Zum Hauptinhalt springen

Märchen aus dem Tonstudio

Die Bieler Sängerin Rea Dubach übersetzt alte isländische Texte in eine zeitgenössische Musik. Ein geglücktes Unterfangen.

Rea Dubach hat für ihr neues Album Isländisch gelernt.
Rea Dubach hat für ihr neues Album Isländisch gelernt.
Melanie Scheuber

Dies ist ein geheimnisvolles Album. «Völuspá» entrückt uns aus der Prosa des Alltags und spricht aus einer fernen Welt zu uns. Rea Dubach, die 1992 in Biel geborene Sängerin, die sich Síd nennt, hat für die 14 Stücke alte Stabreime aus der «Edda» vertont, der mittelalterlichen isländischen Sagensammlung. Dafür hat sie, einer inneren Stimme folgend, sogar Isländisch gelernt. Vier Jahre dauerte der Weg zu «Völuspá».

Mit diesem Album wird die innere zu einer äusseren Stimme. Sie flüstert, singt oder haucht auch nur die isländischen Stabreime. Die Stimme wirkt rätsel- und märchenhaft. Und sie klingt, jetzt mal prosaisch gesprochen, oft nach Sidsel Endresen. Nach jener norwegische Sängerin also, die im Duo mit Bugge Wesseltoft eine intime, zauberische, verrätselte Musik zwischen Stille und Klang entworfen hat. Manchmal glaubt man bei Dubach die Endresen herauszuhören bis in die Details der Phrasierung.

Doch mal abgesehen von den Einflüssen (von denen es auch andere gibt): Rea Dubach schafft es, uns in eine Welt der Fabelwesen und Weltgründungsmythen zu entführen. Und das, obwohl man von den altisländischen Texten aus dem 13. Jahrhundert nichts versteht; was aber kein Problem ist, im Gegenteil. Es verstärkt nur noch den Eindruck, einem Geheimnis zuzuhören.

In der Klangfabrik

Und doch ist diese Musik auch zeitgenössisch. Sie bewegt sich stilistisch in einem kaum definierbaren Reich zwischen Ambient, Elektronika, freier Improvisation, Noise und Indie-Pop. Besonders aussergewöhnlich klingen herrlich verfrickelte Kurzsongs wie «Asen I» oder «Asen II». Dazu denkt man da und dort auf diesem Album an die Beatles oder die Beach Boys; genauer: an deren minutiös durcharrangierte Alben wie «Sgt. Pepper» oder «Pet Sounds».

Monatelang hat Dubach an der Postproduktion dieser Songs gefeilt. Ihre Band verzog sich in ein Dorf und richtete eine Art Klangfabrik ein: Man editierte, sampelte, bastelte, baute zusätzliche Gitarren ein, Glockenspiele, Elektronika, Naturgeräusche. Stellenweise wird die Musik so dicht, als hätte sich Dubach bei den glissierenden, vervierfachten Streichertutti des Beatles-Songs «A Day in the Life» inspiriert.

Überhaupt, dies ist wieder einmal ein Album, welches sein Albumformat auch wirklich rechtfertigt. Die Musik ist nicht nur extrem sorgfältig produziert, sie hängt über das ganze Werk zusammen. Und doch wurde die Musik im Studio nicht zu Tode erstickt.

Ihr Kern, oder ihr Ursprung, bleibt noch durch das dichteste Sounddesign hindurch immer hörbar – nämlich dieses oft fast frei improvisierende Trio mit Rea Dubach (Stimme/Gitarre), Luzius Schuler (Klavier/Keyboards) und Lukas Rutzen (Schlagzeug). Kurzum: Auf «Völuspá» lachen sich Studiofetischismus und freier Impro-Geist an.

Auf der Bühne wird man diese Musik nie so spielen können, und dennoch droht kein «Sgt. Pepper»-Problem (die Beatles konnten ihr in 129 Tagen gefertigtes Studioprodukt schon aus musikalischen Gründen nicht live aufführen): Grosse Teile dieses Songmaterials dürften auch in roherer Version und in ausgedünnter Instrumentierung funktionieren – gerade weil hier ausgesprochene Improvisatoren am Werk sind.

Síd: Völuspá (Prolog Records).

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch