Und wer bitte ist Frédéric?

Von Umwegen, Drachen und Toi-toi-Nadeln: Begegnung mit der Sängerin Claude Eichenberger, Publikumsliebling am Konzert Theater Bern.

Wahlbernerin Claude Eichenberger liebt die Berner Altstadt. Wenn aber eines Tages die New Yorker Met anriefe, könnte sie nicht Nein sagen.

Wahlbernerin Claude Eichenberger liebt die Berner Altstadt. Wenn aber eines Tages die New Yorker Met anriefe, könnte sie nicht Nein sagen.

(Bild: Adrian Moser)

«Ich brauch jetzt einen Espresso», sagt sie, vorausahnend, dass das heute wohl nichts wird mit Mittagessen. Claude Eichenberger ist etwas ausser Atem. Sie kommt direkt aus der Felsenau, wo die szenischen Proben zur Oper «Hanjo» stattfinden. Wie gross diese Frau ist! Auf der Bühne fällt das gar nicht auf. «Eins achtzig», sagt sie, «ohne Schuhe». Sie fläzt sich in die erste Zuschauerreihe im Kubus und blickt prüfend zur Bühne hoch. Ein gähnendes Loch, gefüllt mit Nichts und Leere. Für diese Frau muss genau dies eine Verlockung sein.

Claude Eichenberger hat in zwanzig Jahren in Bern schon etliche Bühnenlöcher mit Leben und Farbe gefüllt und dazu nicht mehr benötigt als ihre Stimme und Präsenz. Wie wandelbar sie ist, zeigen auch ihre künftigen Programme. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Im Liederabend «Mit zweimal hundert Küssen» nimmt sie zerrissene Frauenfiguren in Werken von Gustav Mahler, Richard Strauss und Alexander Zemlinsky in den Fokus. In der James-Bond-Night zum Saisonschluss sich selbst, als erotische Verführerin. Und in «Hanjo», eine Oper in englischer Sprache des Japaners Toshio Hosokawa, zeigt sie, dass sie auch zeitgenössische Expressivität beherrscht. Seit drei Monaten laufen die musikalischen Proben. Eichenberger nennt sie «Fahrstunden». Ob der Notentext dadurch seinen Schrecken verliert?

Die Partitur als Schnittmuster

Die Mezzosopranistin nippt an der Tasse, sie wirkt entspannt. Sie habe viel Zeit, sagt sie. Mindestens viereinhalb Stunden. Dann werde sie abgeholt, ihr Mann führe sie zum Essen aus. Solche Zweisamkeit sei selten, wenn Premieren anstehen. Dabei, sagt sie, wäre sie doch auch einem Abend mit Frédéric nicht abgeneigt gewesen. Sagt es und schwenkt, ohne eine Frage abzuwarten, wer das denn sei, zu «Hanjo» zurück. «Eine zeitgenössische Partitur hat man nicht im Gespür. Man muss sie sich erschliessen wie Neuland.» Toshio Hosokawa habe ein Flair für langsame Tempi und knifflige Rhythmen. Beim Auswendiglernen helfe es ihr, Takt für Takt zu dirigieren, bis sie die Partitur wie ein Schnittmuster vor sich sehe.

Die 42-jährige Sängerin hat ein fotografisches Gedächtnis. Darauf konnte sie sich schon während des Gesangsstudiums an der Hochschule der Künste Bern verlassen. Sie machte das Solistendiplom als Jahrgangsbeste. Doch: Wollte Claude Eichenberger nicht ursprünglich Lehrerin werden? Sie nickt. Sie habe die Lehrerausbildung aber nur absolviert, um nachher «etwas Rechtes» studieren zu dürfen. Natürlich ist es genau andersrum gewesen. Die Eltern haben ihr zur Ausbildung geraten, weil Lehrerin etwas Bodenständiges sei, etwas mit Hand und Fuss.

«Meine Familie reagierte mit Skepsis»Claude Eichenberger

Claude Eichenberger ist in Schaffhausen, später im Thurgau aufgewachsen. So breit wie sie Berndeutsch spricht, kann man das fast nicht glauben. Schon als Jugendliche habe sie alles geliebt, was mit Lernen und Kreativität zu tun habe, insbesondere musische Fächer und Sport. «Der Gedanke, mich Ende Schulzeit für etwas entscheiden zu müssen, war für mich der Horror.» Dann die Überraschung: Die Mittelschule in Kreuzlingen erlebt sie als «das Beste, was mir passieren konnte». Die musischen und naturwissenschaftlichen Fächer seien gleich bewertet worden. Und der humanistische Rektor habe nichts gehalten von angelerntem Wissen, das auf Knopfdruck ausgespuckt wird. «Was zählte, war Persönlichkeit, Selbstständigkeit. Individualität. Das hat mich geprägt.» Eichenberger ist dankbar dafür, dass ihre Ausbildung in die Zeit vor Bologna fiel, «so blieb mir die Jagd auf ECTS-Punkte erspart.»

Auch als frisch gebackene Lehrerin ist sie unersättlich, was das Lernen angeht. Sie entscheidet sich, ein Gesangsstudium in Angriff zu nehmen. «Meine Familie reagierte mit Skepsis.» Bei der Gesangspädagogin Elisabeth Glauser, mit der sie bis heute zusammenarbeitet, fühlt sie, dass sie angekommen ist. Bereits während des Studiums wird sie für erste Konzertauftritte gebucht. Sie nimmt das als selbstverständlich hin. Doch ältere Kolleginnen warnen: Mit dem Youngster-Bonus «in den Betrieb reinzukommen» sei keine Kunst, dranzubleiben schon.

Zwei Familien, die funktionieren

Eichenberger geht furchtlos ihren Weg. Gastspiele führen sie nach Buenos Aires, Warschau, Berlin, Armenien, Hamburg. Sie ist Mitbegründerin des Ensembles Paul Klee und erhält 2007 ein festes Engagement am Stadttheater Bern. «Ein Riesenglück», sagt sie. Obwohl: Reisen würde sie gerne wieder. Später vielleicht, «wenn mein 5-jähriger Sohn älter ist». Sie sei privilegiert, dass sie zwei Familien habe, «und beide funktionieren».

Die viel zitierte Theaterfamilie erlebt sie als lebendige Realität. Auch schon zu Beginn ihrer Opernkarriere. Eichenberger erinnert sich an ihre erste «Zauberflöte» in der Inszenierung des legendären August Everding an der Staatsoper Unter den Linden. «Ich musste singend aus einem Drachenkopf steigen. Das Lampenfieber war gross.» Auch weil sie in Berlin niemanden kennt. Die Theaterfamilie ist ein Grund, dass sie sich dennoch aufgehoben fühlt. Und eine Rose in der Garderobe: «Meiner achtunddreissigsten 2. Dame: Toi-toi-toi zur Premiere. Ihr Drachenfahrer Detlef», so steht es auf der Begleitkarte.

Auch ein «Familienereignis» am Stadttheater wird Eichenberger nie vergessen, obwohl es eine Weile zurückliegt. Bei der Derniere von «Falstaff» blieb die Sängerin mit der Lockenperücke in einer Wäscheleine hängen. «Flutsch und weg war sie und ich der grosse Lacher.» Warum das Missgeschick passierte, wurde ihr später klar. «Um uns vor dem Auftritt in Stimmung zu bringen, haben wir in der Maske rumgekaspert. Wir hatten es toll miteinander. Blöd nur, dass die Maskenbildnerin darob vergass, genügend normale Haarnadeln zu stecken. Sie befestigte die Perücke bloss mit der Toi-toi-Nadel, einer Extranadel für den Fall der Fälle.» Genau das wurde Eichenberger zum Verhängnis.

Wer zum Publikumsliebling wird wie sie, hat eigentlich alles erreicht. Hat sie noch Träume? Eichenberger überlegt nicht lange. Die Brangäne im «Tristan» würde sie gerne singen, die Fricka in der «Walküre». Wieder einmal den Octavian oder die Marschallin im «Rosenkavalier». Und natürlich würde sie nicht Nein sagen, wenn eines Tages die New Yorker Met anriefe. Sie lacht. – So jetzt. Der Moment für eine letzte delikate Frage. «Und wer, Frau Eichenberger, ist Frédéric, mit dem Sie sich einen Abend vorstellen könnten?» Die Sängerin stutzt, spielt die Überrumpelte: «Frédéric?» Sie holt Luft. «Das ist eine halbe Wildsau. Mein Mann hat sie von einem befreundeten Jäger aus dem Thurgau gekauft. Wir lieben es, gemeinsam zu kochen. Frédéric liegt im Tiefkühler. Doch er muss noch warten. Wie gesagt, heute gehen wir auswärts.»

Claude Eichenberger demnächst im Kubus: Liederabend (25. April), Oper «Hanjo» (ab 22. Mai), James-Bond-Night (7. Juni). www.konzerttheaterbern.ch

Der Bund

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