Kosovo ist überall

Die Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» nimmt mit einheimischen Künstlern in Kosovo eine CD auf und geht im Herbst dort auch auf Tournee.

«Bern ist überall» auf der Bühne: Guy Krneta (Dritter von rechts) und Gerhard Meister (ganz rechts)

«Bern ist überall» auf der Bühne: Guy Krneta (Dritter von rechts) und Gerhard Meister (ganz rechts) Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn jemand eine Reise tut, dann kann sie nachher nicht nur etwas erzählen, sie hegt im Vorfeld unter Umständen auch bestimmte Erwartungen. Sie wünsche sich, sagt Ariane von Graffenried, auf ihre Erwartungen angesprochen, «dass wir von ‹Bern ist überall› nach unserer Rückkehr albanische Sonette, serbische Haikus und Elfchen in Romani verfassen» – und das alles wenn möglich «in Kombination mit berndeutschen, französischen, englischen, deutschen und italienischen Versen». Die 39-jährige Autorin und Kolumnistin, die kürzlich unter dem Titel «Babylon Park» Sprechtexte veröffentlichte, in denen sie virtuos zwischen Berndeutsch und anderen Sprachen pendelte, beliebt natürlich zu scherzen. Im Ernst: Sie erhoffe sich von der Kooperation mit kosovarischen Künstlern und Musikern einfach einen «schönen Austausch, gute Gespräche und Verschwesterung auf dem Dancefloor».

Über die Landesgrenzen hinaus

Ja, die Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» verlässt temporär die Schweiz und reist nach Kosovo. Die Wohnung in der Hauptstadt Pristina ist seit April für ein halbes Jahr gemietet, Autorinnen und Autoren werden einzeln und zusammen dort mehrere Wochen verbringen. Mitte Juni sind CD-Aufnahmen mit kosovarischen Künstlern geplant, zwischen dem 25. September und dem 15. Oktober steht eine gemeinsame Tournee durch Kosovo mit Auftritten in Pristina, Prizren, Gjakova, Ferizaj und Peja auf dem Programm. 2018 ist eine Tournee in der Schweiz vorgesehen.

Die Idee zu dieser Horizont erweiternden Grenzüberschreitung nahm nach einem Preissegen Gestalt an. 2015 ging der mit 100'000 Franken dotierte Kulturpreis der Berner Burgergemeinde an «Bern ist überall». Die Burgergemeinde zeichnete die über zehnjährige Erfolgsgeschichte aus, insbesondere auch die Verbreitung von Berner Kultur über die Stadt- und Kantonsgrenzen hinaus. Einen Teil der Preissumme investiert «Bern ist überall» nun, um die «Berner Kultur» auch über die Landesgrenzen hinauszutragen.

Wieso aber ausgerechnet Kosovo? Sprachenvielfalt habe die seit 2003 existierende Gruppe schon immer beschäftigt, sagt der Autor Guy Krneta, zusammen mit Pedro Lenz, Gerhard Meister und Beat Sterchi ein Gründungsmitglied von «Bern ist überall». Mit Laurence Boissier und Antoine Jaccoud ist auch das Französische präsent.

«Es war uns schon immer ein Bedürfnis, Schweizer Mundarten durch andere Sprachen zu ergänzen», sagt Krneta. Zwischen Kosovo und der Schweiz bestünden seit Jahrzehnten enge Beziehungen. Ende der 1990er-Jahre lebten rund 150'000 Kosovaren als Gastarbeiter in der Schweiz, im Zuge des Kosovokrieges 1998/99 kamen nochmals fast 90'000 Menschen als Flüchtlinge. Viele haben heute den Schweizer Pass, verstehen Deutsch, Französisch und Mundart. Umgekehrt ist auch das Kosovo-Albanische in der Schweiz stark präsent. Albanisch sei eine sehr alte Sprache mit einem «wunderbaren Klang», findet Ariane von Graffenried. «Da es sich zu unserer fünften Landessprache entwickelt, wäre es hilfreich gewesen, ich hätte es in der Schule gelernt.»

Der «Trainer» und seine Auswahl

Der Autor und Musiker Adi Blum, als Akkordeonist auch seit Beginn bei «Bern ist überall» dabei, ist der Koordinator des Kosovo-Abenteuers. Zusammen mit Antoine Jaccoud war Blum vor rund einem Jahr erstmals in Kosovo unterwegs, um Kontakte zu knüpfen und das Projekt «anzuschieben». Unter anderem wollten sie in Erfahrung bringen, ob man in Kosovo Poetry-Slam und Spoken Word überhaupt kennt. «Wir merkten bald, dass wir uns auf ein Experiment einlassen.» Viele hätten geglaubt, dass Schauspieler auf der Bühne auftreten würden, und als von Schriftstellern und Büchern die Rede war, hätten die meisten an klassische Lesungen gedacht. «Der Bereich dazwischen mit Autoren, die auf der Bühne ihre Texte performen, ist in Kosovo noch nicht so bekannt», sagt Blum.

Positiv gestalteten sich die Kontakte mit den Theaterdirektoren der fünf Stadttheater im Land: «Alle waren sofort bereit, uns auf unserer Sprachentournee ihre Bühnen zur Verfügung zu stellen.» Als schwieriger erwies sich die Suche nach kosovarischen Autorinnen und Autoren. «Wir haben uns dann entschieden», sagt Blum, «dass unser Kooperationspartner in Pristina die Künstlerinnen und Künstler vorschlagen soll.» Der Kopf dieser kosovarischen Partner ist in Bern kein Unbekannter: Vom Dramatiker und Theaterregisseur Jeton Neziraj wurde zu Beginn der Spielzeit 2015/16 im Schlachthaus-Theater das Stück «Kosovo for Dummies» uraufgeführt, das mit bekannten Klischees spielte und die Identitätsprobleme von Immigranten mit Sinn fürs Absurde untersuchte.

Neziraj hat politisch in seiner Heimat immer wieder angeeckt, er hat sich kritisch mit dem jungen Staat auseinandergesetzt und auf künstlerische Kontakte mit dem «Erzfeind» Serbien nicht verzichtet. 2011 wurde er aus dem Amt als Direktor des Nationaltheaters in Pristina entlassen. Mittlerweile leitet Neziraj eine freie Theatergruppe in Pristina, die im «Qendra Multimedia» domiziliert ist. Ende April hatte am Nationaltheater sein jüngstes Stück «Bordel Babylon» Premiere, das zum Ärger vieler kosovarischer Nationalisten von einem serbischen Regisseur inszeniert wurde. Angelehnt an die Orestie von Aischylos, geizte der Autor nicht mit Anspielungen auf die von Korruption und Arbeitslosigkeit geprägte Gegenwart und liess keine politische Gruppe in Kosovo ungeschoren davonkommen. Die Folge: Der Autor erhielt bereits im Vorfeld Morddrohungen von Veteranen des Unabhängigkeitskrieges.

Auch ein «Härtefall» ist dabei

Neziraj hat nun gleichsam als inoffizieller «Nationaltrainer» eine kosovarische Auswahl nominiert, die mit «Bern ist überall» in einen kreativen Dialog eintreten wird. Eine Einladung erhalten hat darüber hinaus die Bernerin Meral Kureyshi («Elefanten im Garten»), die der türkischsprachigen Minderheit in Prizren angehörte und als Zehnjährige in die Schweiz kam. Guy Krneta hat zudem den schweizerisch-kosovarischen Rapper Besko eingeladen, der im Oktober 2016 aus der Schweiz nach Kosovo ausgeschafft wurde. Wegen Diebstahls und Raubüberfalls hatte er fünf Jahre Haft erhalten und die Aufenthaltsbewilligung eingebüsst. In der Haft begann er eine Lehre, fing an zu rappen und sprach in Workshops mit Jugendlichen über seinen Weg. Sogar SVP-Politiker Lukas Reimann setzte sich – vergeblich– für ihn ein und bezeichnete Besko öffentlich als «Härtefall».

Etliche der neun eingeladenen Gäste (davon zwei Musiker) sind aus Radio und Theater in Kosovo bekannt, darunter ist der bekannte Stand-up-Comedian Dardan Islami, die Poetin Ervina Halili und der Schauspieler und Autor Shpëtim Selmani. Und mit dabei ist auch ein Vertreter der Roma-Minderheit sowie – besonders brisant – der serbische Autor und Theatermacher Miloš Živanovi?. Die Sprachenvielfalt sei für «Bern ist überall» ein zentrales Anliegen, bestätigt Adi Blum, der um die Brisanz dieser Personalie weiss. «Auftritte mit Miloš Živanovi? sind in Pristina und Prizren möglich», sagt Blum, in den Städten des Nordens Kosovos sei es hingegen besser, auf sein Mitwirken zu verzichten, «weil dort in der Nähe zu Serbien die Kriegserlebnisse noch lebendiger sind».

Keine Provokationen geplant

Für Gerhard Meister ist die Einladung des serbischen Autors auch ein «Statement für die Sprachenvielfalt». Er betont jedoch, dass keine Provokationen geplant seien: «Wir wollen nicht als Schulmeister in Sachen Toleranz auftreten, diese Rolle steht uns nicht zu.» Der Lyriker und Theaterautor Meister, auch bekannt als «Bund»-Mundart-Kolumnist, ist zum ersten Mal auf dem Balkan. Zusammen mit anderen Mitgliedern von «Bern ist überall» tritt er am 24. Mai erstmals in Pristina an den «Tagen der deutschen Sprache» auf, die seit einigen Jahren gemeinsam von der Schweizer, der deutschen und der österreichischen Botschaft organisiert werden.

Vor Antritt der Reise versucht Gerhard Meister seine Kenntnisse der Gegend zu vertiefen: «Dabei fällt mein Blick fast automatisch auf die Geschichte. Weil Geschichte mich interessiert, und weil Geschichte in Kosovo in Form ungelöster Konflikte virulent ist.» Die Hauptstadt Pristina kennt Ariane von Graffenried bereits; sie schrieb dort mit Jeton Neziraj ein Theaterstück und trat im vergangenen Jahr an einem Literaturfestival auf: «Ich freue mich, dorthin zurückzukehren, Pristina ist ein gut gelauntes Wirrwarr.» (Der Bund)

Erstellt: 12.05.2017, 06:55 Uhr

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Sie isch hie

Mamablog Wohin mit meiner Wut?

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Sie kann gar nicht gross genug sein: Beobachtet von Schaulustigen, reitet ein Surfer vor der Küste von Nazaré, Portugal, auf einer Monsterwelle. (18. Januar 2018)
(Bild: Armando Franca/AP) Mehr...