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Gammelshake und Marihuana-Mantra

Der Sampler «Hippies, Hasch und Flower Power. 68er-Pop aus Deutschland» rollt die Geschichte der 68-er auf – in Form von Schlagern und Popsongs, die sich mit der Welt der langhaarigen Gammler, Demonstranten, Drogen und Miniröcken auseinandersetzen. Mit viel Verständnislosigkeit und unfreiwilliger Komik.

«Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden?» fragte Freddy Quinn 1966. Eine rhetorische Frage, die er gleich selber beantwortete: «Wir!» Mit dem rechtschaffenen Zorn und dem selbstgerechten Pathos des tugendhaften deutschen Spiessers sang Freddy Quinn wider den damaligen Zeitgeist an und gab der schweigenden und arbeitsamen Mehrheit eine Stimme: «Ihr gammelt herum in Parks und in Gassen / Wer kann Eure sinnlose Faulheit nicht fassen? – Wir! Wir! Wir! Wir!» Lange (und sehr zu Recht) war dieser reaktionäre Schmonzes vergessen, über den der Mann mit dem sonoren Organ vor einigen Jahren einräumte, er habe seinerzeit viel «Unfug» angerichtet. Nun ist Quinns Verbrechen auf Schallplatte wieder greifbar – auf dem Sammelalbum «Hippies, Hasch und Flower Power. 68er-Pop aus Deutschland» (Bear Family Music). Dieser musikalische Pflasterstein kommt gerade richtig als Schlussbouquet für die 40-Jahre-Feierlichkeiten von 1968 mit ihren immergleichen, alle zehn Jahre wieder aufgewärmten Festreden, Debatten und Polemiken. Er ist ein hübsches Abschiedsgeschenk für die hart am oder bereits im Pensionsalter stehenden 68-er (und natürlich auch für ihre Gegenspieler) und liefert ausserdem unverzichtbare Argumentationshilfen für künftige Diskussionen pro und kontra 1968 und seine Protagonisten. Verlauste Affen mit Gitarre Kaum hatten die Beatles die deutsche Schlagerwelt erschüttert, wühlte mit den Hippies (auf Deutsch: Gammler) schon der nächste jugendkulturelle Trend die Gesellschaft auf. Die Schlagerindustrie musste sich wehren – wusste aber nicht so recht wie. So erschienen zwischen 1966 und 1972 zahlreiche Lieder, in denen sich Schlagersternchen, Liedermacher und Popgruppen mit Gammlern, Drogen, Vietnam, Demonstrationen, exotischen Gurus, langen Haaren und kurzen Röcken auseinandersetzten, mal ablehnend, mal anbiedernd, vereinnahmend oder gar «aufklärerisch», meistens naiv, oft verständnislos und selten ohne unfreiwillige Komik. Westkritische Ostbarden «Hippies, Hasch und Flower Power» funktioniert wie eine Vollversammlung, in der der Herausgeber, der Rundfunk-Redaktor Marcus Heumann, alle Seiten ans Mikrofon lässt. So geht das in der raffiniert chronologisch und thematisch organisierten und mit amüsanten Begleittexten versehenen Liedersammlung hin und her und kreuz und quer durch jene bewegten Jahre. Eingeklemmt zwischen Freddy Quinn und Thomas Fritsche höhnt der stramme Protestbarde Franz Josef Degenhardt in «Vatis Argumente» gegen die Generation der Väter, und selbst westkritische Ostsänger kommen zu Wort: Der DDR-Schauspieler Manfred Krug prangert den Vietnam-Krieg an und ironisiert den studentischen Widerstand («Und eure Hippies werfen Blumen auf die Strassen / Eure Bomber in Vietnam werfen Tod»), und Hartmut König schildert in «Rot Rot Rot» die Polizeigewalt wider demonstrierende (West-)Studenten («Sie schicken ihre Polizei / Sie schlägt für sie die Freiheit frei / Sie schlägt für sie die Freiheit tot!»), ohne sich allerdings für diesen subversiven und unkontrollierten Kommunistenhaufen von ennet dem faschistischen Schutzwall wirklich erwärmen zu können. Zur selben Zeit schnitten sich auch Trittbrettfahrer mit Songs aus dem Musical «Hair» und anderen eingedeutschten Cover-Versionen («San Francisco») ein Stück vom Gammelkuchen ab oder zogen eifrig an der Hippie-Haschzigarette. Für die Modekritik war im Westen Wencke Myhre zuständig – bei ihr mutierte der Minirock zum psychedelisch durchgeknallten «Ding-Dong-Bama-Lama-Sing-Song-Teeny-Weeny-Flower-Power-Kleid», während die DDR-Musikanten Horst und Benno über einem flotten Beat eher nüchtern feststellten: «Der Minirock erobert sich die Damenwelt/Grad weil er aus dem Rahmen fällt/Geht jedes Mädchen gern sehr kurz und sehr modern.» Berauschte LSD-Kiffer Und natürlich geht es auch um Drogen. «Werdet high! werdet frei!» kreischte die Kinderpflegerin a.D. Gudrun «Su» Kramer in «Hare Krishna»; Insterburg und Co. rauchten LSD und spritzten Hasch (sic!), und im «Marihuana Mantra» bestätigten Kuno & The Marihuana Brass mit dem Refrain «Marihuana hei hei nananana», dass Drogen keine wirklich artikulationsfördernde Wirkung haben. Molotow Cocktail Party Da bleibt einem nur noch der Griff zum Moli, um diese Versammlung zu sprengen – am besten an der «Molotow Cocktail Party» des Fernseh-Paars Dietmar Schönherr und Vivi Bach: «Komm zur Molotow Cocktail Party/Und bring 'ne Tüte Dünger mit» forderten sie 1971 die künftigen RAF-Terroristen geradezu zu Taten auf. «Anarchisten und Faschisten /Monopolkapitalisten / Sind gebeten / Unsre Feten / Nur mit Sprengstoff zu betreten». Oder: «Delinquenten und Agenten /Plastikbombenproduzenten / Wird geraten / Die Granaten /Nicht im Barbecue zu braten.» Ein bizarrer Text, eine leicht anpsychedelisierte Bigband-Begleitung, diverse Explosionen und Detonationen, und alles vorgetragen mit einem verschwörerischen Pathos, von dem man aber nicht weiss, auf welcher Seite er zuschlagen will. Es ist klar: Auf «Hippies, Hasch und Flower Power» geht es nicht um zeitlose Klassiker der populären Musik. Es geht um Dokumente einer bewegten Zeit, und die musikalische Qualität bleibt bisweilen auf der Strecke. Andererseits: Selten hat eine streckenweise durchaus gruslige Liedersammlung soviel Spass gemacht – und einen derart hohen Erkenntnisgewinn gebracht. 40 Jahre später hören sich die meisten dieser Lieder an wie Parodien, und genau deshalb sollte diese CD in Zukunft vor jeder 1968er¬-Debatte abgespielt werden. Integral. Der gelungenste und im besten Sinn subversivste Song ist zweifellos Heidi Frankes «Die Blumen sind für Sie, Herr Polizist». Im Gewand eines harmlosen, fröhlich-bunten Pop-Schlagers macht sie sich über die Polizei lustig und wird im Lauf des Lieds immer bissiger und aktueller: «Wer steht stramm vor Prominenten/Wer spritzt Wasser auf Studenten/Wer macht den heissen Sommer in Berlin? Ja, sicher kennst Du ihn …» – Diese Single kam 1968 auf den Index sämtlicher Radiostationen und bedeutete das Ende von Heidi Frankes Karriere in der heilen Schlagerwelt.

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