Invasion der Helvetier

An diesem Wochenende werden 37 Swiss Live Talents in 6 Berner Clubs aufspielen. Eine Orientierungshilfe.

Die «Bund»-Kronfavoritin in der Kategorie «Pop/Indie/Folk/Songwriting»: Brandy Butler.

Die «Bund»-Kronfavoritin in der Kategorie «Pop/Indie/Folk/Songwriting»: Brandy Butler. Bild: zvg / Fiona McPherson

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Die Schweiz und ganz besonders Bern hat es ja nicht so mit den grossen Award-Shows. Das muffelt bald einmal nach Provinz-Schaustück, an welchem der durch den Abend führende Lokalradio-Moderator noch am meisten Mondän-Magie verbreitet. Die Kürung der Swiss Live Talents, die bereits einige Male in Bern über die Bühne ging, war ein solch sonderbarer Anlass. Doch heuer wollen die Veranstalter jenes Gut ins Zentrum stellen, das auch tatsächlich verhandelt wird. Nämlich die Live-Musik. Das Ergebnis ist der Music Marathon (MuMa): Bern kommt in den Genuss einer veritablen Invasion an helvetischer Tonkunst. 37 Bands treten in zwei Tagen in sechs Berner Lokalitäten auf (Bonsoir, ISC, Turnhalle, Dachstock, Rössli, Frauenraum der Reitschule).

Im sympathischen Gegensatz zu den Swiss Music Awards werden die Musikprojekte hier nicht anhand von Verkaufszahlen nominiert, sondern von einer illustren Jury auserwählt. Und es geht hier auch weniger um die glamouröse Aussenwirkung, den Bands soll aus diesem Preis ein praktischer Mehrwert erwachsen. So winken Festivalauftritte im In- und im Ausland, da bereits in der Jury internationale Festivalbooker Einsitz genommen haben. Ohne der Jury vorgreifen zu wollen, hat der «Bund» sich das Vergnügen gegönnt, aus den fünf Nominierten der Kategorien seine drei Lieblinge zu küren.

«Pop/Indie/Folk/Songwriting»
Wie es schon die etwas gar breit gefasste Stilpalette vermuten lässt, haben sich von den 665 Bands, die sich beworben haben, die meisten für diese Kategorie interessiert. Und so hat der Selektionshammer schon im Vorfeld zugeschlagen und verdienstvolle Acts wie Lord Kesseli, Kamikaze oder Pamela Méndez rausgehauen.

1. Brandy Butler & The Broken Hearted
Geheimnisvoll und obskur ist der Soul der ehemals beliebtesten Backing-Vocalistin des Landes. Die Stimme der Brandy Butler hat sich endgültig in den Vordergrund gespielt und betört im Verbund mit hintergründigen Arrangements und Genre-unüblichen Stilreibungen. Glitzerkram gibt es bei Frau Butler keinen. Dafür wahrhaftig erlebte Seelenpein. (Fr, 23.30 Uhr, Frauenraum)

2. One Sentence Supervisor Das hehre Gut des Sichzeitnehmens haben die Zürcher zur Bühnenkunst erhoben. Ihre Lieder fransen gerne aus und behalten doch die Spannung. Indie-Wave-Psychedelik für geduldige Nachdenker. (Sa, 24 Uhr, Rössli)

3. Odd Beholder oder Yellow Teeth

Die «Bund»-Jury ist unentschlossen: Odd Beholder ist eine der wenigen Schweizer Bands, welche mit ihrem schwarz lackiertem Trip-Hop die Spotify-Millionen- Streams-Grenze pulverisiert hat. Ihre Konzerte gehören aber nicht zu den Ereignissen, die man vor seinem Ableben unbedingt noch erlebt haben muss. Und Yellow Teeth macht Folk nach alter Väter Saite. Er macht das prima, doch ausser seinem regelmässig zum Einsatz kommenden Kehlkopfüberschlag bleiben die Überraschungen aus. (Odd Beholder: Sa, 23 Uhr, Turnhalle, Yellow Teeth: Fr, 22 Uhr, Dachstock)

«Rock/Metal»

1. Dirty Sound Magnet
«Mit jedem neuen Song ist prinzipiell alles möglich»: Diesen freigeistigen Ansatz verfolgt das Trio Dirty Sound Magnet aus Freiburg und schirmt seinen 70s-Rock folgerichtig keineswegs gegen neuzeitliche Einflüsse ab. Ihr neues Album ist ein raffiniert verspiegeltes Psychedelic-Tonwerk. (Fr, 1 Uhr, ISC)

2. L’Arbre Bizarre
Ein bisschen Zorn, ein bisschen Resignation und dazwischen wird ganz interessant aufgewallt. Die Band aus Basel schafft ganz hübsche Schwarzmalermusik mit grantigen Stromgitarren-Intermezzi. (Sa, 22.30, Rössli)

3. The Last Moan
Am meisten Bands ins Finale gebracht hat erstaunlicherweise der Kanton Wallis. The Last Moan ist eine davon. Die Mannen aus Sitten präsentieren einen Blues-Rock mit ziemlichem Gewaltpotenzial. Aber auch mit ziemlich offensichtlichen Referenzen an diverse Vorreiter des Genres. (Sa, 1.15 Uhr, Rössli)

