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Kraulen in Zeitlupe

Cruise Ship Misery, das ist üppiger Pop an der Schnittstelle zwischen 80s-Synthie und futuristischem Minimalismus.

Nicolet Perriard
Elektrisierende Synergie: Sarah Elena Müller (l.) und Milena Krstic.
Elektrisierende Synergie: Sarah Elena Müller (l.) und Milena Krstic.
John Rütti

90er-Synthesizer-Orgien mit Mundart-Sprechgesang vermengen? In den meisten Fällen wäre eine solche Kombination nur in homöopathischen Dosen erträglich – also etwa zehn Sekunden lang. Cruise Ship Misery machen auf ihrem Erstlingswerk «Urteil» aber genau das – und es ist so ziemlich das Gegenteil von unerträglich. Denn Texterin Sarah Elena Müller beherrscht auch das Spiel mit dem Synthesizer ungemein; ja sie schafft es gar, ein virtuoses Tastengemisch aus Futurismus und nostalgischer Melancholie zu kreieren. Das klingt dann etwa so, als wäre die Musik eine Katze auf dem Arm, die in Zeitlupe gekrault wird.

Doch wie kam es überhaupt dazu? Dass die beiden Berner Musikerinnen zusammengespannt haben, beruht auf einer Aneinanderreihung diverser Zufälle. Milena Krstic führte vor ein paar Jahren ein Interview mit Sarah Elena Müller, als diese noch Teil eines Künstlerkollektivs war (beide schreiben auch für den «Bund»), und statt des Interviews rückte immer mehr die Musik in den Mittelpunkt das Gesprächs – jedenfalls sprang der Funke über und die beiden entdeckten gemeinsame und elektrisierende Synergien. «Wir ergänzen uns gegenseitig, fühlen uns vom Gegenüber verstanden und bestärkt», so Krstic, die bereits unter dem Namen Milena Patagônia die Berner Mundart in Form von zwielichtigem R’n’B musikalisch rehabilitiert.

Psychosen am Empfangsschalter

Auf ihrem Debütalbum thematisieren Cruise Ship Misery expressiv und unbeschönigt Themen, die in unserer Gesellschaft eher unter den Teppich gekehrt werden. Und doch wissen wir alle von den Randerscheinungen des modernen, leistungsorientierten westlichen Alltags: Justizvollzug, Beschattung, Nachbarschaftspsychosen, Betreibungsamt oder der Empfangsschalter der Kesb.

Was genau verbindet diese Leitgedanken, dieses monströse Konstrukt, welches in den Texten in verschiedenen Schattierungen beschrieben wird? Der komplexe Unterbau unserer behördlichen Struktur, der das System im Hintergrund am Laufen hält, diese Institutionen inspirieren das Duo zu düsteren, unbequemen und hinterfragenden Texten. So singt Krstic im Song «Schatte»: «Faus i dir später im Läbe mau sött Unrächt tue / Wird d Staatsanwaltschaft denn i ihri Akte luege und vieusägend d Ougsbraue lüpfe? / Es Machtwort entschlüpft / Es chliis Verfahrenswörtli, es Monätli / Begründet oder nid / Ohnmacht oder nid / Ich mah nümm, dänki nume.»

Und obwohl der Inhalt der Songs schwer wirkt, kommt der Gesang oft federleicht daher, die Stimme goldig. So entsteht auf «Urteil» ein Hybrid aus sprachlichem Destillat und musikalischer Nintendoromantik. Während ihren Live-Shows werden die Texte zudem simultan auf Schriftdeutsche projiziert, Krstic steht dabei im eleganten Abendkleid auf der Bühne. Fehlt nur noch die Katze, die gekrault wird.

Rössli Reitschule Donnerstag, 7. März, 22 Uhr, Support: Daif

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