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Noch einmal surfen

Brian Wilson, einer der grössten Popmusiker der Geschichte, ist gerade 75 Jahre alt geworden. In Montreux spielte er noch einmal sein Meisterwerk.

Kurier der «Good Vibrations»: Brian Wilson gestern Abend am Klavier in Montreux, mit Matt Jardine (links) und Al Jardine (rechts).
Kurier der «Good Vibrations»: Brian Wilson gestern Abend am Klavier in Montreux, mit Matt Jardine (links) und Al Jardine (rechts).
Cyril Zingaro, Keystone

Man hat ihm noch einmal die Ärmel hochgekrempelt, und jetzt sitzt er in seinem blassblauen Hemd am Flügel auf der Bühne des Auditorium Stravinski in Montreux. Das Waldhorn spielt noch einmal das verschattete Intro, die Flöte quinquilliert, und Brian Wilson singt einen seiner bekanntesten Songs: «God only knows what I’d be without you», heisst es darin, nur Gott weiss, was ich ohne dich wäre. Doch was Wilson am Mikrofon noch zustande bringt, dieser vielleicht grösste Melodiker und Harmoniker in der Geschichte der Popmusik, das ist nicht mehr viel mehr als ein Sprechgesang. Wer weiss, wo er an diesem Abend wäre ohne seine Band, die den Song noch einmal in seiner glanzvoll schimmernden Melancholie in den Saal zaubert.

Wilson lässt singen

Aber natürlich, ohne ihn ginge es auch nicht, ohne den Komponisten, den Meister aller Popklassen, ohne das Genie. Und so tourt Wilson mit seinen ramponierten 75 Jahren noch einmal über die Festivalbühnen. Gegeben wird, garniert mit älteren Hits wie «Barbara Ann», «Surfin’ USA» oder «Help Me Rhonda», das vollständige Album «Pet Sounds», das 1966 erschienene Monument in der Karriere von Brian Wilson und seiner Beach Boys. Ausgerechnet dieses Album also, dessen gesangliche Anforderungen in prekärem Verhältnis stehen zu den verbliebenen Möglichkeiten des Autors.

Und das weiss natürlich auch die Band, dieses so agile wie kompetente Ensemble aus elf Musikern: Einmal agiert es umsichtig wie ein Careteam um den brüchigen Leadgesang herum, stützt den Chef hier mit etwas musikalischem Überdruck, dort mit tadellos rekonstruiertem Chorgesang. Ein andermal übernimmt es den Song gleich ganz, und dann stellt Al Jardine, der ehemalige Beach Boy, der den Abend moderiert, einen um den anderen Leadsänger vor – seinen Sohn Matt Jardine, der mit silbernem Falsett etwa in «You Still Believe In Me» brilliert, oder Blondie Chaplin, einen anderen langjährigen Beach-Boys-Begleiter, der auch nöligen Rock ’n’ Roll kann und den Abend überdies mit rohen Gitarrensoli aufbrezelt.

Das ist alles verdienstvoll und gut gemacht, und doch fragt man sich, welche Momente die traurigeren sind – wenn Brian Wilson die herrlichen Melodien probiert, als hantiere er mit Bauklötzen, oder wenn er einfach nur am Klavier sitzt und leise mitsingt, wenn die Show mehr oder weniger ohne ihn brummt, ein Begleitpianist und Hintergrundsänger in seinem eigenen Konzert. «I feel so broken, I wanna go home», murmelt er in «Sloop John B» mehr, als dass er singt: Ich fühle mich so kaputt, dass ich heimgehen möchte. Wer weiss schon, was Brian Wilson denkt hinter seinem unbeteiligt wirkenden Gesicht; aber nie klingt das Konzert weniger nostalgisch als in dieser Zeile.

Ein kleiner Trost ist, dass es auch schöne Passagen gibt in diesem Auftritt. «Surfer Girl» etwa, das erste Lied, das Wilson damals in den frühen Sechzigern geschrieben hat, singt der blasse Mann mit dem weissen gestriegelten Haar als das, was es ist – als unendlich müde Reminiszenz an ein Strandleben, das schon damals nur ein schöner Traum war. Oder «Love and Mercy», das letzte Lied, das er an diesem Abend singt und das seinem engen Stimmumfang heute am ehesten entgegenkommt: Die Begleitung ist nur ein Summen, als Wilson noch einmal alle Kraft in seinen Gesang legt – und prompt etwas von der Tiefe und der Menschenfreundlichkeit aufscheint, zu der er fähig war. «Liebe und Mitgefühl», heisst es im Lied, das sei, was die Welt brauche.

Dann geht der grosse Brian Wilson mit heraushängendem Hemd von der Bühne; mit unsicheren, aber zielstrebigen Schritten, während seine Musiker noch die Leute abklatschen.

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