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Gegen den traurigen Buben

James Blake klingt auf seinem vierten Album immer noch wie ein Chorknabe. Aber wie einer, der zu sich selbst gefunden hat.

Er will berührbar werden, den Äther verlassen, Form annehmen – singt James Blake im Titellied seines neuen Albums «Assume Form». Aber nicht, dass der 30-Jährige, der 2011 mit einer Musik voller Leerstellen bekannt wurde, seine Tracks nun muskulös bauen oder gar auf Bombast setzen würde: Die verwehten Klavierklänge und die fragmentarisch pulsierenden Beats, die im Schlafzimmer fast zu scharf und auf den Dancefloor der Clubs sicher zu weich wirken, begleiten ihn nach wie vor, wenn er als Sänger den Wunsch äussert, für seine Liebste greifbar zu werden.

James Blake klingt in dieser Eröffnung seines vierten Albums eher nach einem flehenden Gospelsänger, der einen anderen Zustand erreichen will. Doch der bleiche Mann kann nicht ganz aus seiner Haut, und seine Stimme bleibt nun mal jene eines melancholischen und zweifelnden Chorknaben. Es ist aber eine Stimme, mit der Blake nun – präsenter als in der Vergangenheit – gegen vieles ansingt, auch gegen die Depressionen, die ihn quälten, wie er im vergangenen Jahr in einem Interview bekannt hat.

Ohne im Tränensack zu landen

Via Twitter äusserte er damals auch, wie ihm das Image des «Sad Boy», das ihm immerzu verpasst werde, wehtue; ja dass er dieses für «ungesund und problematisch» halte – man müsse nur auf die hohe Suizidrate von Männern schauen. Denn dürfen männliche Musiker, die abseits der machoiden Posen singen, ihre Gefühle, ihre Verletzlichkeit nicht offen ausdrücken, ohne gleich im Tränensack versorgt zu werden? Natürlich dürfen und können sie das längst – man muss da nur an Blakes prominenten Weggefährten Justin Vernon denken oder an Frank Ocean, mit dem er zusammengearbeitet hat.

Und James Blake ist ja nicht alleine auf diesem Album, auch weil er längst zu den begehrtesten Produzenten in der Popwelt zählt. So ist Moses Sumney mit seiner schimmernden Stimme zu hören, der auf seinem eigenen Album den Zustand des Nichtliebenkönnens zu ergründen versuchte und hier mit Blake einen Dialog übers Alleinsein führt. Rosalía singt mit, jene Spanierin, die dem Flamenco jüngst eine Zukunft geschenkt hat. Da sind auch die Gastraps von Travis Scott und dem Outkast-Mastermind André 3000, die James Blakes Nähe zu den verschiedensten Hip-Hop-Spielarten aufzeigen.

Jedes Mal als «Sad Boy» bezeichnet zu werden, wenn er über seine Gefühle spricht, missfällt James Blake. Auf Twitter schreibt er, weshalb. Quelle: Twitter

Mühelos fügen sich die leeren Trap-Beats mit seinem melancholischen Ansatz zusammen, und man hört dann gut, dass James Blake selber als DJ arbeitet und nicht einfach ein Tourist ist, der ja keinen Trend verpassen will. Es scheint ihm auch ganz wohl zu sein, dass er, dessen Beatarchitekturen so oft kopiert wurden, bis sie zum Schöner-Wohnen-Accessoire wurden, auch einmal ein paar Songgerüste von befreundeten Musikern leihen kann.

Lieber konzentriert sich Blake auf «Assume Form» sowieso aufs Singen, und er probiert weitere Schattierungen seines «Modern Soul» aus, wie ein herausragendes Stück auf dem letzten Album heisst. Er singt sich dann sehr konkret Mut zu, sucht im fragilen «Don’t Miss It» nach Kontakt zu einer Welt, der er während seiner psychischen Krisen beinahe abhandengekommen wäre, wirkt aber auch schwerelos und fast schon glücklich in «Can’t Believe the Way We Flow», in dem er auch über seinen Umzug nach Kalifornien berichtet.

James Blake findet hier seine Form, seinen Frieden auch in fast schon herkömmlichen Popsongstrukturen und Liebesballaden. Ehe am Schluss wiederum nur noch er übrig bleibt und ein Schlaflied für ihn, den Schlaflosen, singt. Und sich mit seinen Stimmen, die er zum Chor schichtet, zurück in das Himmlische verabschiedet. So viel Formlosigkeit muss dann eben schon noch sein.

James Blake: Assume Form (Polydor/Universal)

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