Kammermusik in Übergrösse

Das Berner Kammerorchester und das Jugendsinfonieorchester Arabesque haben sich für Grieg und Mahler vereinigt.

Als hätte er vier Hände: Der Pianist Andrew Tyson.

Als hätte er vier Hände: Der Pianist Andrew Tyson. Bild: zvg

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Wieder nahm ein junger Pianist das Kultur-Casino im Sturm: Diesmal ist es der Amerikaner Andrew Tyson, vor zwei Jahren Gewinner des Géza-Anda-Wettbewerbs in Zürich und seither weitherum als Shooting Star gefeiert. Er spielte Edvard Griegs Klavierkonzert und schenkte damit dem Berner Publikum eine halbe Stunde elektrisierende Hochspannung.

Waren die wiegenden Wogen des Orchesters das Meer, so war der hell gestimmte Flügel das Schiff, umspielt von Tysons Trillern und Arpeggi wie von kräuselnden Bugwellen. Als hätten der Solist und Philipp Bach, Chefdirigent des Berner Kammerorchesters (BKO), schon viele Male zusammen musiziert, herrschte zwischen beiden fast blindes Einvernehmen. Sie liefen schon im Mittelsatz zu gewaltigem Furor auf, der sich im Finale noch steigerte. Auch beim Jugendsinfonieorchester Arabesque, mit dem das BKO zusammenspannte, war die Musizierfreude mit Händen greifbar. Dass bei einem solchen Projekt mehr Abstimmungsprobleme und Wackelkontakte zu verzeichnen waren als bei dauerhaft eingespielten Formationen, liegt in der Natur der Sache, tat dem Erlebnis aber keinen Abbruch.

Nahezu eine Hundertschaft

Einen stupenden Kontrast zu Grieg setzte Tyson in der Zugabe, einer Sonate von Scarlatti, die er frisch und so perlend vortrug, als hätte er vier Hände. Nur zwanzig Jahre liegen zwischen den beiden der Spätromantik zuzurechnenden Werken des Programms, und dennoch sind sie grundverschieden: Hier das stark von Schumann inspirierte Klavierkonzert, da der im Aufbau zwar noch klassische, zugleich aber bereits weit in die Zukunft weisende sinfonische Erstling Gustav Mahlers. Der Beiname dieser Sinfonie ist «Der Titan», obgleich der Komponist selber davon wieder Abstand genommen hatte. Dies hat nicht nur, aber auch mit der Dauer (fast eine Stunde) und der grossen Orchesterbesetzung (nahezu eine Hundertschaft) dieses Werks zu tun.

So mag man sich fragen, wieso sich ein Kammerorchester gerade an diese Sinfonie wagen wollte. Verstärkt durch das von Georgios Balatsinos einstudierte Jugendsinfonieorchester Arabesque und weitere Zuzüger kam aber nahezu die Originalbesetzung zusammen – und über die Frauenquote auf dem Podium musste man sich für einmal so wenig Sorgen machen wie um das Durchschnittsalter des erfreulich zahlreichen Publikums.

Lustvolles Krachen

Wie bei Grieg war auch hier ein gewisser Tribut bei der Exaktheit mancher Bläserpassagen und der Akkuratesse gewisser Einsätze unvermeidlich. Doch Philipp Bach, Wagner-erprobt und Grossformate gewöhnt, behielt Ruhe und Übersicht. Unaufgeregt und genau steuerte er durch die vier Sätze. Er betonte die markanten Kontraste, liess im Kopfsatz und im Trauermarsch manche Stelle schön ausmusizieren und fand die richtige Dramatik für den Schluss: Zum Grossartigen dieser Sinfonie gehört ja, dass man schon glaubt, im Ziel zu sein, wenn Mahler erneut innehält. Es folgen schmerzlich-süsse, hier aber nie kitschig gestaltete Motive, dann nochmals die Naturlaute und Vogelstimmen des ersten Satzes – und dann liess Bach es im grossartigen D-Dur-Finale lustvoll dröhnen und krachen. (Der Bund)

Erstellt: 28.02.2017, 07:58 Uhr

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