Grünlicht für das Unzeitige

50 Veranstaltungen, 34 Uraufführungen und ein toter Composer-in-Residence: Das Musikfestival Bern stellt im Herbst unser Zeitgefühl auf die Probe.

Taucht im Programm immer wieder auf: Bernd Alois Zimmermann.

Taucht im Programm immer wieder auf: Bernd Alois Zimmermann.

(Bild: zvg)

Anfang September wird der Zytglogge plötzlich zur Unzeit läuten. Um 11.11 Uhr, 13.13 oder 16.16 Uhr. Kein Grund zur Panik. Das Musikfestival Bern steht dahinter. Das grösste und bedeutendste Musikfestival der Stadt Bern (Budget: über 800'000 Fr.) hat das Programm zum Thema «unzeitig» konzipiert. Das verwirrte Uhrwerk des Zytglogge wird nicht das einzige Ungewöhnliche sein, das passiert.

Auch sonst darf man sich auf Überraschungen gefasst machen. Knapp hundert Seiten dick ist nämlich das Programm der diesjährigen Festivalausgabe. Es umfasst rund fünfzig Veranstaltungen, Konzerte und Gespräche. Mit seinen Einführungen, Kürzestvorträgen und Geistesblitzen wird der Philosoph Christian Grüny – der auch schon im letzten Jahr an Bord des Musikfestivals mitreiste – die Abende begleiten: «Halt! Kurz nachgedacht» gibt dem Publikum Gelegenheit, mehr über die Hintergründe der Musikstücke zu erfahren, die es an 16 Standorten (vom Münster bis zum Historischen Museum, von der Reitschule bis ins Kino Rex oder in der Hochschule der Künste) zu hören gibt. Performances, Vermittlungsprogramme und Interventionen des Interluders-in-Residence, Jürg Kienberger, runden das fünftägige Programm ab.

Auf dem Zebrastreifen

Die geladenen Musikerinnen und Musiker sorgen mit ihren Auftritten dafür, dass musikalische Zeit neu erfunden, gedehnt, verkürzt, verbraten, gefüllt, hinterfragt und ausgehebelt wird.

Wie zum Beispiel das: Eine Performance während zwanzig Ampel-Grünphasen auf dem Fussgängerstreifen vor dem Hauptbahnhof. Ein 48-Stunden-Konzert «out of Space» in der Lorraine. Ein Konzert mit 100 ungleich getakteten Metronomen im Progr-Hof. Konzerte um Mitternacht oder bei Sonnenaufgang in einer Privatwohnung in der Berner Altstadt.

Und im Kunstmuseum Bern wird ein Stück Rasen ausgelegt. Darauf sollen sich die Zuschauerfüsse bewegen, betreten ist erwünscht. Jeder Schritt löst musikalische Aktionen aus. Die Soundsplitter sollen sich zu einer individuellen Ad-hoc-Komposition zusammenfügen. Ob einem da etwas bekannt vorkommen wird? Ein Künstlerteam hat den Rasen präpariert mit Geräuschen aus der Stadt Bern.

Der grosse Abwesende

Das vierköpfige Kuratorium um Daniel Glaus, Susanne Huber, Thomas Meyer und Martin Schütz wird das Musikfestival am 5. September mit einem grossen Fest in der Dampfzentrale eröffnen.

Vergangenheit und Gegenwart werden sich vermischen, wenn der Thuner Musiker Michael Werthmüller sich improvisierend an der Kantate «Alles hat seine Zeit» des Komponisten Bernd Alois Zimmermann reibt.

Zimmermann ist als Composer-in-Residence der grosse Abwesende. Der 1970 verstorbene Avantgardist, in dessen Werk Fragen der Zeit eine zentrale Rolle spielten, wäre dieses Jahr hundert Jahre alt geworden. Im Nachklang zu Zimmermann, dessen Werke im ganzen Festivalprogramm auftauchen, wird das Berner Symphonieorchester in der Reitschule eine der gewaltigsten Klangarchitekturen der Musikgeschichte aufbauen.

Das Musikfestival Bern findet vom 5. bis 9. September statt. Alle Infos: musikfestivalbern.ch Vorverkauf www.starticket.

Der Bund

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