

Artikel zum Thema

Granteln tut gut

Krautige Tanzmusik voller Referenzen, gepaart mit einer bösen Zunge: Die Wiederbelebung von LCD Soundsystem klingt erstaunlich aufregend. Mehr...

«Ein heftiges Auskotzen, ein grosser Mittelfinger»

Interview «Lang lebe der Tod» von Rapper Casper ist unbequeme Musik für unbequeme Zeiten. Im Gespräch verrät er: So kaputt, wie das neue Album klingt, war er eine gute Weile auch selbst. Mehr...

Mit schelmischem Funkeln in den Augen

Kritik Robbie Williams zelebrierte im Letzigrund seine Liebe zur Popmusik. Sein Konzert wirkte wie eine wunderbar launige Karaoke-Show. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Wie stoppt man einen Hitler?

KulturStattBern Bern auf Probe: Datensicherung auf festen Platten

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...