Musik gegen die zynische Gegenwart

Die Stille trügt: Roberto Carlos Lange alias Helado Negro hat mit «This Is How You Smile» ein herausragendes Popalbum veröffentlicht.

«Stille kann mächtiger als das Laute wirken.»

«Stille kann mächtiger als das Laute wirken.»

(Bild: Anna Grothe Shive/ RVNG)

Wie privat kann politische Musik klingen? Wenn man die Songs von Roberto Carlos Lange hört, die er als Helado Negro veröffentlicht, kann man sagen: sehr privat. Denn sie klingen so sanft, so anschmiegsam, beinahe traumhaft, dass man zunächst gar nichts mitschneidet von den Tumulten der Gegenwart, dem Überlebenskampf und der Suche eines Lateinamerikaners nach dem Platz in der US-Gesellschaft, die den Urheber dieser Musik umtreiben. Und so strahlen die Songs des 39-Jährigen, der als Sohn von ecuadorianischen Einwanderern in Südflorida aufgewachsen ist und heute in New York lebt, erst vor allem eine Stille aus, die beruhigender wirkt als jeder Wellness-Badeplausch – und verbindlicher ist als jede laute Parole.

Vorerst perfektioniert hat Helado Negro sein Songwriting auf seinem aktuellen Album «This Is How You Smile», das fraglos zu den herausragenden Produktionen des laufenden Popjahres gehört. Sein Spiel beginnt ja bereits im Titel, der leicht und optimistisch wirkt, ehe einem gewahr wird, dass dieser Satz auch als Aufforderung zum Lachen und Dauerlächeln verstanden werden kann, das man aufrechterhalten muss – selbst dann, wenn man lieber weinen möchte.

«Ja, im Titel stecken diese beiden Seiten drin», sagt Roberto Carlos Lange vor seinem ersten Schweizer Konzert, das er im März im freiburgischen Düdingen spielte. «Manchmal gehts trotz meines Optimismus nur ums Durchhalten und darum, dass man den Tag irgendwie über die Runden bringt.» Warum aber ist seine Musik, die früher vor allem auf elektronischen Beats basierte, so zurückhaltend geworden? «Stille kann viel mächtiger als das Laute wirken, weil sie sich langsam im Kopf einnistet und erst nach und nach ihre Wirkung entfaltet.» Lange fügt an, dass es in seiner Musik auch um Selbstliebe und das Finden von Sicherheit geht.

Kein Wohlfühlseminar

Trotz solcher Aussagen, die im Gespräch durch seine schamanenhafte Aura ihr Gewicht erhalten: Ein Wohlfühlseminar bieten seine Person und seine Popmusik nicht an. Da ist beispielsweise «País Nublado», in dem Helado Negro zwischen Spanisch und Englisch changiert. Er beschreibt hier eine Phase in seinem Leben, in der er sich fühlte, als sei er von einer dicken Wolke umhüllt. Alles, was er weiss, singt Lange im Lied, das er mit akustischer Gitarre und einigen Keyboardflächen instrumentiert hat, ist: Es braucht Durchhaltewillen, um das Land der Wolken hinter sich zu lassen.

Roberto Carlos Lange singt da natürlich über sich, wie er versucht, seine Unsicherheiten zu überwinden. Aber er erwähnt auch die Politik eines Landes, das ihn als Latino ausgrenzt. So fliesst in diesem Song das Private indas Politische – undumgekehrt. In seinem bislang bekanntesten Song «Young, Latin and Proud», das sein jüngeres, ängstliches Ich gesungen hat, machte er dies ähnlich; mittlerweile ist dieses Lied zu einer kleinen Hymne unter den jüngeren Hispanics geworden, die für eine bessere Wahrnehmung ihrer verschiedenen Kulturen kämpfen.

So, wie das auch Helado Negro mit seiner Musik tut. Wenn er etwas nicht mag, dann ist es das Latino-Pop-Label, das seinen Songs zuweilen angeklebt wird: «Natürlich ist das unser kultureller Hintergrund, aber wir machen so verschiedene Musik, und es ist nicht richtig, uns auf unsere Herkunft zu reduzieren.» Und bevor er auf die Bühne geht, gibt er auch dem Zynismus, den so viele gegenwärtige popkulturelle Produkte prägen, eine Absage. Seine Musik steht vielmehr für einen Wert, den man gegenwärtig zuweilen suchen muss. Nennen wir ihn: Solidarität.

Das Lied «Young, Latin and Proud», mittlerweile eine Art Hymne der Hispanics. quelle: Youtube

Helado Negro: This Is How You Smile (RVNG Intl.)

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