Mann im Kokon

Greis hat ein neues Album gemacht. Gewohnt beredt frönt er darauf dem musikalischen Kammerspiel. So leichtfüssig klang der Berner Rapper schon lange nicht mehr.

Sein Drang, der Welt die Welt zu erklären, ist definitiv kleiner geworden. Überhaupt ist die Welt kleiner geworden bei Greis.

Sein Drang, der Welt die Welt zu erklären, ist definitiv kleiner geworden. Überhaupt ist die Welt kleiner geworden bei Greis.

(Bild: Janosch Abel (zvg))

Hanna Jordi

Es gibt da diesen Moment, in dem man glaubt, sich in einen Bligg-Song verlaufen zu haben. «I bi schtouz uf üsi Gschicht, üse Wäg / mir si ds viufäutigschte Land wos git uf dr Wäut», singt er in «Teil vom Ganze». Doch knapp bevor die Hymne auf ihrer Gratwanderung über den pathetisch aufgemotzten Beat ins Suspekte abzustürzen droht, versetzt Greis dem Rütli-Patriotismus einen Dämpfer. «Gang zu dine Fründe und verzeu das: Die erschte Helvete si härezoge us em Elsass.»

Schliesslich sei die angeblich älteste Demokratie der Welt bis zum Bundesstaat von 1848 von Ungleichheiten, Bürgerkriegen und viel Grenzgängen in beide Richtungen geprägt gewesen, rappt Greis.

«Mit der 1291-Romantik wollte ich dringend aufräumen. Die spannenden Dinge in der Schweiz sind nicht wegen eines Apfelschusses, sondern dank allerhand Migrationsbewegungen passiert», sagt er an einem Brasserietisch in der Lorraine. Wo der Berner Rapper sein Lager aufgeschlagen hat, ist der Hörsaal meist nicht weit, mag die Exmatrikulation noch so lange her sein.

Das war so, als er vor zwölf Jahren den Schlachtruf der Kapitalismuskritiker übers Megafon verkündete («Global»). Und so ist es auch heute noch, wenn er über einer Tasse Schwarztee kurz die Staatswerdung der Schweiz zusammenfasst. Greis hat gerade sein sechstes Solo-Rap-Album veröffentlicht, «Hünd i parkierte Outos». Und die Ode an die Schweiz lässt es ahnen: Er besinnt sich auf seine Stärken, das Geschichtenerzählen und auch ein wenig das Dozieren.

Rückzug vom Rückzug

Dabei war ihm die Rolle des Rappers mit Botschaft zwischenzeitlich auch schon mal etwas eng geworden. Auf seinem ersten Album «Eis» hatte sich Greis 2003 schweizweit als Erzähler vertrackter Geschichten und als Fahnenträger des linken Gewissens positioniert. Eine Disziplin, in der ihm keiner das Wasser reichen konnte. Ewig wollte aber auch er es nicht machen. «Auch der Anti-Atomkraft-Aktivist Aernschd Born hatte irgendwann genug davon, nur Anti-AKW-Songs zu singen. Mir ging es ebenso. Die Freiheit, mich anderen Themen zuzuwenden, habe ich mir genommen.»

Auf dem vierten Album «Me Love» erlaubte er sich deshalb einen Ausflug in seichtere Gefilde. «Greis muss nicht mehr die Welt retten», liess er sich damals im «Kleinen Bund» zitieren. Auf dem fünften Album dann, «Greis Anatomy», zog er sich gar in seine französische Muttersprache zurück, die er bislang nur dosiert eingesetzt hatte und die von vielen Fans als sporadisch auftauchende Marotte eines Heimweh-Lausanners geduldet worden war. Es war wohl ein weiterer Versuch, dem Publikum den Reflex abzugewöhnen, in jeder Zeile nach zeitlosen Wahrheiten zu schürfen.

Nun das neue Album: Greis’ Drang, der Welt die Welt zu erklären, ist also kleiner geworden. Überhaupt ist die Welt kleiner geworden bei Greis. Es sind nicht nur die Hunde im Auto, es wimmelt auf dem sechsten Solowerk des Chlyklass-Künstlers von Kammerspielen und Huis-Clos-Momenten: Mikrokosmen und -gesellschaften, wohin man sieht.

Hier der Junge auf dem Flüchtlingsschiff («Santa Maria»). Da der vor Einsamkeit ausgezehrte Matrose in seiner Kabine («Lyubow Orlowa»). Dort der Vertreter einer ausgestorbenen Art, der sich im Jetzt furchtbar deplatziert vorkommt («Dr letscht Dinosaurier»). Die Hunde auf dem Rücksitz eines parkierten Autos und – Obacht, drastisch – Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause im Kofferraum, verteilt auf drei Sporttaschen («Hünd»). Wir haben das Gefängnis («Knast-Trilogie») und, unvermeidlich, die Zweierkiste, in der moralische Grundsätze verhandelt werden, und sei es nur die Frage, ob nun die Zeit gekommen ist zum Altpapierbündeln («Toujours ensembles»).

Natürlich darf man sich fragen: Braucht es so viele Geschichten auf einem Rapalbum, oder überschreitet ein versierter Storyteller wie Greis damit bereits die Schwelle zum Märchenonkeldasein? Sicher gehört die Geschichte über den kindheitstraumatisierten Serienmörder in «Mit dir si» zu einem lässlichen «Tatort»-Gespinst. Die Sauriersaga schrammt zudem hart an der Grenze zur Albernheit, und das Video im Dinokostüm macht es nicht besser. Am stärksten ist das Album denn auch dann, wenn es nicht nur gut erfunden, sondern ganz einfach wahr ist. Darf man ihm glauben, wird es solche Momente in Zukunft noch öfter geben: «Ich singe lieber über Sachen, die ich kenne. Mein Haushalt ist mir inzwischen vertrauter als das Innere irgendeines Clubs», sagt der 37-Jährige. Und er wirkt dabei sehr unbekümmert.

Dass es bei allem Rückzug in die Kleinräumigkeit – der Soziologe spräche hier vom Cocooning – nicht allzu beschaulich wird, dafür sorgen erstens die Themen selbst, wo sie selber bereit sind, ihre Tragik preiszugeben. Denn für Paarbeziehungen wie die Kreidezeit gilt gleichermassen: Glück ist flüchtig, die Ressourcen sind begrenzt, und ewig ist nur die Hoffnung, dass die Luft zum Atmen nicht ausgeht, bevor Frauchen vom Einkaufen heimkommt.

Zweitens hat Greis genügend Gäste geladen, die die Behaglichkeit aufmischen. Nicht die altbekannten Wegbegleiter der Chlyklass, sondern frische Gefährten: Berner Rapper der jüngeren Generation wie Lo & Leduc oder, heftig und böse, Juri und Migo. Zu den vornehmeren Gästen gehören die Luzerner Rapper Marash & Dave, die stellvertretend für Greis die Clubs tatsächlich noch von innen kennen.

Greis’ Hausproduzent Claud hat neuerdings nur als musikalischer Supervisor gewirkt, geliefert haben mehrheitlich andere. Etwas weniger Bündner Bombast, etwas mehr, pardon, aber so heisst der Produzent: Kackmusikk aus der Innerschweiz, hiess die Losung. Das Resultat der allgemeinen Bluttransfusion lässt sich gut an: Zuhören macht Freude.

Eine gelungene Finte

Nach den Ausweichmanövern der letzten Alben sind jetzt auch die Botschaften wieder da. Aber sie sind weniger atemlos vorgetragen und kommen leichtfüssiger daher. Nicht mehr in hyperdichten Salven, sondern auch mal raffiniert verkleidet als Sommersong. «Santa Maria» etwa klingt vordergründig wie die Ballade der Sehnsucht des Flachlandschweizers nach Sonne, Strand und dekorativen Schirmchen in Alkoholika. Es liest sich aber genauso gut als Abschiedslied eines Asylsuchenden, der in Europa eine bessere Zukunft sucht: «Jedem sis Paradies / Jedem sis Paradies», singt Greis, und dahinter klimpert lustig der Calypso-Beat.

Das «Spick mi furt vo hie»-Thema ist im Schweizer Liedwesen so gut verankert, dass die Tarnung ab Takt eins funktioniert. Nicht wenigen Hörern entgeht diese Doppelbödigkeit, bis das Lied plötzlich seinen Stachel ausfährt. Auf Youtube enerviert sich ein Kommentator: «Super Song, aber was soll diese plötzliche Polizeisirene im Lied?» Die Finte ist gelungen, Greis freut sich diebisch. Wenn sich ein talentvoller Mann in den Kokon zurückzieht, um in Ruhe zu arbeiten, dann ist das halt immer noch: einsame Klasse.

Greis: Hünd i parkierte Outos (Soundservice). Limitierte Edition mit den Texten als Comic. Plattentaufe: Freitag, 21 Uhr, im Dachstock der Berner Reitschule.

Der Bund

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