Gute Kunst von bösen Menschen

Die Rap-Kontroverse zeigt: Provokationen muss man ertragen.

Die deutschen Rapper Kollegah (r.) und Farid Bang bei ihrer Ankunft an der Echo-Preisverleihung. Foto: Andreas Rentz (Getty Images)

Die deutschen Rapper Kollegah (r.) und Farid Bang bei ihrer Ankunft an der Echo-Preisverleihung. Foto: Andreas Rentz (Getty Images)

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Ihr Erfolgsalbum heisst «Jung, brutal, gut aussehend 3». Kollegah und Farid Bang sollten die Adjektiv-Reihe mit einem «meistbeachtet» ergänzen. Nach ihrem Echo-Gewinn von letztem Donnerstag hatte das deutsche Feuilleton vor allem ein Thema: die Texte der Dortmunder Rapper.

Die zwei vergleichen ihre «definierten» Körper mit denen von «Auschwitzinsassen», sie haben so lange Sex, bis das «Steissbein der Bitch bricht». Dass solche Passagen mit dem wichtigsten deutschen Musikpreis veredelt werden, halten Kommentatoren und Musiker für verheerend. Die zwei Rapper seien mitverantwortlich, dass an deutschen Schulen wieder jüdische Jugendliche fertiggemacht würden, heisst es. Ein Klassikquartett gab aus Protest seinen Echo zurück.

Der Vorwurf, dass Hip-Hop die Jugend verdirbt, ist so alt wie das Genre selber. Der Grund liegt in zahllosen gewaltverherrlichenden, frauen- oder schwulenfeindlichen Texten. Die Fans wehren sich mit dem K-und-K-Argument: Kunst und Kontext. Rap bilde eine eigene Kunstform, bei den Beschimpfungen handle es sich um ein Spiel innerhalb der Hip-Hop-Kultur.

Um die Judenfeindlichkeit des Komponisten Richard Wagner läuft seit Jahrzehnten eine ähnliche Debatte. 

Auch andere Kunstgattungen liegen derzeit unter dem moralischen Mikroskop. Museen hängen Bilder ab, weil diese Frauen zu Sexobjekten abwerten. Eine Berliner Hochschule lässt ein Wandgedicht übermalen, Studentinnen kritisieren dieses als frauenfeindlich. In Frankreich wollten verschiedene Gruppen verhindern, dass die antisemitischen Schmähschriften des angesehenen Schriftstellers Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) veröffentlicht werden.

Gleichzeitig klagen viele darüber, dass ein neuer Reinheitsfanatismus die Freiheit der Kunst bedrohe – eine Errungenschaft, die unsere Vorfahren hart erkämpft haben.

In der Freiheitslogik gilt: Jedes Kunstwerk steht für sich allein, durch seine ästhetische Erhabenheit entzieht es sich allen politischen Vorbehalten. Demnach dürfen Kollegah und Farid Bang austeilen, wie sie wollen – solange die Gesellschaft ihre Musik als Kunst einschätzt.

Umgekehrt kann man von Kunstwerken fordern, dass sie den gleichen Ansprüchen genügen wie alle öffentlichen Äusserungen. In diesem Fall duldet man nur noch unverdächtige Werke, geschaffen von tadellosen Menschen.

Beide Positionen gehen in die Irre: Es ist herzlos, Ernst Jünger zu lesen, ohne sich über dessen Kriegsverherrlichung zu nerven. Gleichzeitig wünscht sich kaum jemand eine Kunstpolizei, die Bibliotheken, Museen oder Playlists von Werken säubert, die den ethischen Ansprüchen der Gegenwart nicht mehr genügen.

Edle Vorsätze enden oft in Langeweile

Um ein wenig Klarheit zu erreichen, könnte man verschiedene Stärken moralischer Trübung unterscheiden: 1. Künstler (es handelt sich fast immer um Männer), die verbrecherisch oder unmoralisch leben. 2. Künstler, die manchmal Hass verbreiten. Der Hauptteil ihres Werkes bleibt aber frei davon. 3. Künstler, deren Verachtung gewisser Gruppen das ganze Werk prägt.

Stufe 1 muss man akzeptieren. Auch schlechte Menschen machen gute Kunst. Umgekehrt enden edle Vorsätze oft in Langeweile.

Bei den Stufen 2 und 3 wird das Urteilen schwieriger. Schon die Einordnung sorgt für Streit. So deuten Verteidiger von Kollegah und Farid Bang die Problemtexte als Ausrutscher und wilde Übertreibungen (Stufe 2). Für Kritiker hingegen entlarvt sich in ihnen gerade das wahre Denken der Rapper (Stufe 3).

Das Problem ist älter als Hip-Hop. Um die Judenfeindlichkeit des Komponisten Richard Wagner (1813–1883) läuft seit Jahrzehnten eine ähnliche Debatte. In Briefen, Pamphleten und Tagebucheinträgen formte Wagner den modernen Antisemitismus mit. Wie stark dieser Hass in seine Musik einfloss, wird sich nie objektiv bestimmen lassen. Manche Anhänger würden solche Misstöne gerne zum Verstummen bringen.

Viele Meisterwerke – ob im Hip-Hop oder anderswo – leben davon, dass sie Normen missachten. Kunstverbote wirken allein deshalb hilflos. Gleichzeitig schaffen sie Märtyrer.

Übrig bleibt das ständige Widersprechen und Aushandeln. In der Kollegah-Farid-Bang-Debatte führt das zu einem absurden Resultat: Schon lange nicht mehr erfuhr ein derart unsinniger Satz derart viel Aufmerksamkeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 19:39 Uhr

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