Elektro/Dance

1. Gina Estrada
Offenbar ist der Tanz und der Synthesizer in diesem Land aus der Mode geraten. Elektro/Dance ist die Kategorie mit den weitaus wenigsten und auch künstlerisch unergiebigsten Bewerbungen. Da wird lustlos Preset-Sound aneinanderkopiert und Geläufiges repetiert, sodass wir nur eine Eingabe herausheben möchten. Gina Estradas Tracks sind in dieser Ödnis noch am apartesten getaktet und weisen einen angenehm unanbiedernden Pop-Appeal auf. (Sa, 24 Uhr, Frauenraum)

Urban/Hip-Hop/Groove/Reggae

1. Koqa Beatbox
Die Band aus Neuenburg verzückt mit dem eigenwilligsten Line-up des ganzen Festivals: Human Beatbox, Flügelhorn und Schlagzeug. Das ist Hip-Hop, der das Gängige sprengt. (Sa, 0.40 Uhr, Dachstock)

2. Penfield
Die Genfer Gruppe vollbringt einen dreifachen Rittberger auf dem schmierigen Terrain von Art-Rock, Fusion-Jazz und Vintage-Elektro-Gehabe. Geht eigentlich gar nicht, sie tuns aber ganz prima. (Fr, 20.30 Uhr, Turnhalle)

3. La Nefera
Die in Basel gestrandete Dame aus der Dominikanischen Republik sprechsingt mit kerniger Stimme in kernigem Spanisch über kernige Beats. Viel mehr ist da nicht. (Sa, 23.50 Uhr, Turnhalle)

National Language

1. Macaô
Eigentlich tun sie nicht viel anderes als die zweitplatzierten Carrousel. Es geht hier um das neue Chanson, es gibt Besen-Schlagzeug und eine hübsche Frauenstimme. Doch irgendwie scheinen diese Damen und Herren aus dem Wallis noch etwas mehr musikalische Wagnisse einzugehen. (Kein Konzert)

2. Carrousel
Sie touren durch die (vornehmlich deutschen) Landen, als kriegten sies bezahlt. Carrousel hat es geschafft, ins emsig bearbeitete Feld des neuen französischen Chansons eine ansteckend unbeschwerte Note zu pflanzen. (Kein Konzert)

3. Dachs
Was Jeans for Jesus für Bern, ist Dachs für St. Gallen. Es geht um den Versuch, die heimische Mundart mit dem Zeitgeist (sprich: Fistelstimme, Trance-Flächen und Zwirbel-Hi-Hats) zu kreuzen. Blöd halt, das der Zeitgeist gerade etwas lasch daherkommt und der Dachs im Gegensatz zu J4J kaum subversiv in Erscheinung tritt. (Sa, 22.15 Uhr, ISC)

Kategorie Best Live Act

1. Zeal & Ardor
Unter den üblichen Verdächtigen findet sich in dieser Kategorie eines der grössten Musikspektakel des Jahres: Zeal & Ardor verwirren die Welt mit einer Mengung aus Dark Metal und Gospel. Da die Basler in keinem der Genres wirklich zu Hause sind, klingt das ganz fantastisch. (Sa, 1.25 Uhr, ISC)

2. Klaus Johann Grobe
Mit seiner heimorgeligen Popmusik für den Vulkanlampenbesitzer hat es dieser Klaus Johann Grobe sogar schon in den altehrwürdigen «Rockpalast» geschafft. (Kein Konzert)

3. Peter Kernel
Nun, zur aktuellen helvetischen Konzertsensation muss man die Gruppe Peter Kernel aus dem Tessin nicht unbedingt hinaufstilisieren. Aber zumindest im Studio strotzt diese Band vor guten Ideen, die Grundfesten des Indie Rock ein bisschen zu sabotieren. (Sa, 0.55, Frauenraum)

«Best Emerging Talent»

1. All XS
Es gibt im Deutschen ein schönes Wort, um die Gleichzeitigkeit von Modebewusstsein und funkelnder Eleganz zu umschreiben. Das Wort heisst schnieke und trifft exakt auf das zu, was die Berner Gruppe All XS produziert. Traumpop mit Disco-Anwandlungen. (Fr, 0.35 Uhr, Dachstock)

2. Pandour
Deep House mit Stromgitarren und Ethno zu koppeln, ist ein nicht uninteressanter Ansatz. Und genauso nicht uninteressant klingt das Ergebnis. Obs dann auch ein Live-Leckerbissen ist, sei einmal dahingestellt. (Kein Konzert)

3. A=F/M
Nochmals Bern, nochmals Traumpop, und wie bei All XS steckt das heimische Label Oh, Sister Records dahinter. Es gibt sogar ein Lieblingslied: «Magical Forest» ist ein Bijou. (Sa, 23 Uhr, Frauenraum) (Der Bund)

Erstellt: 16.11.2017, 07:08 Uhr

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