Helden, Tiere, Wahnsinnige

Letztes Jahr hat die Jazzwerkstatt Debatte über Sinn und Grenzen der Jazzmusik ausgelöst. Heuer sind zwar auch Späne geflogen, doch das war dem Spass überaus dienlich.

Im Boxsport würde man von einer Abtastrunde sprechen: Marc Stucki am Saxofon und Mario Batkovic am Akkordeon.

Im Boxsport würde man von einer Abtastrunde sprechen: Marc Stucki am Saxofon und Mario Batkovic am Akkordeon. Bild: Franziska Rothenbühler

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Vielleicht ist er ein bisschen hochtrabend angekündigt worden, der Django Bates. Er sei Inhaber des Jazz-Nobelpreises, hat der Speaker behauptet, was natürlich nicht ganz richtig ist. Und dann kommt dieser anderweitig preisgekrönte Nobelmann – der an der HKB als Jazzprofessor amtiert – auf die Bühne, krallt sich ein Daumenpiano und führt sich mit einer derart unbeschwerten Singsang-Nummer ein, dass sich allfällige Jazz-Nobelpreis-Verantwortliche umgehend zu Beratungen über eine mögliche Titel-Aberkennung zusammengerauft hätten.

Das Lied handelt von einem Pianisten, der von seinem Instrument ermuntert wird, seine Scham abzulegen. Im Falle von Django Bates ist das ein müssiges Zuraten. Der blonde Herr aus London gilt als einer der fantasiebegabtesten Tastenmänner der Gegenwart, sein Musiktun pflegt ungestüm zwischen Genius und Irrsinn zu schlenkern – das Einstiegslied ist denn auch ganz offensichtlich Frucht dieses künstlerischen Wahnwitzes. In den hohen Lagen – und es gibt in dem Lied sehr viele hohe Lagen – versagt ihm die Stimme, die Sache kommt immer wieder ins Stocken.

Romantik unter der Dampfwalze

Trotz allem schliesst man diesen Mann sofort ins Herz und in alle Gebete ein. Denn was danach folgt, gehört zum Staunenswertesten und Kurzweiligsten, was ein Solokünstler in letzter Zeit auf eine Berner Bühne gebracht hat.

Es gibt in diesem stündigen Set romantische Anwandlungen, die immer wieder von avantgardistischen Grobheiten niedergewalzt werden, es gibt ein ziemlich wildes Euphonium-Solo, es gibt einen Abgesang auf das englische Pub (ein sehr, sehr trauriges Stück mit dramatischem Finale), und als Zugabe reicht Django Bates noch einmal den Einstiegssong über den scheuen Pianisten nach.

Er sei nämlich mit der ersten Version nicht ganz zufrieden gewesen. Auch wenn das in der Rückschau immer noch recht abenteuerlich anmutet, finden sich in dieser Konzertstunde auch unzählige Momente purer Schönheit, ganz frei von Faxen und Hampeleien.

Dieses dosierte Draufgängertum ist irgendwie symptomatisch für die 9. Austragung der Berner Jazzwerkstatt. Da wird zwar immer noch viel Ungehobeltes auf die Werkbank geknallt, doch es scheint, als sei der Subtilität in diesem Jahr mehr Raum geboten als auch schon. Da ist zum Beispiel die neu zusammengewürfelte Formation Paladium des Berner Bassisten Christoph Utzinger, der zwar zur Untermalung seines Groove-Wollens gleich zwei Schlagzeuger angeheuert hat (unter ihnen der sagenhafte Domi Chansorn, der mit Oberlippenbart, XXL-Sehhilfe und leicht unförmiger Indianerfrisur eine neue Dimension der Hipster-Ästhetik etabliert).

Doch in Erinnerung bleibt von diesem Konzert vor allem das lautmalerische Duett zwischen dem Bandleader am Kontrabass und Nils Fischer an der Kontrabassklarinette. Da kommt die Bauchdecke wohlig ins Surren, und wie sich die Bandkollegen langsam ins balladeske Geschehen zurückmelden, ist von allerfeinster kompositorischer Raffinesse.

Eher lautmalerisch geht es auch im Duo-Auftritt zwischen dem Saxofonisten Mark Stucki und dem Akkordeonisten Mario Batkovic zu und her. Letzterer ist gerade im Begriff, zur Welteroberung anzusetzen, wurde er doch vom Portishead-Kopf Geoff Barrow entdeckt, der nun das Debütalbum des Berners neu herausbringen und den Zweitling eigenhändig produzieren will.

Man wird von diesem Batkovic also noch einiges vernehmen. Die Improvisation zwischen ihm und Stucki fällt leise, kurz und edel aus, der grosse Rausch bleibt indes aus. Die zwei umspielen sich hoch konzentriert, ziehen das Geräuschhafte dem Harmonischen vor, ziehen sich an, stossen sich ab, zur grossen Verschmelzung kommt es allerdings nicht. Im Boxsport würde man von einer Abtastrunde sprechen.

Ähnliches geschieht während des Konzerts des Elektronikers Jozef Dumoulin, der sich für seinen Auftritt mit Marc Lelangue den wohl abgetakeltsten belgischen Bluesmann angelächelt hat. Dieser singt, vom Jazzwerkstatt-Gedanken vollkommen unbehelligt, seine aufwühlenden Lieder, während der Elektromann immer wieder den Ausbruch aus dem bewährten Blues-Schema versucht.

Das ist ganz spannend anzuhören, zuweilen gelingen wunderbare und irritierende Überlagerungen, der altehrwürdige Blues muss nach diesem Konzert indes nicht grundlegend überdacht werden.

Schindluder mit dem Jazz

Doch es gibt natürlich auch das andere, das etwas stoppeligere Gesicht der Jazzwerkstatt. Im letzten Jahr wurde das fünftägige Festival in der Progr-Turnhalle in diesem Blatt noch für seine Liederlichkeit im Umgang mit der Tradition gerügt. Der Jazz werde hier zum Überbegriff, mit dem man jeglichen Schindluder treiben könne.

Nach der heurigen Jazzwerkstatt darf zwar immer noch munter über das Fassungsvermögen des Jazzbegriffs diskutiert werden, doch wenn Schindludereien dermassen Spass machen, wie jene des wild zusammengewürfelten Kollektivs Killing Popes, dann rücken Definitionsfragen ganz schnell in den Hintergrund.

Selbst in den feinen Passagen hämmert der Belgier auf sein Schlagzeug ein wie das Tier aus der «Muppet Show».

Wer gedacht hat, nach John Zorns Naked City, nach Mike Pattons Fantomas oder Berns Alboth! könne einen so leicht nichts mehr in Angst und Schrecken versetzen, der hat die Rechnung nicht mit den Killing Popes gemacht.

Das Duo, das unter anderem durch den international gefeierten Berner Stimmgewalttäter Andreas Schaerer verstärkt worden ist (er gewann kürzlich in Deutschland den Echo-Jazz-Preis), berauscht mit einem wilden Gemenge aus Art Rock, Fusion Jazz und Grindcore-Gebelle. Hochkomplex durchkomponiert ist dieser musikalische Wutausbruch, dargebracht unter Aufbietung höchster Instrumentenbeherrschung und erheblicher subversiver Energien.

Letztere sind auch im Vortrag der diversen am Festival vertretenen Keyboard/Schlagzeug-Duos auszumachen. Als Sieger in dieser Kategorie geht die bereits bestens eingespielte und endlos groovende Band Qoniak aus Biel hervor. Der Schlagzeuger Lionel Friedli nimmt hier den Kampf gegen die synthetischen Basslinien von Vincent Membrez auf. Es ist ein spannender Kampf, mal klingt er nach organischem Techno, mal nach Avantgarde im Science-Fiction-Milieu.

Auf höchstem Intensitätsniveau spielt sich auch der Auftritt des struppigen Brasilienschweizers Malcolm Braff und des belgischen Schlagzeugers Stéphane Galland ab. Da gibt es prima Rock-Jazz-Momente zu feiern, dynamische Finten leiden indes unter dem Umstand, dass der belgische Rhythmuszulieferer selbst in den feinen Passagen auf sein Schlagzeug einhämmert wie das Tier in der «Muppet Show». Dass dieses «Muppet Show»-Tier höchstselbst noch einen Auftritt an der Jazzwerkstatt gehabt hat, dazu später mehr.

Alle baff, alle sprachlos

Zuerst gilt es den heimlichen Helden des Festivals zu küren. Er hatte seinen grossen, wenn auch sehr sonderbaren Auftritt im Rahmen der Jazzwerkstatt-Blockparty. Das Konzept: gleichbleibende Band, wechselnde Gäste, unter ihnen die in Text und Gestalt sympathisch zerknitterte Big Zis, die etwas zu manierliche Österreicherin Mira Lu Kovacs oder die Berner Sirene Isabelle Ritter. Und eben der Held.

Er heisst Michael Fehr, ist per Selbstdefinition «Denker und Fantast», und sein Buchdebüt «Kurz vor der Erlösung» hat vor drei Jahren grosses literarisches Aufhorchen ausgelöst. Kaum auf der Bühne, trägt er mit Tom-Waits-Stimme einen sehr absonderlichen Traum vor, zuerst eher sprechend, dann immer mehr in eine finstere Bluesigkeit übergehend.

Beim zweiten Vortrag singt der unter einer starken Sehbehinderung leidende Herr bereits ganz ungeniert, ja er steigert sich in einen regelrechten Rausch, kulminierend in einem ekstatischen James-Brown-Gedenkschrei. Alle sind baff. Alle sind sprachlos. Und ja, nach diesem Auftritt kann über eine Neuerfindung des Blues nun tatsächlich nachgedacht werden. Er handelte nicht mehr von Babys, Hobos und Flussdeltas, sondern von den lyrischen Fantasien dieses 34-jährigen Mannes aus Muri bei Bern, von Messerwerfern und Hunden.

Und nun zurück zum Tier aus der «Muppet Show»: Die konzeptionell glänzendste Konzertidee hatte in dieser Woche die Gruppe Moog Meets Fender. Auf Leinwand wurden Youtube-Schlagzeug-Videos abgespielt, dazu improvisierten die vier Keyboarder Oli Kuster, Hans-Peter Pfammatter, Vincent Membrez und Manuel Engel.

Und welch schöne Momente hat uns dieser Auftritt beschert: Analogbässe zu afrikanischen Wassertrommlerinnen, Hochleistungsschlagzeuger in Zeitlupe, untermalt von Noise-Eskapaden – und das Tier neben Phil Collins und Art Blakey als Taktgeber für abgefahrenen Stegreif-Synthielärm.

Mit Jazz hat das vermutlich nur noch am Rande zu tun. Doch die Forschungsabteilung des Genres ist bestens aufgestellt. Das hat die 9. Jazzwerkstatt eindrücklich untermauert. Auch wenn in diesem Jahr die ganz wilden Experimente, die Explosionen und damit aber auch die grossen Desaster ausgeblieben sind. (Der Bund)

Erstellt: 29.02.2016, 07:44 Uhr

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