«Ich weiss nicht, wie es weitergeht»

Franz Treichler hat mit seiner Gruppe The Young Gods die Zukunft der Rockmusik vorweggenommen. Nun soll damit Schluss sein.

Die Genfer Band spielt in Bern ihr Set aus den Achzigerjahren: Die Ur-Young-Gods Franz Treichler (r.) und Cesare Pizzi.

Die Genfer Band spielt in Bern ihr Set aus den Achzigerjahren: Die Ur-Young-Gods Franz Treichler (r.) und Cesare Pizzi.

Ane Hebeisen

Ich habe die Young Gods 1986 im Meerhaus gesehen. Damals klang das nach Science-Fiction. Nun spielen sie dasselbe Programm wieder. Wonach klingt es 28 Jahre später?
Das ist schwierig zu beurteilen. Aber es ist durchaus interessant, zu testen, wie diese Musik die Zeit überdauert hat. Ich denke, sie wirkt auch im Heute noch sonderbar, energetisch und verrückt.

Und sie klingt auch heute noch zukunftsweisend. Hat sich tatsächlich so wenig getan im letzten Vierteljahrhundert Musikevolution?
Es hat sich sehr viel getan, doch die meisten Innovationen fussten auf der Sampling-Technologie, die auch der Ursprung unserer Musik war. Als wir 1984 mit den Young Gods begannen, wurden die Sampler erstmals auch für Normalsterbliche erschwinglich. Das war eine Revolution, und es hat die Art, wie über Musik nachgedacht wurde, vollkommen verändert. Auf einmal war da alles möglich, man konnte klassische Musik auf dem Keyboard abrufen, und im nächsten Stück waren es elektrische Gitarren. Die Musik wurde unberechenbar. Viele Musikstile haben von dieser Revolution profitiert. Der Hip-Hop etwa wäre ohne Sampler undenkbar. Wir haben versucht, mit der neuen Technologie Rockmusik zu machen, und hatten das Glück, dass das vor uns noch niemand getan hatte.

Warum fokussieren Sie aktuell auf die Frühphase der Young Gods? Werden die Futuristen etwa ein bisschen nostalgisch?
Nein. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass die Young Gods im Line-up der letzten Jahre nicht mehr existieren. Die Band ist momentan auf Stand-by geschaltet. Cesare Pizzi, unser erster Mann am Sampler, hatte Zeit und Lust, mit uns einige Konzerte zu spielen, unter anderem für die Vernissage des Buchs «Heute und Danach», eine Chronik des Schweizer Undergrounds der Achtzigerjahre.

Dann streicht die Band also kurz vor dem 30. Geburtstag die Segel?
Ich weiss nicht, wie und ob es mit den Young Gods weitergeht. Momentan bin ich in der Phase des Hinterfragens. Und da kommt unweigerlich das Alter ins Spiel: Habe ich noch die Energie, eine aufwendige Tournee durchzustehen? Ein Album einzuspielen? Promo zu machen? Doch ich habe keine Eile, ich lasse mir Zeit.

Der Keyboarder Al Comet hat – wie man vernehmen konnte – keine Lust mehr. Warum suchen Sie nicht einfach einen neuen Tastenmann?
Es ist gut möglich, dass ich das tun werde. Doch einfach einen Studio-Keyboarder auf die Bühne stellen mag ich nicht. Es muss persönlich und künstlerisch funken.

Was würde Franz Treichler ohne die Musik tun?
Ich werde nicht aufhören, Musik zu machen. Das steht fest. Momentan arbeite ich am Soundtrack zu einem Film über die Spannungen an der mexikanischen Grenze, und ich habe für diverse Tanzgruppen Musik gemacht. Es wird mit mir als Musiker weitergehen. Doch womit und unter welchem Namen ich demnächst wieder auf der Bühne stehen werde, ist ungewiss.

Was waren Ihre Visionen als Musiker vor 30 Jahren, was sind die Visionen heute?
Damals träumte ich vom Reisen, davon, mit meiner Musik ein Publikum zu berühren, eine Energie zu teilen. Und daran hat sich nichts geändert. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass meine Stimme zuweilen etwas Mühe hat, fünf Konzerte an einem Stück durchzuhalten. Das Alter eben.

Mitte der Achtzigerjahre wurden die Young Gods von der englischen Presse als die Zukunft der Rockmusik gesehen. Wo orten Sie selbst diese Zukunft heute?
Sie ist dort, wo die Jugend ist. Wo Adrenalin und Testosteron fliessen. Wo Leute neue Ideen entwickeln und diese mit juvenilem Elan zum Strahlen bringen. Ich glaube an die Musik, nicht bloss an die Rockmusik. Sie ist wie Phönix. Mal stirbt sie, doch sie steht immer wieder auf.

Viele ältere Musikhelden schauen mit Verwunderung auf das Musikbusiness von heute mit seinen neuen ökonomischen Regeln. Sie auch?
Schon. Doch auch hier: Ich glaube an die Ökonomie der Musik. Dass da viel Arbeit dahintersteckt, ist kein neuzeitliches Phänomen. Blondie haben schon in den Achtzigerjahren gesagt: Musik, das sind 80 Personen in der Administration und 20 Personen in Aktion.

Dampfzentrale Bern Freitag, 17. Januar, 21 Uhr. Support: Deer (Koch/Müller/Ingold).

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt