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«Mitsingen ist schwieriger geworden»

Nach einer fast 5-jährigen Pause melden sich Plüsch zurück. Aus der erfolgreichsten Mundart-Band ist eine Feierabend-Combo geworden. Ein Gespräch über Erwartungen, Demokratie und die Grossstadt-Bohème.

«Unser Erfolg hat einige Lebensentwürfe durcheinandergebracht»: Die Berner Gruppe Plüsch mit Sänger Ritschi (2. v. r.) und Bassist Simon Ryf (Mitte).
«Unser Erfolg hat einige Lebensentwürfe durcheinandergebracht»: Die Berner Gruppe Plüsch mit Sänger Ritschi (2. v. r.) und Bassist Simon Ryf (Mitte).
Tabea Hüberli/zvg

Sie waren eine der erfolgreichsten Mundart-Bands der Schweiz, heimsten Platin im Akkord ein, dann kam die 5-jährige Pause, weil sich die Bandmitglieder beruflich festigen wollten. Haben Sie das Vertrauen in die Musik verloren?Ritschi: Es ist kein Geheimnis, dass sich einige in der Band nicht als die geborenen Musiker sehen und nie voll auf die Karte Musik setzen wollten. Wir waren stets eine Band, die aus Plausch Musik machte, der Erfolg kam für uns überraschend und hat dann auch einige Lebensentwürfe durcheinandergebracht. Unser Gitarrist beispielsweise hat Wirtschaft studiert, und das nimmt man nicht auf sich, um anschliessend 100% als Musiker zu arbeiten.

Inzwischen ist er Risikoanalyst bei einer Bank. Wie hat er das Risiko eurer Reunion beurteilt?Ritschi: Er hat jedenfalls viel Energie in das neue Album investiert. Wenn er das vorher risikoanalytisch abgewogen hat, dann glaubt er offenbar sehr an unsere Band.

Plüsch ist also zu einer Feierabend-Band geworden?Simon Ryf: Ja. Es geht gar nicht anders. Wir üben am Abend, ins Studio sind wir während der Ferien gegangen, und Konzerte geben wir nur an den Wochenenden. Das ist unser Kompromiss, damit alle in der Band mitziehen können.

Was wurde diskutiert, als ihr euch das erste Mal wieder im Probenraum getroffen habt?Simon Ryf: Wir haben uns gefragt, wie es weitergehen soll, ob es weitergehen soll, wie viel Zeit jeder von uns investieren kann und welche Erwartungen wir haben.

Und? Welche Erwartungen haben Sie?Simon Ryf:Die Erwartungen sind eigentlich bei allen die gleichen: Wir wollten wieder Konzerte geben. Das bedeutete aber, dass wir zuerst neue Songs schreiben und ein neues Album aufnehmen mussten.Ritschi: Es war uns ein Anliegen, das Album dieses Mal selber zu produzieren. In der Vergangenheit ist es öfter vorgekommen, dass Teile der Band mit dem Endergebnis nicht ganz zufrieden waren. Das wollten wir verhindern.

Haben die Arbeiten am Album deshalb zwei Jahre gedauert?Ritschi: Es lag daran, dass wir am Anfang die Sache vielleicht nicht ganz so diszipliniert angegangen sind, dass man mal den Studio-Tag sausen liess, wenn man etwas anderes vorhatte. Als wir dann aber wirklich daran arbeiteten, kamen die Ideen eigentlich recht schnell.

Die Band hat früher nach dem gut schweizerischen Kollegialitätsprinzip und in der direkten Demokratie funktioniert. Ist dem immer noch so? Simon Ryf: Ja. Wir mussten aber nochmals jeden Musiker daran erinnern, sich diesen Prozessen auch zu beugen. Wenn jemand eine Abstimmung verliert, darf er nicht eine Woche lang Theater machen.

Wenn Sie nach dem Rezept Ihres Erfolges gefragt werden, fällt regelmässig das Stichwort «Echtheit». Wie kann man echt sein, wenn man in der Band demokratische Kompromisse eingehen muss?Simon Ryf: Jeder hat seine Meinung in dieser Band, und die Kunst besteht darin, etwas zu machen, das jeden widerspiegelt.

