«Man traut uns nichts zu»

Gleich zwei Berner Musiklabels werden dieses Jahr vom Migros-Kultur­prozent gefördert. Ein Gespräch mit den beiden Betreibern über die täglichen Sorgen und den wenig romantischen Alltag eines Plattenbosses im Jahr 2016.

Noch ist die Stimmung prächtig unter den Berner Labelbetreibern: Beat Man von Voodoo Rhythm und Andreas Ryser von Mouthwatering Records.

Noch ist die Stimmung prächtig unter den Berner Labelbetreibern: Beat Man von Voodoo Rhythm und Andreas Ryser von Mouthwatering Records. Bild: Adrian Moser

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Wenn man mit Leuten aus der Musikindustrie spricht, sind Jammer und Klage meist nicht weit. Wird unser Gespräch ebenfalls so verlaufen?
Beat Man: Das ist anzunehmen. Es gibt kaum einen Unternehmer, der nicht jammert.
Andreas Ryser: Der Grad des Jammers hängt ja immer davon ab, wie hoch die Erwartungen sind. Und die sind in der Musikindustrie nun wirklich nicht mehr allzu hoch.

Früher waren die Herren von den Plattenfirmen angesehene Personen, die mit Plattenverträgen wedelnd durch die Musikwelt geisterten. Heute sind sie bestenfalls noch ein notwendiges Übel, von dem man denkt, dass man es in naher Zukunft umgehen kann. Was ist falsch gelaufen?
Andreas Ryser: Die schlechte Meinung über die Labels kommt davon, dass sich die grossen Plattenfirmen über Jahre ein Abzocker-Image aufgebaut haben. Sie haben den Markt gesteuert, die Hitparaden manipuliert und die Musiker ausgenommen. Darunter leiden wir bis heute.
Beat Man: Ich spüre dieses Misstrauen bei jeder Vertragsverhandlung. Ich muss in jedem Vertragspunkt den Verdacht aus dem Weg räumen, dass ich die Band über den Tisch ziehen will.
Aber ich verstehe das. Die Maschinerie der Grossfirmen ist noch immer am Laufen, wir Kleinen haben es schwer, eingespielte Strukturen zu zerschlagen. Viel zu lange hatten wir keine politische Lobby.

Gibt es in zehn Jahren noch Plattenfirmen?
Andreas Ryser: Sicher. Ich bin ja ein grosser Fan der Demokratisierung in der Musikwelt. Jeder kann seine Musik unter die Leute bringen, ohne mit der Industrie in Berührung zu kommen. Doch das führt dazu, dass wir einer unüberschaubaren Musikschwemme gegenüberstehen. Es wird immer wichtiger sein, dieses Musikangebot zu kuratieren. Das wird auch künftig die Hauptaufgabe eines Labels sein.

Braucht es dafür wirklich eine Plattenfirma? Die Streaming-Dienste haben doch die Zeichen der Zeit erkannt. Sie lassen Fachleute Playlists erstellen. Man geht davon aus, dass ein Anbieter von Streaming-Playlists bald wichtiger ist als ein Label.
Beat Man: Diese Damen und Herren von Spotify müssen ja zuerst von irgendwoher Musik bekommen, bevor sie ihre Listen erstellen können. Und am Anfang dieser Kette stehen wir.
Wer ausser uns entdeckt irgendwo in Argentinien einen Strassenmusiker, den wir toll finden und mit einer wilden Rock-’n’-Roll-Band ins Studio stecken?
Solche Sachen geschehen bei Voodoo Rhythm. Wir kreieren etwas. Wir bedienen uns nicht nur am Markt. Das ist eine riesige Arbeit, und oft ist es auch ein Risiko. Das geht ausser uns niemand ein.
Andreas Ryser: Auch ich sehe mich immer mehr in der Rolle des Managers, der Bands hilft, in der Musikbranche Fuss zu fassen. In zehn Jahren werde ich nicht mehr der CD-Produzent sein, der von den Einnahmen verkaufter Tonträger lebt. Das ist in meinem Fall schon jetzt vorbei.

Einst wurde das Modell gepriesen, wonach ein Label alle Bereiche der Musikvermarktung übernimmt: Booking, Promo, Management und Verlagswesen. Können Kleinstlabels wie die Ihrigen diesen Aufwand überhaupt leisten?
Beat Man: Das ist unsere einzige Überlebenschance. Ich bin schon so lange im Business, ich kenne auf der ganzen Welt Konzertagenturen, die meine Bands weiterbringen können. Und ich leiste natürlich Aufbauarbeit.
Ich investiere pro Veröffentlichung circa 10'000 Franken in die Werbung. Das hilft zwar kaum, mehr CDs zu verkaufen, aber es hilft, den Namen der Band aufzubauen, Presseartikel zu generieren, Konzerte spielen zu können.
Es hängt alles mit allem zusammen. Die CD-Verkäufe machen davon nur noch einen kleinen Teil aus. Konkret: Die Produktion einer CD kostet mich 5 Euro. Ich verkaufe sie für 5,50 Euro. Immer wichtiger werden deshalb Lizenzierungen, was so viel bedeutet, dass man die Musik, die man auf seinem Label hat, für Filmproduktionen oder Werbespots anbietet.

