Musikalische Selbstausleuchtung

Das Brimborium um das neue Album von Kanye West war einmal mehr grösser als das Werk selbst.

Liefert ein Album, das mal bounct, mal eher dürftig ist: Rapper West. (28. August 2016)

Liefert ein Album, das mal bounct, mal eher dürftig ist: Rapper West. (28. August 2016)

(Bild: Keystone)

Ane Hebeisen

Muss man diesen Mann ernst nehmen? In seinem ganzen Grössenwahn? In seinem ganzen Irrsinn? Muss man einem Achtung erweisen, der kürzlich – neben mannigfaltig anderem Unsinn – zur Geschichte der Sklaverei die These publiziert hat, sie sei «die eigene Entscheidung» der Opfer gewesen?

Man könnte Kanye West ernst nehmen, wäre sein Beitrag zur Musikgeschichte tatsächlich dermassen essentiell. Man kann ja durchaus konstatieren, dass im Werdegang des Kim-Kardashian-Gemahls schon ein paar hübsche Ideen zur Produktion der Sprechgesangsmusik zu verzeichnen waren. So unberechenbar wie er denkt, scheint er auch im Studio zu funktionieren. Er liebt das kunstvoll verfremdete musikalische Zitat, er liebt übersteuerte Bassdrums, den Soul, das produktionstechnische Detail und die Konfusion. Und ist die Idee mal bloss sosolala, wie auf dem 2008er-Album «808s & Heartbreaks», auf welchem er einen bejahrten Drum-Computer und den Autotune-Effekt ins Zentrum eines ganzen Albums stellte, dann hat das dennoch zur Folge, dass diese Eingebung in den Musikproduktionsstätten dieser Welt millionenfach aufgegriffen und kopiert wird.

Die Herren mit der Zwangsjacke

Nun hat der Mann, nach grossem und wie immer genüsslich ausgekostetem Veröffentlichungs-Brimborium ein neues Tonwerk nachgelegt. «Ye» heisst es und enthält sieben Songs, in denen man vergeblich nach Bahnbrechendem fahndet. Es ist ein Album, das die Sensations-Journalisten und die Psychologie-Gelehrten (Fachgebiet narzisstische Persönlichkeitsstörung) mehr interessieren dürfte als die Musikproduzenten. Auf das Cover ist der Satz gekritzelt «I hate being Bi-Polar, it’s awesome.» Und im Opener führt Herr West ein Selbstgespräch über Selbstliebe und Mordfantasien («I Thought About Killing You»). Sachen sind da zu vernehmen, die, wenn man sie in einem unbedachten Moment auf Twitter posten würde, dazu führen könnten, dass eines Morgens die Herren mit der Zwangsjacke an der Haustüre klingeln. Denn bei Kanye West führt die Auseinandersetzung mit seinen offensichtlichen psychischen Schwierigkeiten nicht zu einer Poesie eines Leidenden. Nein, es ist das Gedankenkonstrukt eines Mannes, der eher seine Liebste umbringt als sich selbst. Doch das sollen die Psychologen klären.

Einflussreicher Idiot

Musikalisch ist «Ye» eine Enttäuschung. Man könnte den Mut zur Leere rühmen, die den Song «All Mine» zum Erlebnis macht –, die Kunst der Entschlackung beherrscht Kanye West noch immer. Man könnte auch die fast schon Beatles-artige Psychedelik im Stück «Ghost Town» hervorheben. Und «Yikes» regt hübsch bouncend zum Kopfnicken an. Doch das wärs dann auch schon gewesen mit den besonderen musikalischen Kennzeichen dieses Werks. «Wouldn’t Leave» und «No Mistakes» hinterlassen eine leicht schmierige Neo-Soul-Spur, und vom musikalischen Perfektionismus des Kanye West ist nicht viel zu hören. Es gibt sogar wiederholt unschöne digitale Verzerrungen in den Gesangsspuren zu konstatieren (in «Violent Crimes» und «Yikes»).

Und auch die geistigen Erkenntnisse des Mannes, der vom «Time»-Magazin einst als einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt und von Barack Obama als «Idiot» bezeichnet wurde, sind kaum der Rede wert. Neben einer Zweitverwertung seines Sklaven-Zitates und der wiederholt aufgetischten Selbsterkenntnis, ein toller Charakter zu sein, überrascht er mit der für ihn offenbar neuen Intuition, dass die Frauen zu achten seien: «Father forgive me, I’m scared of the karma / ‘Cause now I see women as somethin’ to nurture / Not somethin’ to conquer». Es gibt aber auch einen Schulterschluss mit dem wegen Vergewaltigung angeklagten Def-Jam-Recordings-Mitgründer Russell Simmons. Und – ja – es findet sich sogar ein bisschen Lausbuben-Gaudi auf diesem Album. Und zwar zum Thema Multitasking: «I love your titties ’cause they prove I can focus on two things at once». Man kann das alles ernst nehmen. Muss man aber nicht.

DerBund.ch/Newsnet

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