Plötzlich schweben

Der Schriftsteller Patric Marino und der Musiker Oli Kuster haben zusammen ein Album aufgenommen, das atmet.

Sobald der Mond aufgeht, gehen sie «hei ga schlafe»: Patric Marino (l.) und Oli Kuster.

Sobald der Mond aufgeht, gehen sie «hei ga schlafe»: Patric Marino (l.) und Oli Kuster. Bild: zvg/André Raul Surace

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Schwerelos sind sie nur im Drehkarussell auf dem leeren Spielplatz. Anstatt den Fuss auf fremde Sterne zu setzen, laufen sie über den Asphalt; in ihren nicht mehr weissen Anzügen, auf denen ein Aufnäher der Nasa klebt. Und sobald der Mond aufgeht, gehen sie «hei ga schlafe». Der Schriftsteller ­Patric Marino und der Musiker Oli ­Kuster sind Astronauten – auf ihrem ­eigenen Planeten, der Erde.

Die Berge und das Meer, die Tränen und das Lachen: Für den Berner Marino war die Heimat seines «Nonnos» auch immer ein bisschen die seine. Und er brachte von seinen Reisen in den Süden stets mehr mit als nur Salami und ­Limoncello. In Italien sind viele seiner berndeutschen Texte entstanden. Es sind Geschichten von einem, der sich Zeit genommen hat, auf der Parkbank des Lebens den vorübereilenden ­Menschen ins Gesicht zu schauen. Der 25-Jährige hat 2012 für sein literarisches Debüt «Nonno spricht» den Anerkennungspreis der Literaturkommission des Kantons Bern erhalten. Mit seiner neuesten Veröffentlichung verlässt er nun die Buchseiten.

Text zum Puls

«Die Astronauten» ist das erste gemeinsame Werk von Marino und Kuster. Die Songs sind in den letzten zwei Jahren entstanden, aufgenommen in Kusters Studio im Progr. «Wir hatten zu Beginn kein fixes Konzept», sagt Marino, «der musikalische und sprachliche Sound des Albums hat sich erst aus der Zusammenarbeit entwickelt.» Oft war da bereits eine musikalische Skizze, «ein Puls». Dazu schrieb Marino dann seinen Text. «Ich habe keine Ahnung, wie man einen Song schreibt. Ich habe mich einfach mit Themen beschäftigt, recherchiert und verdichtet, bis es gepasst hat.» Seine Texte inspirierten wiederum Kuster.

Und plötzlich fing alles an, zu schweben. «Ich habe den Fokus nicht auf die Melodie gelegt, sondern auf die Stimmung. Das hat mir viel mehr Freiheiten eröffnet, als bei einem klassischen Song», so Kuster. Er, der sonst am Keyboard mit Züri West oder seiner eigenen Band Aeiou unterwegs war, hat zudem den Schlagzeuger Rico Baumann (von True), die Sängerin Marena Whitcher und andere Schweizer Musiker als Gäste geladen. So spinnt er einen musikalischen Kokon aus elektronischem Garn um die Texte herum. Und Marino spricht sie im Takt. Also eine Art literarischer Soundtrack? Oder musikalisches Spoken Word? Electro Poetry nennen es die beiden.

Dass sich Literatur und Musik gut ­verstehen, war schon klar, bevor Blixa Bargeld von den Einstürzenden ­Neubauten auf der Bühne seine Worttürme von der Musik umwogen liess. Das Dazwischen scheint für manche genau der richtige Ort zu sein. Die Liaison, die sich in Amerika und England bereits etabliert hat, ist in der Schweiz noch jung. In Bern sind die Fahnenträger das Duo Fitzgerald & Rimini.

Doch die Astronauten treten nicht in gemachte Fussstapfen. Egal ob Seemannslied, Schnellrap oder Ballade: Es öffnen sich stets neue Räume.

Rössli und Streichsalami

«D’Wäng hei ke Farb meh, aber tuusig Farbe»: Wo Marino im Flüsterton von ­einer alten Villa erzählt, die seit 40 Jahren leer steht, ist die Musik der Wind, der durch die Fensterritzen drängt. «Di Tote fingt me immer. Es si di Läbige, wo chöi verschwinde»: Wo er an das Verschwinden von Ettore Majorana ­erinnert, flackert das Piano wie der ­unstete Geist des berühmten Physikers. Obwohl die Parabel vom Astronauten nicht die originellste ist, scheint hier ­alles zu atmen. Es ist ein schwereloses Album, dessen Anker das Leben ist.

Wir begegnen einem Strassenverkäufer mit dem Namen Destiny und einem Coiffeur, den der Tod seines Vaters aus der Bahn wirft. Wir entdecken unsere Verwandtschaft mit dem Tiefseeanglerfisch, werden über den Unterschied zwischen einer Streichsalami und der Mafia aufgeklärt und treffen immer wieder auf das «Rössli vo Rupperswiu».

Auf dem Logo des Zuckerpäckchens der Fabrik in Rupperswil steht es auf seinen Hinterhufen. Marino klebt mit diesem Alltagsding verschiedene Schicksale zusammen: zum Beispiel jenes von Balotelli, «wo es Bei het amputiert u vorem Bahnhof uf sine Chrücke jongliert», von den Prostituierten, «wo Chätschi lö la platze» und von Maria, die «ir türkische Tracht ds Menü eis serviert». Hier, wo der Autor die Fäden neu spannt und Kuster sie zum Schwingen bringt, ist das Album am eindrück­lichsten. Auf die Idee ist Marino im Zug nach Zürich gekommen, denn kurz nach Olten fällt sein Blick stets auf jene Zuckermühle in Rupperswil.

Man braucht nicht immer ein Raumschiff, um zu entdecken.

Heitere Fahne Wabern, Freitag, 11. 9., 18 Uhr (Plattentaufe). Sternwarte Muesmatt Donnerstag, 15. 10. (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2015, 11:12 Uhr

Die Astronauten – Astronaut

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