Gute Zeiten – weniger gute Zeiten

Es ist Halbzeit am Gurtenfestival 2015. Musikalisch sind bereits einige sehr rätselhafte Sachen geschehen. Aber durchaus auch erfreuliche.

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Ane Hebeisen

Das blonde Haupthaar weht prächtig im Wind. Der Synthesizermann drückt sich durch die grauenhaftesten Digital-Sounds, und der Bühnengrafiker wendet Tricks an, die bereits in den Nullerjahren nicht so richtig überzeugen wollten. Ellie Goulding ist da. Und es sind komplizierte Fragen, die sich während ihres Konzerts stellen. Zum Beispiel: Mit welchem desolaten Hitradio-Programm muss man sozialisiert worden sein, um zu dieser Musik auszuflippen? Und wie viele schlechte Soap-Operas muss man gesehen haben, um diese plas­tifizierte Gefühligkeit mit echter Leidenschaft zu verwechseln?

Die Musik der Blondheit ist Pop mit Musical-Make-up. Subtilität wird mit Digitalpiano-Romantik zugeorgelt, grosse Gefühle durch die popmusikalische Windmaschine geblasen. Doch immerhin gibts eine Erkenntnis: Ellie Goulding ist der singende Beweis dafür, dass es möglich ist, verteufelt erfolgreich zu sein, wenn man wirklich sämtliche abgefingerten Regeln der musikalischen Anbiederung befolgt. Auf dem Gurten ist die Begeisterung für ihren Reissbrett-designten Klimbim-Pop vergleichsweise flau. Immerhin.

Und wenn wir schon beim Schlechten sind, muss über die zweite Glücksbaisse der ersten Festivalhälfte berichtet werden. Es wurde ja ein ziemliches Trara gemacht um den ersten von zwei Auftritten des Faithless-Sprechsängers Maxi Jazz. Man dürfe etwas ganz Grosses erwarten, von dem bisher kaum etwas an die Öffentlichkeit gedrungen sei, behauptetetn die Organisatoren.

Nach dem Auftritt wird klar, warum nichts an die Öffentlichkeit dringen wollte. Das Konzert ist ein fast schon beleidigender Versuch, Maxi Jazz als Funk-Popper zu positionieren. Nichts ist gut an diesem Ansatz. Seine Band klingt wie ein Haufen Studiomusiker, der dazu angehalten wird, das abgedroschenste Funk- oder Hardrockriff ins Instrument zu hauen. Kommt hinzu, dass das Vertrauen in den flauen Gesang des Herrn Jazz so klein ist, dass jede Zeile von mindestens einem überambitionierten Backgroundsänger gedoppelt wird.

Dieses Funk-Rock-Konglomerat hat so viel Sexyness wie Petting im LED-Flutlicht. Und das Publikum? Das ist nicht einmal mehr konsterniert. Ein kollektives Desinteresse greift um sich, wie man es auf dem Gurten zu bester Sendezeit wohl noch nie gesehen hat. Maxi Jazz kriegt mit seiner wiederbelebten Stammband Faithless eine zweite Chance. Schlechter kanns kaum kommen.

Gescheitelter Punk

Wie gut gibt es da den Farin Urlaub. Wenn man ihn auf eine Bühne stellt, wirds garantiert lustig. Er ist so etwas wie das Festival-Rundum-sorglos-Paket. Hier ist er zu Gast mit seinem leidlich erfolgreichen Nebenprojekt Farin Urlaub Racing Team, mit dem er sich von seiner Stammband Die Ärzte zu emanzipieren trachtete.

Sympathisch sind sein Auftritt und sein Wesen. Gewiss auch sprachwitzig zwischenzeitlich. Musikalisch ist das Ganze bedauerlich uninteressant, wäre da nicht dieser glorios-quere Pop-Psychothriller «Es schwimmt eine Leiche im Teich», in welchem Farin Urlaub eine fast schon ärztliche Unberechenbarkeit an den Tag legt.

Viel ist geklagt (seltener jubiliert) worden, dass sich der Berg heuer fest in deutscher Hand befände. Farin Urlaub ist vermutlich der liebenswerteste Beitrag zum heurigen Achterblock deutscher Unterhaltungsmusik.

Den besten liefern die Fantastischen Vier. Für sie gibts die erste Auszeichnung. Und zwar für den wuchtigsten Schlagzeug-Sound aller bisherigen Gurten-Teilnehmer. Die Stuttgarter stampfen gutdeutsche Hochleistungs-Sprechgesangsmusik in die Waberer Matte, durchaus routiniert, aber nicht leidenschaftsarm.