Wie sieht der typische Tagesablauf eines Label-Bosses aus?
Beat Man: Ich stehe um 7 Uhr auf, Frühstück mit dem Sohn, dann beginnt die Arbeit: Mails beantworten, mit den Bands verhandeln, Pakete verschicken, Mittagessen, am Nachmittag dasselbe, Social Media, Facebook, Instagram, die Homepages aktualisieren.
Ich war kürzlich in Mexiko auf Tournee. Die Säle waren voll, die Leute sind durchgedreht, und ich habe nach dem Konzert bis 3 Uhr morgens für Fotos mit Fans posiert. Dabei habe ich in Mexiko gar keinen Vertrieb.
Das ist alles über Youtube und die sozialen Medien zustande gekommen. Die Fan-Pflege ist dermassen wichtig geworden, dass sie einen grossen Teil meines Tages in Anspruch nimmt.
Andreas Ryser: Mein Tagesablauf ist recht langweilig, da ich nicht mehr selber auf Tournee gehe. Vieles ist nicht geplant, entsteht aus dem Moment heraus. Aber das meiste findet am Laptop statt. Ich führe ja nebenbei noch eine Promo-Agentur, sonst könnte ich nicht existieren.

Wie entdecken Sie Ihre Bands?
Beat Man: Ich toure durch die ganze Welt und begegne vielen Bands. Und ich habe ein riesiges Netzwerk an Leuten, die mir Bands empfehlen. Und manchmal kriege ich ganz einfach ein Demo, das mich überzeugt.
Andreas Ryser: Bei mir ist das ähnlich, bloss dass ich heute nicht mehr selber auf Reisen gehe.

Sie, Herr Ryser, haben das Streaming einst als grosse Chance der Musikindustrie bezeichnet. Die entsprechenden Dienste zahlen bis heute nur lächerliche Beträge an die Musiker und Labels aus. Ist Ihre Euphorie verflogen?
Andreas Ryser: Nein. Es ist die einzige funktionierende digitale Lösung. Spotify ist der Marktleader, er hat etwa 100 Millionen Nutzer, davon haben circa 30 Millionen ein Bezahl-Abo. Es gibt also noch Luft nach oben. Ich bin zuversichtlich, dass künftig mehr Geld aus der digitalen Musiknutzung zu den Labels und zu den Musikern fliessen wird.

Zahlen Sie eigentlich noch Vorschüsse für Ihre Bands?
Beide: Nein!

In der Jazzbranche ist es mittlerweile üblich, dass die Musiker das Label bezahlen, um auf diesem zu erscheinen.
Beat Man: Nein, so weit ist es bei uns noch nicht.

Sie haben den Label-Förderpreis gewonnen, weil Sie in internationalen Dimensionen denken. Warum ist das in der Schweizer Musikindustrie noch immer nicht selbstverständlich?
Andreas Ryser: In der Schweiz traut man der Kreativwirtschaft nichts zu. Sie ist nice to have, und der Export ist zu wenig professionalisiert. Dass es auch anders ginge, zeigt England.
Hier ist die Musik eines der wichtigsten und lukrativsten Exportgüter. Deshalb haben wir kürzlich den Verein «Indie Suisse» gegründet, um die Idee zu etablieren, dass Musik auch ein Wirtschaftsfaktor ist.

Ist die Leidensbereitschaft der Schweizer Musiker gesunken, beschwerliche Tourneen ins Ausland auf sich zu nehmen?
Beat Man: Man muss sich als Musiker bewusst sein, dass man untendurch muss. Wenn ich eine Europatournee für eine argentinische Band organisiere, dann spielt die nicht wenige Konzerte zu einer Gage von 100 bis 200 Euro.
Das macht sie dann drei Tourneen lang, und bei der vierten gibts dann vielleicht ein bisschen mehr. Diesen Durchhaltewillen haben heute nicht mehr viele Bands.
Andreas Ryser: Eine Schweizer Band hat es im Ausland nicht leicht. Die Lebenskosten sind horrend, die Gagen im Ausland weit schlechter als in der Schweiz. Deshalb geht man hier oft den sicheren Weg und betreibt die Musik oder auch ein Label neben einem Brot-Job.
Da wird es dann schwierig, einen Monat durch Europa zu touren. Doch es gibt sie immer noch, die Bands, die ihr ganzes Herzblut in die Sache stecken.

Beat Man: Ihr Label Voodoo Rhythm ist zu einer weltweiten Marke geworden für – im besten Sinne – primitive Rockmusik. Wie baut man eine solche Marke auf?
Beat Man: Ich will jedes neue Album besser machen als das letzte. Ich bin sehr penetrant, was die Qualitätskontrolle betrifft. Die Bands könnten davon ein Liedchen singen. Wenn mir etwas nicht passt, dann wird es nicht veröffentlicht.
Ich kann auch keine Freundschaftsdienste leisten, was mir schon viele unangenehme Diskussionen eingebrockt hat. Ich fordere viel. Ich mache das Ganze hier ja aus einem einzigen simplen Grund: Die Musik, die ich veröffentliche, muss so gut und aufregend sein, dass ich sie als Kunde im Laden sofort kaufen würde.

Die Preisverleihung findet am 16. April im Rahmen der Musikmesse M4music statt. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2016, 09:02 Uhr

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