Ganz schön schmierig

Sind das wirklich noch die Arctic Monkeys? Die sechste Platte der Überflieger ist unverschämt entspannt.

«Dancing in my underpants / I’m gonna run for government», croont Sänger Alex Turner in «One Point Perspective» (Live-Version).


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Rockstar braucht Ruhe und checkt lieber ein ins Hotel am Ende des Universums, wo er eine Spezialbehandlung beansprucht. Denn ja, es könne schon sein, dass er in den 70ern ein wenig zu wild gewesen sei, berichtet er mit der Schmelzstimme eines Loungesängers. Seine Band folgt ihm. Sie spielt aber nicht wie eine der erfolgreichsten Rockgruppen der Gegenwart, sondern eine, die die wilden Tage längst hinter sich hat. Und man muss zu Hause schon mal überprüfen, ob denn das wirklich das neue Album der Arctic Monkeys oder eher obskure Aufnahmen aus der Popvergangenheit sind.

Aber ja, die Band aus der nordenglischen Industriestadt Sheffield, deren Mitglieder längst Teil der High Society in Los Angeles sind, klingt auf ihrem sechsten Album «Tranquility Base Hotel & Casino» wirklich unverschämt lässig und so gar nicht nach der Gruppe, die sie einst war. Doch was heisst das in ihrem Fall schon? Immer wieder verwandelten sich die Arctic Monkeys ja seit ihrer Gründung 2002: Erst waren sie die stürmische Indieband, die nach ihrem Debüt «Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not» rasch verglüht schien. Dann gaben sich Sänger Alex Turner und seine Komplizen als Wüstenrockcombo aus, wurden immer erfolgreicher, trugen Elvis-Haartollen, wurden noch grösser und kehren nun auf ihrem ersten Album seit fünf Jahren als schmierige Unterhalter in massgeschneiderten Designerklamotten zurück.

Doch dieses Schmierige: wie gut das ihnen steht! Nicht unbedingt auf den lächerlich wirkenden Bandfotos, die, als sie veröffentlicht wurden, in Onlineforen herzlich ausgelacht wurden.

Im «Tranquility Base Hotel & Casino», diesem gut ausgestatteten Ort auf einem leeren Planeten, klingt so vieles nach Retroseligkeit: Der Glamrock der 70er, die allerletzten Tage der Beatles, selbst Serge Gainsbourgs «Histoire de Melody Nelson» haben Spuren hinterlassen. Doch je weiter die Arctic Monkeys musikalisch in die Vergangenheit entrücken, desto deutlicher erzählt der erst 32-jährige Alex Turner von der Gegenwart. Und das Hotel, das zunächst ein friedlicher Rückzugsort für den ausgebrannten Rockstar war, verwandelt sich in ein Befindlichkeitskabinett der paranoiden Gegenwart.

Dort kann man dann schon mal auf dumme Gedanken kommen: «Dancing in my underpants / I’m gonna run for government», croont Turner etwa in «One Point Perspective». Sollte er nicht besser eine Coverband gründen? So dreht sich diese im besten Sinne seltsame und herrlich unterhaltende Platte, die bei anderen Bands ein hitloser Karrierekiller wäre, weiter ihre ganz entspannten Runden.

Arctic Monkeys:«Tranquility Base Hotel & Casino» (Domino/Irascible) (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 16:19 Uhr

Artikel zum Thema

Warpaint führen den psychedelischen Beweis

Die Band aus Los Angeles zerstäubte in der Roten Fabrik den Indierock. Mehr...

Ein Hoch auf die Niedergeschlagenheit

Die Gruppe Autobahn aus Leeds entsinnt sich der Musik ihrer schwerblütigen Vorfahren. No-Future-Allüren werden hier zu zeitgemässem Indierock. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Alle Bienen bitte hier entlang: In blumiger Tracht laufen Teilnehmer eines Umzuges anlässlich des Pfingsttreffens der Siebenbürger Sachsen durch das deutsche Dinkelsbühl. (20. Mai 2018)
(Bild: DPA/Timm Schamberger) Mehr...