Ritschi, Sie haben das Diktatorentum in Ihrem Soloprojekt üben können. Wie fühlt es sich an, wieder Teil eines Kollektivs zu sein?Ritschi: Ich war auch während meinem Solo-Projekt kein Diktator, was mir sogar zuweilen zum Vorwurf gemacht wurde. Am Schluss habe ich mich dann doch irgendwie an die Führungsrolle gewöhnt, und manchmal trauere ich dieser Selbstbestimmung auch tatsächlich ein bisschen nach.

In unserem letzten Interview sagten Sie, dass «intellektuelle Texte» oder «anspruchsvolle Themen» nicht zu euch passen würden, wobei Sie die beiden Adjektive mit jener Abschätzigkeit betonten, mit der andere Leute Wörter wie Intoleranz oder Arroganz betonen würden. Doch auf der neuen CD gebaren Sie sich nun wie ein kleiner Grossstadt-Bohemien? Was ist da geschehen?Ritschi: Es gab während der Arbeiten zu unserer letzten CD eine Diskussion, in der ein Bandmitglied zu einem Liedtext die Bemerkung fallen liess, dieses Thema sei ein Zacken zu tiefsinnig für mich. Dass in meiner Band die Meinung vorherrschte, ich könne nur über oberflächlichen Quatsch schreiben, hat mich dann doch etwas gefuchst, und es hat mir den Ansporn gegeben, noch ein bisschen mehr Zeit in die Texte zu investieren. Ich habe in den ersten Reaktionen zum Album gemerkt, dass die Leute das goutieren und der Meinung sind, Plüsch sei nachdenklicher geworden.

Doch einen Refrain wie «Mache dr Aatrib vo dr Ungeduld zu mim Motor vom Läbe und jede Überschuss wird anders gnutzt» wird das Oberland vermutlich nicht mehr so locker im Chor mitsingen . . .Ritschi:Mitsingen ist schwieriger geworden. Das haben wir bei unserem ersten medialen Auftritt in der Glasbox von «Jeder Rappen zählt» bereits schmerzlich erfahren. Das Publikum hätte nur die Zeile «Nei, es kennt ne kene so gnau» singen sollen, wir haben sogar ein Blatt mit dem Text an die Glaswand geklebt. Doch da ging gar nichts. Das lief definitiv besser mit den «Heimweh»-Songs, die wir ja live nach wie vor spielen. Doch wir haben längst nicht mehr den Anspruch, dass das Publikum bei jedem Lied mitsingen muss. Es ist auch schön, wenn die Leute einfach mal zuhören.

Könnte es auch sein, dass Sie nicht mehr dieselbe Sprache sprechen wie die Fans der ersten Stunde? Das mag sein. Es kann aber auch sein, dass die Leute mit uns älter geworden sind, und sich für unsere neuen Texte sehr wohl interessieren.

Auch die Produktion ist stellenweise recht rau geraten. Welche dunklen Mächte waren da im Spiel?Simon Ryf: Das waren wir ganz allein. Wir hatten den Anspruch, dem Album möglichst einen Live-Charakter zu verpassen. Deshalb haben wir es in unserem eigenen Übungsraum aufgenommen.

Was war Plüsch vor der grossen Pause, was ist es heute?Ritschi: Die Band hat in den Köpfen der Musiker nicht mehr denselben Stellenwert, wie vor der Pause. Es sind andere Sachen in unsere Leben gekommen, die uns ebenfalls wichtig sind. Das hat aber dazu geführt, dass wir viel fokussierter sind, wenn wir Musik machen.

Denken Sie, dass Plüsch noch denselben Stellenwert in der Schweizer Musikwelt haben wird wie zuvor?Simon Ryf:Ich kann es mir fast nicht vorstellen. Wir waren vorher sehr präsent, doch die Musikwelt dreht sich schnell: Wer fünf Jahre weg ist, muss sich seinen Platz wieder erkämpfen.Ritschi: Wir haben schon in der Promo-Arbeit zu unserem neuen Album festgestellt, dass sich in der Zwischenzeit extrem viel verändert hat. Ein Gästebuch auf einer Homepage wird nicht mehr benutzt, die Leute gehen auf Facebook. Wir waren da bis vor einem Jahr gar nicht existent. Wir sind gespannt, wie es mit uns weitergeht.

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