«Ich vermisse das kollektive Gefühl von Ekstase»

Simon Reynolds warnte einst vor der Nostalgiesucht im Pop. Nun sorgt der Pophistoriker für Aufruhr – und tappt in die Retrofalle.

Simon Reynolds ist ein Nostalgiker – und gleichzeitig ein Fan von Autotune. Foto: Sabina Bobst

Simon Reynolds ist ein Nostalgiker – und gleichzeitig ein Fan von Autotune. Foto: Sabina Bobst

Herrje, Herr Reynolds, wie sehen Sie denn aus?!
Ich habe mich in Hamburg übel erkältet. Und die Tour durch diverse Bars nach der Lesung hat mir dann noch den Rest gegeben. Es gibt einfach viel zu viele Versuchungen in diesem Hamburg.

In irgendeiner der Hamburger Bars schallte bestimmt ein Heuler aus vergangenen Jahrzehnten aus den Boxen. Sind wir immer noch so nostalgisch unterwegs, wie Sie einst in Ihrem Buch «Retromania» schrieben?
Jein. Einerseits orientieren sich nach wie vor viele Musiker und Musikerinnen an alten Stilen und Klängen. Ausserdem tun sich ständig alte Bands wieder zusammen, um ihre alten Hits zu spielen. Für Festivals und Bands sind solche Wiedervereinigungen finanziell interessant, weil deren Fans ja mittlerweile älter geworden sind und saftige Eintrittspreise zahlen können. Streaming-Dienste wie Youtube oder Spotify ermöglichen zudem, dass man ständig zwischen verschiedenen musikalischen Epochen hin- und herdriften kann. Retro ist also immer noch ein Thema. Gleichzeitig empfinde ich diese Orientierung am Alten aber nicht mehr als ganz so erdrückend, weil wieder mehr Neues passiert, natürlich vor allem in der Welt der digitalen Musik.

Sie haben einmal gesagt, dass neuer Musik immer eine neue technische Errungenschaft vorangegangen sei.
Technik ist nur ein Faktor. Soziale Energie, die Politik der Zeit, Drogen und die Ungestümheit der Jugend haben sich als ebenso wichtige Faktoren erwiesen. Aber es stimmt schon: Bei der Suche nach neuen Sounds hat man immer gerne mit neuer Technik experimentiert. In den 1960er-Jahren waren es Gitarreneffekte, in den späten 70ern wurden Synthesizer für jedermann erschwinglich, in den 90ern konnte man dank dem Cubase-Programm zu Hause in den eigenen vier Wänden qualitativ gute Dance-Tracks produzieren.

«Heute werden mit Autotune richtig schön bizarre Sounds erzeugt.»

Und heute?
Heute wird viel mit der Stimme experimentiert, wobei Autotune das Ding der Stunde ist. Als Autotune 1998 zum ersten Mal in einem Song von Cher hörbar eingesetzt wurde, hielt man es noch für eine Spielerei, die bald wieder verschwinden würde. Das war aber nicht so. Heute werden damit richtig schön bizarre Sounds erzeugt und Stimmen bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Während man im Retromodus versucht, den Sound möglichst warm und alt klingen zu lassen, wird heute mit hellen, offensichtlich digitalen Klängen hantiert, die voller glitzernder Details sind. Das ist der moderne Sound. Ich bin ein Fan von Autotune.

Nebst der Technik dürfte wohl auch der Faktor Migration eine wesentliche Rolle spielen in der Entwicklung von Musiktrends, nicht?
Definitiv. In England gibt es ja seit langer Zeit eine grosse «Black Community». Früher haben unter anderem Leute aus der Karibik und Jamaika das musikalische Geschehen mit fetten Bässen und Reggaebeats beeinflusst. Heute sind vermehrt auch Afrobeats zu hören. Menschen vom afrikanischen Kontinent bringen ein ganz anderes kulturelles Narrativ und somit auch andere Klänge mit. Diese sind mittlerweile zu einem wichtigen Faktor in der Urban Music geworden.

Sie haben sich in den letzten Jahren intensiv mit der elektronischen Musik beschäftigt. Ihr Aufsatz «Conceptronica» hat kürzlich einigen Aufruhr in der Szene verursacht?
Ich habe in «Conceptronica» die zunehmende Akademisierung elektronischer Musik beschrieben. Was da täglich in meinem E-Mail-Posteingang landet, klingt oft mehr nach kuratierter Kunstausstellung als nach der Beschreibung von Musik. Dieser Trend lässt sich auch bei Live-Shows feststellen. Es gibt grosse Festivals mit neuer elektronischer Musik, bei denen tagsüber Panels und Diskussionen stattfinden, nachts werden dann stark visuell geprägte Shows gezeigt. Generell ist die visuelle Komponente immer wichtiger geworden. Game-Designer helfen mit, möglichst spektakuläre audiovisuelle Konzepte zu erarbeiten, die nicht selten auch noch politische Messages beinhalten und mit kunsttheoretischen Referenzen gespickt sind. Das ist alles ein bisschen Oberschicht-Kunstschule-elitär.

«Mein eigener Sohn hat das Meme zu ‹Conceptronica› verschickt, ohne zu wissen, dass ich der Erfinder des Wortes war.»

Und das stört Sie?
Das Tolle an elektronischer Musik war doch immer, dass sie eben genau ohne zusätzlichen Text auskommt und man sich in den Soundscapes verlieren und tanzen kann. Ich habe in meinem Aufsatz nur Beobachtungen festgehalten und meiner Meinung nach höchstens milde kritisiert. Dies wurde allerdings von Leuten aus der Szene, die zum Teil sehr empfindlich zu sein scheinen, ganz schlecht aufgefasst. Lustig war ja, dass ein Meme im Umlauf gebracht wurde, das sich über das Wort «Conceptronica» lustig machte. Mein eigener Sohn hat das Meme verschickt, ohne zu wissen, dass ich der Erfinder des Wortes war.

Nun könnte man kritisieren, dass Sie selber in der Retrofalle stecken, wenn Sie der elektronischen Musik die Entwicklung in Richtung Konzeptkunst nicht zugestehen wollen.
Ich vermisse halt einfach das kollektive Gefühl von Ekstase. Das kann nicht entstehen, wenn ich etwas betrachten muss, anstatt es zu fühlen. Aber ja, Sie haben natürlich recht. Schliesslich ist der Grund, warum ich mich so für den Retrotrend interessiere, der, dass ich selber eine sehr nostalgische Person bin.

Trotz Ihrer Vorliebe für Autotune?
Ich glaube, dass da zwei Bedürfnisse Hand in Hand gehen: Einerseits das Interesse am künstlerischen Ausdruck der aktuellen Zeit, in der sich alles rasant schnell verändert. Andererseits auch die Sehnsucht nach einer Rückkehr in eine Zeit, in der alles überschaubarer und idyllischer schien. Ich glaube, dieses Bedürfnis nach Rückkehr, dieses Heimweh nach einer verklärten Zeit oder einem idealisierten Ort ist ein sehr menschliches. Erfunden ja übrigens von euch Schweizern.

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