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«Kunst wird immer eine Art Kampf bleiben»

Keyboarder Bugge Wesseltoft erklärt vor seinem Auftritt am Festival Jazznojazz, warum skandinavischer Jazz oft so melancholisch klingt.

Er findet seine eigenen Wege: Der norwegische Pianist Bugge Wesseltoft. Foto: CF Wesenberg
Er findet seine eigenen Wege: Der norwegische Pianist Bugge Wesseltoft. Foto: CF Wesenberg

Sie sind Botschafter der legendären Nordic Sounds. Wie kam es seit den 1970ern zum Wunder dieser bald mal gehypten Klänge, zuerst um Leute wie Jan Garbarek, dann in einer zweiten Welle mit Ihnen und anderen?

Die norwegische Jazzszene war früh speziell. Da waren zum einen weit ausstrahlende Musiker wie eben Jan Garbarek und Terje Rypdal. Doch man muss sich immer vor Augen halten, dass Norwegen bevölkerungsmässig ein sehr, sehr kleines Land ist.

Es hat weniger Einwohner als die Schweiz ...

… nicht mal 6 Millionen. In Norwegen fühlt man sich oft wie am Rand der Welt. Wir Norweger machen die Dinge darum auf unsere eigene Weise. Jan Garbarek etwa war zwar inspiriert vom US-Jazz, doch er empfand sich vor allem als ein Norweger mit eigener Identität. Dies hat sich bei uns jüngeren Musikern in den 1990ern fortgepflanzt, auch wir suchten nach unserem eigenen Sound. Wir tauschten uns aus in der Musikszene in Oslo, die relativ klein und überschaubar ist. Wir besuchten alle dieselben Musikorte; und bis heute kenne ich fast alle Musiker in Oslo persönlich.

Ist Norwegen in der Tendenz ein verschlossenes Land? Bis heute schaffen es auch in der Literatur viele Bücher nicht nach Norwegen.

Auch manche Musik drang nicht bis nach Norwegen vor, zumindest früher: In Stockholm oder in Kopenhagen haben in den 1960ern weltberühmte amerikanische Jazzmusiker wie Dexter Gordon gelebt und die lokalen Szenen beeinflusst – bis nach Oslo aber kamen sie nie. Wir mussten so unseren eigenen Weg finden.

Ihre «New Conception of Jazz» speiste sich in den späten 1990ern von elektronischen Clubsounds: Techno war in Oslo also doch angekommen.

Ja, natürlich. So abgeschlossen sind wir auch wieder nicht. Musik ist auch etwas anderes als Literatur. Literatur muss übersetzt werden, Musik dagegen ist zugänglicher, eine universale Sprache. Übrigens, als wir unseren nordischen Electronic Jazz zu spielen begannen, stiessen wir bei unseren Touren im übrigen Europa auf ähnliche musikalische Bestrebungen, etwa bei Erik Truffaz.

Norwegen erfährt auch viel Lob für seine Kulturförderung.

Ich selbst war nie besonderer Nutzniesser der norwegischen Kulturförderung. Jan Garbarek ebenfalls nicht. Manchmal ist es hilfreich, wenn du für deine Musik kämpfen musst! Aber tatsächlich haben wir dieses Subventionssystem. Es ist auch wichtig zur Unterstützung von Musik mit norwegischen Wurzeln und zur Besinnung auf sie. Man wird sonst schnell «überschrieben» von der Musikindustrie.

Erleichterte auch ein austariertes gesellschaftliches Klima die norwegische Kulturblüte?

(Zögert) In der Kunst ist es wichtig, dass man etwas hat, wofür man kämpft. Die interessanteste Phase moderner britischer Musik etwa war in meinen Augen gerade die Zeit Margaret Thatchers. Punk und die Nachfolgemusiken verstanden sich als Anti-Bewegung gegen Thatcher. Kunst wird immer eine Art Kampf bleiben. In Skandinavien liegt der Fall in dieser Beziehung noch mal anders. Nehmen wir Leute wie den Maler Edvard Munch oder auch den Schriftsteller August Strindberg: Sie führten so etwas wie einen inneren Kampf. Ich glaube, dass wir in Skandinavien recht harte Lebensbedingungen haben. Im Winter ist es sehr kalt, sehr dunkel. Es ist wirklich bedrückend. Munch oder Strindberg berichten auch vor diesem Hintergrund von ihren inneren Kämpfen. Vielleicht sprechen die beiden für Skandinavien überhaupt.

