«Ich bin das Stück»

Patricia Kopatchinskaja gehört zu den gefragtesten Geigerinnen – trotz und wegen ihrer Eigenwilligkeit. Derzeit spielt sie am Lucerne Festival.

«Dieses ganze Getue um Stradivari, Guarneri – das ist doch Blödsinn», sagt Patricia Kopatchinskaja. Foto: Marco Borggreve

«Dieses ganze Getue um Stradivari, Guarneri – das ist doch Blödsinn», sagt Patricia Kopatchinskaja. Foto: Marco Borggreve

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Das Lucerne Festival hat dieses Jahr das Thema Identität. Können Sie etwas anfangen damit?
Ich habe keine Identität, finde ich.

Wie bitte?
Meine Identität ist in der Musik. Ansonsten bin ich eine freundliche, einfache Privatperson.

Das ist ja das Besondere bei Ihnen: Andere Geiger kommen aufs Podium und spielen Beethoven oder Ligeti. Sie scheinen eine andere Person zu sein, je nachdem, was Sie aufführen.
Ich bin das Stück. Und auch dieses Stück verwandelt sich ständig, je nachdem, in welcher Situation ich es spiele, wo, mit wem. Manchmal habe ich Lust, etwas im Detail zu betrachten. Dann wieder sehe ich es distanziert, wie ein impressionistisches Gemälde. Ich will möglichst viel wissen über ein Stück und dann alles vergessen, damit ich einen neuen Weg finde, jedes Mal wieder. Vielleicht ist dieser Weg eine Sackgasse, dann gehe ich halt wieder zurück. Entscheidend ist, dass man Musik nicht nur reproduziert. Ich bin keine Kopiermaschine.

Sie haben einmal gesagt, im heutigen Konzertbetrieb kämen Ihnen die Stücke vor wie kahl rasierte Kaninchen, alle aus derselben Zucht. Ist es so schlimm?
Ein klassisches Konzert ist ein Mausoleum. Man geht sich diese Leiche anschauen, sie soll dann würdig daliegen, sich möglichst nicht bewegen und ihre Farbe nicht ändern. Sie schrumpft zwar immer mehr, aber so ist das eben.

Wie kommt man raus aus diesem Mausoleum?
Ich habe nichts gegen die alten Werke. Aber das sind solche Monumente, die lassen gar keinen Raum für anderes. Ich finde, man sollte die Verhältnisse umkehren. Sie wollen Mahler hören? Bitte sehr, den gibts im Late-Night-Konzert. Um halb acht dagegen werden ungewohnte Programme ausprobiert. Und es wird Zeitgenössisches gespielt, wobei ich jetzt nicht Kurtág meine, der ist ja auch schon ein Klassiker. Ich rede von jungen Komponisten, die heutige Geschichten erzählen.

Was fangen Sie denn mit den vielen jungen Komponisten an, die erklären, welche Rolle der Goldene Schnitt in ihrem Werk spiele?
Ich habe mich auch schon gefragt, ob es wirklich so wichtig ist, wie viele Takte ein Stück hat. Aber dann denke ich: Dieser Komponist erklärt seine Musik jetzt halt so. Wie ein Wissenschaftler, der mir die Genetik eines Kindes erklärt. Aber dieses Kind muss dann selber leben, und genauso ist es mit einem Stück. Es entwickelt sich, wenn man es spielt, es erhält neue Facetten, je nachdem, was es durchmacht. Es ist an uns, es so aufzuführen, dass es zu leben beginnt.

Wie wichtig ist es dabei, mit wem Sie auf dem Podium stehen?
Etwas vom Wichtigsten überhaupt. Wenn man jemanden neben sich hat, der einen nicht versteht, hat das überhaupt keinen Sinn. Ich musste früher oft mit Dirigenten und Orchestern auftreten, die mich einfach seltsam fanden. Aber ich bin nicht verrückt, ich weiss sehr genau, was ich tue. Es ist ein Riesenglück und ein Vorteil des Alters, dass ich heute wählen kann, mit wem ich spiele. In Luzern jetzt das Violinkonzert von Heinz Holliger unter seiner Leitung: Das ist ein Lebensereignis für mich. Oder die Auftritte mit Teodor Currentzis: Mit ihm kann man auch berühmte Werke wiederbeleben, wie mit Elektroschocks.