Freude herrscht darüber, dass die Unplugged-Periode (Rap auf Barhockern) bewältigt ist und der famose And.Ypsilon wieder hinter seinem elektronischen Instrumentenpark walten darf – das ist der Knackigkeit der Musik durchaus förderlich. Geheimnisse hat diese Band indes längst keine mehr. Ihre Revue ist beste Best-of-Unterhaltung, die Launen der Zeit haben ihre Lieder prima überdauert, und in Sachen Hit-Dichte wird dieses Konzert nicht mehr zu toppen sein.

Noch ein bisschen öder als Hip-Hop auf Barhockern ist ein Punk mit Seitenscheitel. Einen solchen weiss die Gruppe Broilers aus Düsseldorf in ihren Reihen. «Das wird ein harter Weg», singt er einmal und liefert damit ein prima Stichwort für die Bewältigung seines eigenen Gurten-Konzerts.

Broilers klingen wie die Quintessenz aller real existierenden deutschen Mainstream-Punkbands. Da findet sich ein bisschen Fussballproletentum und jede Menge nette Melodien für die Massen. Broilers ist Punk fürs Fitnesscenter, doch immerhin haben die Mannen nicht nur die Muskeln, sondern auch das Herz auf dem rechten Fleck. Des Sängers Statement gegen Fremdenfeindlichkeit lässt keine Fragen offen.

Ein bisschen Rock

Es ist ja gerade im Gratisjournalismus-Milieu eine grassierende Unsitte geworden, das Verb rocken in allen unmöglichen Zusammenhängen zum Einsatz zu bringen. «Bastian Baker rockt das Joiz-Studio», heisst es da beispielsweise, oder – auch schön – «Heilsarmee rockt Malmö». Auf dem Gurten wird bis zur Halbzeit kaum gerockt. Die Einzigen, die diese Kunst ihrer wahren Bestimmung zuführen – einmal abgesehen vom gelungenen Versuch der Gruppe Kraftklub, Rock zur burschikosen Hauruck-Party zu verbiegen –, ist das Trio Birth of Joy.

Es entert mit der Maxime die Bühnen, den Konzertbesuchern die Zeit ihres Lebens zu bescheren, wie ihr Sänger kürzlich in einem Interview verlauten liess. Das gelingt den Holländern ganz prima. Am Schlagzeug peitscht ein Ekstatiker das Geschehen vorwärts, dass sich die Bleche biegen. Die Orgel gluckst, als würde sie Höllenqualen erleiden, und der Mann an Gitarre und Gesang singt und schreit sich wildeste Stoner-Rock-Kernigkeiten von der Seele.

Auch aus Holland stammt die Gruppe Kovacs, die am Donnerstag den Konzert­reigen auf der Zeltbühne eröffnet. Sie tut es mit Fiedel, Cello und einer Amy-Winehouse-Gedenkstimme. Und mit Liedern, in denen sich anheimelnder Soul, Düsterpop und elegante Schwermut sammeln. Eine Entdeckung.

Keine wirkliche Entdeckung mehr ist die norwegische Gruppe Katzenjammer, die mit einer unbedachten Einlage nordischer Oberton-Mystik prompt den ersten Platzregen des Festivals auslöst. Die vier Frauen, die zwanzig Instrumente bedienen und während ihres Konzerts ähnlich viele Gemütszustände zu Musik machen, gehören zu den sympathischeren Erscheinungen auf der Hauptbühne. Das Spektrum reicht von Cabaret-Jazz bis zu Schweinerock. Schön ist das. Fast so schön wie die güldene Hose des grössten Helden der bisherigen Austragung.

Sexy Österreich

Er heisst Maurice Ernst und ist Sänger und Chefcharismatiker der österreichischen Gruppe Bilderbuch, die den Gurten mit einer Mengung aus oberösterreichischen Dorfrock-Fantasien (ja, der Gitarrist), Wiener Altherren-Grandezza, selbstbewusster Sexyness und Liedern erobert, in denen neuzeitlich-funkige Hochspannung knistert. Während der Darbringung ihres tosenden Überhits «Maschin» gibts dann tatsächlich Gänsehaut bei 30 Grad Lufttemperatur. Das schaffen nur ganz Grosse. Und die dürfen dann auch ruhig ein bisschen blond sein.

Halbzeit auf dem Gurten. Es ist ein wilder Stilmix, dem man hier ausgesetzt ist. Die Geschmacksnerven sind wund. Das Temperament durchgeschüttelt. Es kann ruhig so weitergehen.

Der Bund

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