Plötzlich diese Unschuld

Der Veranstalter Harry Sprenger wurde vom Bundesgericht freigesprochen.

Harry Sprenger prägte mit seiner Konzertagentur «Free & Virgin» lange das Zürcher Musikleben. Bild: Dominique Meienberg

Harry Sprenger prägte mit seiner Konzertagentur «Free & Virgin» lange das Zürcher Musikleben. Bild: Dominique Meienberg

Beat Metzler@tagesanzeiger

«De Harry», wie sich Harry Sprenger allen Menschen vorstellt, hat es hart erwischt. Sein Lebenswerk, die Konzertagentur Free & Virgin, ging 2011 bankrott. Übrig blieben Schulden. Und es kam noch schlimmer. Das Bezirksgericht verurteilte ihn 2016 zu 20 Monaten Gefängnis bedingt. Die Vorwürfe: Betrug und Misswirtschaft. Das Obergericht bestätigte diese Einschätzung.

Sprenger beteuerte seine Unschuld. Vergeblich. Der heute 69-Jährige, der einst mit Superstars wie Alice Cooper durchs Zürcher Nacht­leben gezogen war, fand sich ganz unten wieder.

Jetzt, nach sieben düsteren Jahren, hellt sich seine Situation plötzlich auf. Das Bundesgericht hat Sprenger gerade freigesprochen. Von allen Punkten. Er ist jetzt wieder offiziell unschuldig. Für den «Tages-Anzeiger» waren Sprenger und sein Anwalt gestern nicht erreichbar.

Bei der Anklage geht es um zwei Vorfälle. 2011 organisierte Sprenger das Metal-Festival Sonisphere. Weil der Vorverkauf schlecht lief, überwies Free & Virgin dem Festival einen «Überbrückungskredit» von 226'000 Franken. Sonisphere endete als Debakel, die Pleite riss Sprengers Free & Virgin mit in den Untergang. Das Obergericht fand: Durch das Darlehen habe er seine Agentur fahrlässig geschädigt.

Das stimme nicht, schreibt das Bundesgericht. Sprenger habe sich wirtschaftlich nicht «krass falsch verhalten». Dass er ein grosses geschäftliches Risiko einging, sei nicht strafbar.

Dazu kamen Vorwürfe der Suisa. Sprenger hatte der Urheberrechtsgesellschaft bei fast fünfzig Konzerten falsche Zuschauerzahlen angegeben. Immer zu wenig. So entging der Suisa mindestens eine halbe Million Franken.

Ein Fehler sei das gewesen, sagt Sprenger, geschehen durch bürokratische Überforderung. Die Zürcher Gerichte übernahmen hingegen die Sicht der Suisa: Sprenger habe gezielt getrickst.

Erneut widerspricht das Bundesgericht: Der Veranstalter habe weder ein «Lügengebäude errichtet» noch «besondere Kniffe» angewandt. Die Suisa hätte seine Zahlen leicht nachprüfen und die Fehler entdecken können. «Grundlegendste Vorsichtsmassnahmen» habe sie nicht beachtet. Von einer arglistigen Täuschung könne man daher nicht reden. Nun muss das Obergericht die Sache neu beurteilen.

Harry Sprenger ist in Albisrieden aufgewachsen und machte eine Lehre als Schriftsetzer. 1971 veranstaltete er sein erstes Konzert, weil er als Musiker nicht weiterkam. Die Agentur Free & Virgin, die er mit einem früheren Konkurrenten gründete, stieg zur zweitgrössten des Landes auf. Sie holte Bands wie Metallica, die Ramones oder Nirvana in die Schweiz, oft als Erste.

Nach dem Bankrott von 2011 fand Sprenger lange Zeit keinen Job. Vor zwei Jahren begann er bei einer Basler Konzertagentur. Er arbeite nach wie vor gern, sagte er. Und etwas Wertvolles ist ihm trotz allem geblieben: die vielen Kontakte.

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