Sie sprechen das Alter an: Kürzlich sind Sie vierzig geworden. Ein Einschnitt?
Schon. Gerade als Frau. Man überlegt sich, was man mit den grauen Haaren machen soll . . .

Und dann sind Sie auch noch Schweizerin geworden.
Das war wichtig, weil ich hier lebe. Es ist ja fantastisch, wie viel das Volk hier mitentscheiden kann, und auch vieles andere. In China habe ich verstanden, was für ein Glück wir haben, saubere Luft atmen zu dürfen. In vielen Ländern kann man das Leitungswasser nicht trinken. Die Schweiz ist ein unglaubliches Land.

Ihr Weg hierher war weit: Sie kamen als 12-Jährige aus Moldau nach Wien, als 21-Jährige dann ans Berner Konservatorium.
Das sind Brüche, und die tun weh. Aber sie machen einen auch stärker. Ich habe meinen Halt in dem, was ich tue.

Ihre eigentliche Identitätskarte ist Ihre Geige.
Nein, die interessiert mich nicht. Es geht mir um die Musik, nicht um ein bestimmtes Instrument.

Dann war es kein Drama für Sie, als man Ihnen vor ein paar Jahren am Schweizer Zoll Ihr Instrument abgenommen hat?
Es war ja nicht meins, sondern ein geliehenes. Damals wurde mir klar, dass ich diese Probleme nicht brauche. Ich bin mit meiner eigenen Geige zufrieden, ich probiere keine andere mehr aus. Dieses ganze Getue um Stradivari, Guarneri – das ist doch Blödsinn. Man soll Musik machen mit dem, was man hat.

Welche Rolle spielt es für Ihre Haltung, dass Sie mit der moldauischen Volksmusik Ihrer Eltern aufgewachsen sind?
Auch Volksmusik ist ritualisiert. Aber es gibt kein Podium wie im klassischen Konzert, wo die Musiker wie Priester auftreten. Du bist auf gleicher Höhe wie das Publikum und stehst in seinem Dienst. Du musst ein Fest veranstalten, und wenn die Stimmung nicht gut ist, bist du schuld daran. Oder bei Begräbnissen musst du dafür sorgen, dass alle weinen. Es ist wie Akupunktur, man muss bestimmte Punkte treffen.

Wie nehmen Sie das Publikum denn vom Podium aus wahr?
Ich muss die Leute nicht unbedingt sehen, aber spüren. Das klappt je nach Saal besser oder schlechter. Das Concertgebouw in Amsterdam etwa ist sehr weit und dunkel, da verliere ich mich. Das Luzerner KKL dagegen ist hell, alles ist nahe, fast wie in einem Zimmer. Ich mag das. Es ergibt sich dann sehr vieles während des Konzerts; ich merke, an welche Grenzen ich gehen kann.

Ihre Art zu spielen führt notwendigerweise dazu, dass manchmal etwas misslingt. Wie fühlt man sich da?
Schlecht. Ich kann dann nicht schlafen und überlege mir, was ich besser hätte machen können. Es geht dabei aber nicht darum, falsche Töne zu vermeiden. Wer perfekt spielen will, hat keine Kapazitäten mehr, um kreativ zu sein. Es sind ja auch die Fehler, die uns ausmachen und weiterbringen. Wie in einem Labor, in dem Experimente gemacht werden: Da wird halt etwas explodieren oder kaputtgehen oder rauchen. Man muss nur schauen, dass alle am Leben bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2017, 17:42 Uhr

Patricia Kopatchinskaja

Violinistin

Geboren 1977 in Moldau, lebt Patricia Kopa­tchinskaja heute mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bern. Dass sie gerne ungewohnte Wege geht, zeigt sie derzeit beim Lucerne Festival: Dort spielt sie keine Hits, sondern u. a. Violinkonzerte von Heinz Holliger und György Ligeti. Mit ihren Eltern tritt sie im Gratisformat «Interval» auf, oder sie gibt Sitzkissenkonzerte für Kinder. Und unter dem Titel «Dies irae» präsentiert sie ein inszeniertes Konzert, in dem sie alte und neue Werke auf Themen wie die Klima­erwärmung oder die Flüchtlingskrise bezieht. Infos unter www.lucernefestival.ch. (suk)

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