Es fällt einem auch die Black-Metal-Szene Norwegens ein. Im satanistischen Rausch wurden da auch schon mal Kirchen abgefackelt.

Brennende Kirchen waren doch auch wieder nicht derart häufig in Norwegen. Die Black-Metal-Bewegung freilich war tatsächlich ein «big thing». Doch auch der skandinavische Black Metal wurde aus dem Wunsch nach einer eigenen Identität geboren.

Manche Ihrer norwegischen Jazzer-Kollegen klingen ebenfalls sehr schwarz, fast nach leise abgeschwächtem Black Metal. Eines der schönsten frühen Alben des Gitarristen Eivind Aarset heisst typischerweise «Electronique Noire».

Skandinavische Musik sucht eben das Melancholische, eine «darkness». Wobei ich allerdings wiederum glaube, dass es um eine innere Dunkelheit geht. Eivinds Album ist wirklich schön, es war eines der ersten Alben auf meinem eigenen Label Jazzland.

Ihr neues Trio Rymden mit Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström – die beide Teil des Kulttrios des 2008 verstorbenen Pianisten Esbjörn Svensson waren und mit dem Sie in Zürich auftreten – sucht nun auch seinen eigenen Weg: Sie sagen, Sie wollten mit ihm keinen US-Jazz nach Art Keith Jarretts spielen, es gehe mehr um einen Rock-Approach.

Genau. Was nicht heisst, dass ich Keith Jarrett nicht liebe.

Bei Ihrer «New Conception of Jazz» war Elektronik entscheidend. Wenn Sie sich jetzt rockig orientieren, heisst das, dass sich die elektronische Clubkultur überlebt hat?

Noch immer höre ich viel elektronische Musik. Aber ich habe viele Jahre damit verbracht, Jazz mit Elektronischem zu verbinden. Irgendwie habe ich nun das Gefühl: Das liegt hinter mir. Für Rymden suchte ich nach neuen Inspirationsquellen. Die skandinavische Rockszene spielt eine Rolle, der deutsche Krautrock der frühen Siebziger, Old-School-Hip-Hop oder selbst klassische Musik. Ich wollte auch keine elektronischen Beats mehr haben. Die Basis von Rymden bildet der Sound des akustischen Jazz-Klaviertrios.

Sie benutzen aber oft auch das Fender-Rhodes-Piano.

Das Fender-Rhodes-Piano war das erste Instrument überhaupt, das ich mir als Junger kaufte. Ein akustisches Klavier hatte ich erst mit 22. Bezeichnend für mich war im Übrigen immer eine Kombination aus akustischen und elektronischen Sounds. Die verschiedenen Soundqualitäten zu verschmelzen, schien mir stets besonders interessant.

«Die Energie, die dabei fliesst: Darum geht es.»

Rymden klingt offener und ungeplanter als das Esbjörn-Svensson-Trio. Jazzmusiker zu sein, heisst dies für Sie, dass die Musik improvisiert und ein Abenteuer sein soll?

Improvisation ist das Herz der Jazzmusik. Sie macht Jazz erst zur einzigartigen Kunstform. Bei einem Film oder einem Buch ist für den Betrachter oder Leser alles schon fertig ausgearbeitet. Als Jazzmusiker aber kreiert man seine Musik direkt vor dem Publikum. Das ist fantastisch – auch für ein Publikum: Es kann zuschauen, wie die Musik entwickelt wird. Überhaupt, ich bin immer mehr daran interessiert, dass ich in einen intensiven Dialog hineinkomme mit dem Publikum.

Das Improvisieren ist gekoppelt mit Ihrem Verhältnis zum Publikum?

Eine Erfahrung ist, dass ich vor verschiedenen Zuhörerschaften auch unterschiedlich improvisiere. Allgemein ist Kunst ein Treffen zwischen einem Kunstwerk und einem Beobachter. Die Energie, die dabei fliesst: Darum geht es. Sie macht den Wert von Kunst und Musik aus.

Rymden (Wesseltoft, Berglund, Öström): Konzert am Zürcher Festival Jazznojazz, Mittwoch, 30. Oktober, 20 Uhr, in der Gessnerallee. Das viertägige Jazznojazz-Festival eröffnet am selben Abend um 19 Uhr mit einem Konzert des amerikanischen Tenorsaxofonisten Charles Lloyd. Ganzes Programm: Jazznojazz.ch

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