Norwegisches Nachtschattengewächs

Der ehemalige Madrugada-Frontmann Sivert Høyem kommt mit seinem sechsten Soloalbum, «Lioness», auf Besuch, das weicher und leichter klingt als seine Vorgänger. Aber nur ein wenig.

«Optimismus war nie meine Stärke», sagt Sivert Høyem.

«Optimismus war nie meine Stärke», sagt Sivert Høyem. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seine Stimme wurde auch schon als Norwegens wichtigstes Exportgut bezeichnet, ist der Bariton des Sivert Høyem doch von bestechender Samtigkeit, betörend kraftvoll und dunkel. Der 40-jährige Norweger machte sich ab 1999 als Frontmann der alternativen Rock-Kombo Madrugada einen Namen, welche der elegischen, bluesbasierten Variante der Stormgitarrenmusik zugetan war. Das tragische Ableben von Gitarrero Robert Burås – vermutete Todesursache Suizid – bedeutete auch das Ende für Madrugada: 2008 kam das letzte Studioalbum heraus, und im November des gleichen Jahres spielte die Band ihr letztes Konzert.

Seitdem ist Sivert Høyem als Solokünstler unterwegs und hat im Februar sein sechstes Album, «Lioness», herausgegeben. Darauf zu finden sind zehn ruhige, mehrheitlich melancholische Songs, die etwas Traumwandlerisches haben. Dabei erinnert Høyem phasenweise an Leonard Cohen oder David Bowie. Dann wieder erhebt er seinen Bariton über einen warmen, episch breiten Bombast-Teppich aus Streichinstrumenten und Chören. Sivert Høyem lebt mit Frau und Kindern in Oslo. Zurzeit ist er auf Europatournee, das Telefongespräch führte er aus einem Hotelzimmer in Berlin.

Guten Tag, Herr Høyem, es ist 13 Uhr, wobei störe ich Sie gerade?
Entweder lege ich mich jetzt gleich noch einmal schlafen oder ich gehe joggen. Alles nicht sehr Rock ’n’ Roll. Aber ich geniesse, ehrlich gesagt, gerade die Ruhe des Tourneelebens. Ich bin Vater einer fünfjährigen Tochter und zweijähriger Zwillingsbuben. Da können Sie sich ja vorstellen, wie es zu Hause zu und her geht.

Ihr neues Album «Lioness» ist nicht mehr ganz so abgründig wie seine Vorgänger. Durch die Nebeldecke der düsteren høyemschen Klanglandschaften drückt ab und an die Sonne durch. Wie kommt’s?
Die Songs sind tatsächlich atmosphärischer und weicher. Meine früheren Lieder waren mehrheitlich sehr düster, und irgendwie hat sich diese Grundstimmung für das aktuelle Album nicht mehr richtig angefühlt. Das hat wohl auch mit den Kindern zu tun. Optimismus war ja noch nie meine Stärke, aber als Vater ist man ja irgendwie verpflichtet, der Nachkommenschaft zuliebe nach dem Guten im Leben zu suchen, nicht?

Es gibt sie ja nach wie vor, die richtig düsteren, abgründigen Nummern, zum Bespiel «The Boss Bossa Nova», wo Sie jemanden besingen, der in der Gesellschaft nur mit Beruhigungspillen funktionieren kann und dabei sich selber komplett abhanden kommt. Muss man sich um Sie sorgen, Herr Høyem?
Ach, wissen Sie, seit ich ein Teenager war, hatte ich immer wieder depressive Schübe. Manche von meinen Songs zielen halt mitten in diesen Zustand und sind dann natürlich nicht sehr optimistisch. Aber Songs und Songtexte repräsentieren ja nie einen ganzen Menschen, sondern geben nur wieder, wie sich der Verfasser zu einem bestimmten Zeitpunkt gefühlt hat. In «The Boss Bossa Nova» ging es mir darum, den Fakt anzusprechen, dass man mit dem Erwachsenwerden immer mehr eingegrenzt wird. Als Kind scheint einem die ganze Welt offen zu stehen, und je älter man wird, desto mehr Grenzen werden gezogen und desto mehr Barrieren errichtet. Der Titel ist übrigens eine Anspielung auf einen meiner musikalischen Jugendhelden: Bruce Springsteen genannt «The Boss». Er war eine grosse Inspiration für mich, zumal seine Songs die erste anständige Rockmusik waren, die ich als Teenager zu hören bekam.

