Glitschen in das schwarze Loch des Ungewissen

Das Berner Pop-Duo True hat sein Debüt veröffentlicht: «Wrapped in Air» ist eine sinnliche Ode an die Musik.

Eingepackt in Luftpolsterfolie: Rico Baumann und Daniela Sarda.

Eingepackt in Luftpolsterfolie: Rico Baumann und Daniela Sarda. Bild: zvg

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So klingt Pop-Musik heute: sauber, fett produziert, ohne Stückchen. Genau wie dieses Trend-Getränk namens Smoothie, das dickflüssig aus dem Mixer quillt: spinatgrüne, bananengelbe und beerenviolette Vitaminbomben. Getrunken wird es von jungen, schönen Menschen, die Kohle haben für schicke Klamotten und auf dem Weg sind zum Date.

Das Berner Pop-Duo True hat ein Album gemacht – und es ist die Tonspur geworden für eben diesen Lebensstil. Es geht da um Liebe, Sex und all die Zustände dazwischen und davor. Die Sängerin Daniela Sarda singt in «Steal My ­Heart»: «Lass uns in die Dunkelheit gleiten / Warum stiehlst du nicht mein Herz heute Nacht / Jemand anderes wird dasselbe versuchen». Synthesizer-Schwaden ziehen vorbei, verheissungsvolle Seufzer sind zu hören, leises Stöhnen. Wir glitschen mit True in das schwarze Loch des Ungewissen, aufgeheizt von der Verheissung einer frisch aufkeimenden Liebe.

Sie haben den Code geknackt

In einem Interview im «Bund» hat Beatkonstrukteur und Produzent Rico Baumann einmal gesagt, Sarda und er hätten sich zu Inspirationszwecken Whitney Houston angehört. Die Musik der verstorbenen Ikone ist eine gute Referenz, wenn es um eingängige Melodieführungen geht. True haben den Code geknackt.

True – Holiday Tickets

«It wasn’t enough for eternity / But it was too much to let go of me» singt Sarda sehnsüchtig über liegende Pianoakkorde, um ihre Stimme herum tönt es, als würden Türen ins Schloss fallen. Es ist tadellos produzierte Musik, die auf «Wrapped in Air» zu hören ist. «Eingepackt in Luftpolsterfolie» heisst das übersetzt. Wer hätte gedacht, dass sich dieser Zustand in Musik umsetzen lässt? True ist es gelungen. Alles zieht nach oben: die Stimmen, die Bässe. Die Beats sind gespickt mit xylofonartigen Klängen, tropikalischen Steel-Drums («Capture You»), und in praktisch jedem Lied scheint es, als würde Wasser von den Wänden tropfen.

Wohltuend sperrig

Schlagzeuger Rico Baumann spielt nicht nur in etlichen Bands (wie der von King Pepe und der innovativen Jazzformation Weird Beird), sondern zeichnet sich auch verantwortlich für die Produktion von Trues computerklaren Musik. Er hat sich die Mühe gemacht, keine vorgegebenen Instrumente aus einer Musiksoftware einzusetzen, sondern mit einer analogen Drum-Maschine namens Tempest die Beats eingeschleust und die Synthesizer mit dem Prophet eingespielt.

Funky Bässe von Antoine Katz, die so tun, als wären sie Gitarren, greifen in Bläser-Arrangements (in «The Difference», gespielt von Sean Smith an der Trompete und Walter Fancort am Saxofon), genau so, wie Prince das vorgezeigt hat in den Achtzigern. Daniela Sardas samtene Stimme schlängelt sich durch den Irrgarten elektronischer und analoger Musikspielereien: sexy Fingerschnipps, dumpfe Trommeln («Justify»), und hier und da wird ihre Stimme durch den Häcksler geschickt oder so sehr nach unten geschraubt, dass sie klingt wie ein Kerl, wie etwa in «Like Eternity».

Es ist eben dieses Lied, das ihrem kleinen Hit «Colors of My Estimation» am nächsten kommt. Im Jahr 2014 haben True mit einer EP auf sich aufmerksam gemacht. Seither hat irgendwie alles auf dieses Duo geschielt: Wann kommt das Debüt? Und wird es gut? Ja, es ist gut geworden. «Wrapped in Air» will gerade noch so viel Pop sein, dass es sich nicht peinlich aufspielt. Es ist wohltuend sperrig geblieben.

Nur am Ende, wenn all diese Liebesthemen durch den Mixer geschickt wurden, weiss man nicht recht, ob man jetzt verliebt ist oder schon Kummer hat. True verstehen es, einen ratlos dastehen zu lassen, ähnlich dem Zustand nach dem ersten Date, wenn man alleine nach Hause geht.

«Wrapped in Air» (Mouthwatering Records) True spielen am Samstag, 15. Oktober, im Dachstock der Reitschule. (Der Bund)

Erstellt: 23.09.2016, 07:48 Uhr

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