Auf «Lioness» lassen sich viele Referenzen und Anspielungen auf den Schlaf finden. Woher kommt diese Faszination?
Ich weiss es selber nicht genau. Aber ja: Traum und Schlaf sind Konzepte, die seit Anbeginn immer wieder in meiner Musik aufgetaucht sind. Ich schlafe halt einfach gerne. Und ich bin keine Person, die Konfrontationen mag. Ich bin froh, wenn man mich in Ruhe lässt. Entsprechend ist der Schlaf für mich auch eine Metapher für einen Zustand, in dem ich mich sicher fühle. Meine Musik hat ja auch etwas Träumerisches, und ausserdem fühle ich mich nachts am wohlsten und kann dann auch am besten arbeiten. Wenn alle anderen schlafen, dann beginne ich richtig gut zu funktionieren.

In «Oh, Spider» besingen Sie den Kampf einer Spinne, welche sich die glatte Wand eines Badezimmers hochkämpft. Kommen Ihnen Songideen in der Badewanne, oder wo küsst Sie normalerweise die Muse?
Ich gehe in mein Studio, wo ich eine richtig laute Anlage stehen habe. Dort stöpsle ich die Gitarre ein und singe drauflos. Ich lieb das Singen, es inspiriert mich. Die Melodien fliegen mir normalerweise einfach so zu. Aber Texte schreiben dauert ewig und drei Tage, weil sie ja etwas bedeuten müssen und du sie immer wieder singen wirst. Ausserdem müssen die Lyrics auch die Stimmung des Songs aufgreifen und sich beim Singen gut anfühlen. Das heisst, die richtigen Wortklangfarben müssen im Song am richtigen Ort stehen. Das hinzubekommen, ist eine Heidenarbeit.

In «Riviera of Hades», einem Song, der das Elend der aktuellen Flüchtlingskrise thematisiert, bedienen Sie sich eines Zitats von Winston Churchill. Würden Sie sich als politischen Menschen bezeichnen?
Nein. Ich komme zwar aus einem sehr politischen Hause, Mama und Papa waren Sozialisten, und meine Schwester arbeitet für die norwegische Regierung. Ich war aber von Kindesbeinen an nicht ganz von dieser Welt, sondern immer ein Träumer. Was die Flüchtlingskrise anbelangt: Man muss ja schon eine eiskalte Person sein, wenn einen die aktuellen Geschehnisse nicht beschäftigen.

Weltweit hoffen Madrugada-Fans auf eine Auferstehung der Band. Sind die Hoffnungen berechtigt?
Unsere Band hat 2007 mit dem Tod von Robert ein sehr tragisches Ende erlebt. Wir konnten ohne ihn einfach nicht weitermachen, es hätte sich komplett falsch angefühlt. Und das tut es im Moment immer noch, zumal wir für Robert schwerlich einen Ersatz finden würden. Er war ein einmaliger Musiker. Und ausserdem war er diejenige Person, die mich in meinem kreativen Schaffen am meisten inspiriert hat. Madrugada ohne Robert, das kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Aber wer weiss. Vielleicht wird es sich eines Tages anders anfühlen.

Bierhübeli Donnerstag, 13. Oktober, 19 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 13.10.2016, 08:08 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Bildung gegen die Macht der Maras

In den grösseren Städten El Salvadors kontrollieren Gangs, die sogenannten Maras, ganze Quartiere. Die Banden nutzen die tristen Zustände im Land, um Kinder und Jugendliche zu rekrutieren.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Französische Finte

History Reloaded 10 Unbekannte, die Geschichte schrieben

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Die Welt in Bildern

Wellness fürs Schaf: An der «Sichlete» nach dem Alpabzug gestern in Bern hält dieses Tier ganz entspannt seinen Kopf hin. Die Schur nach einem Sommer auf der Alp ist wohl tatsächlich eine Erleichterung (18: September 2017).
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...