Gänseblümchen-Folk und Valium-Blues

Gurtenfestival

Es ist Halbzeit auf dem Gurten. Zeit für eine musikalische Zwischenbilanz. Was taugte der Lieblings-Headliner der Gurtenmacher? Wie verdrogt soll man eine Bühne betreten? Und wie klingt Blues auf dem zweiten Bildungsweg?

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Ane Hebeisen

Wenn Conor Oberst zurückkehren wird, in seine Heimatstadt Ohama in Nebraska, wird er kaum Salbungsvolles erzählen, von seinem Auftritt am diesjährigen Gurtenfestival. Es wäre die typische Geschichte eines divaesken Künstlers, der vom Publikum nicht verstanden worden ist. Der Applaus ist das ganze Konzert über enden wollend. Wenn es denn überhaupt Applaus gibt. Die Orgel des Keyboarders macht immer wieder Schwierigkeiten, und Mitteilungsbedürfnis und Gesprächspegel des Publikums sind an diesem Donnerstagnachmittag dermassen hoch, dass an ein lauschiges Konzert nicht zu denken ist. Und so kommt es, wie es kommen muss. Conor Oberst wird zunehmend galliger, und am Ende spuckt er zornig ins Objektiv einer SRF-Kamera.

Musik und Drogen

Hoppla, ein kleiner Eklat bereits am vierten Konzert der Gurten-Affiche. Dabei hätte doch alles so gemütlich sein können. Die sinnsuchenden Folklieder des als Wunderkind der Indie-Szene gehandelten Herrn sind gleichzeitig schlau und von tieftraurigem Naturell, und sie würden sich prima eignen, um sich mit einem Gänseblümchen zwischen den Lippen im Weltschmerz zu suhlen. Nur mag das an diesem Nachmittag auf der Gurtenwiese niemand tun.

Etwas ganz anderes zwischen den Lippen hat wenig später der Rapper B-Real von den gloriosen Cypress Hill. Es ist – wenig überraschend – eine kunstvoll gedrehte Raucherware von bewusstseinsirritierender Fasson. Und hier ist das Publikum auf einmal hellwach. Man könnte die Welt nun ungerecht nennen, noch besser gibt man sich ganz einfach dem Spass hin, welchen die Mittevierziger aus Los Angeles da anzetteln.

Und natürlich könnte man auch wieder einmal die Frage aufwerfen, ob ein Hip-Hop-Act, der sich bloss aus zwei Rappern, einem mehrheitlich unterbeschäftigten Perkussionisten und einem Plattentellermann zusammensetzt, einen honorigen Festival-Beitrag darstellt. Im Falle von Cypress Hill kann man das nur bejahen. Die kernigen Beats der Amerikaner rollen dermassen geschmeidig und laid back ins Wohlfühlzentrum, dass es eine Schande wäre, würden sie von irgendeinem Studio-Schlagzeuger nachempfunden. Dass Cypress Hill seit fast 15 Jahren kein wirklich gutes Album gelungen ist, vermögen die Mannen gut zu kaschieren.

Zwischenzeitlich schimmert durch, dass sie sich von ihrem gemütlichen Kiffer-Hip-Hop ganz gerne entfernen würden, hin zu muskulöseren und brachialeren Spielarten. Doch es sind ihre prächtig gealterten Hymnen, die die Menschen und die Laune zum Hüpfen bringen. Die Erkenntnis des Tages: Exzessiver Marihuana-Konsum wirkt sich nicht zwingend ungünstig auf die Sprechgeschwindigkeit von Rappern aus.

Musik und Taumel

Nicht überliefert ist, mit welchen Substanzen der Sänger der Gruppe Milky Chance aus Kassel vor dem Gurtenauftritt experimentiert hat. Der Mann mit der Out-of-Bed-Frisur und der Out-of-Bed-Stimme legt eine derartig Grunge-artige Teilnahmslosigkeit an den Tag, dass die meistgehegten Mutmassungen in Richtung Valium gehen. Andere Thesen besagen, dass Herr Rehbein, wie der Mann mit bürgerlichem Namen heisst, auf wunderliche Art natural-born-stoned sein soll. Milky Chance, das sind diese Hippie-Jünger, die in jedem Festival-Kollateralbeitrag von Journalisten angehalten werden, ihren Schlager «Stolen Dance» in einer exklusiven Akustik-Version darzubringen. Doch Überraschung: Live ist da nichts mit Hippietum, bloss ein Laptop-Mann und besagter Sänger, der mal ein Banjo, mal eine Gitarre zupft.

Schön rudimentär ist die Elektronik gehalten, prima nachlässig geschrummelt die Gitarre. Und der Blues, der diesem Herrn Rehbein entweicht, würde selbst den hartgesottensten Baumwollpflücker in Hoffnungslosigkeit und Trübsinn stürzen. Das Gurtenpublikum stürzt dieses eintönige und doch sonderbar beglückende Konzert in einen regelrechten Taumel: Ein Teil taumelt noch während des Auftritts zur nächsten Bühne, der andere gibt sich wohlig taumelnd dieser Kasseler Schlurfigkeit hin.

Musik und Herzschmerz

Ach ja, der gute alte Gevatter Blues. Er hat seinen nächsten Auftritt am Konzert von Everlast, einer, der die Ursuppe der Popmusik auf dem zweiten Bildungsweg aufgesogen hat. Zuvor war er Vorsteher der Hip-Hop-Bastarde House of Pain, die mit ihrer Ode auf das Sprunggelenk «Jump Around» einen Titel erfunden haben, der noch heute in jedem anständigen Hip-Hop-Set gecovert wird (weshalb Everlast ebendiesen Titel am Vortag mit den Cypress Hill vortragen durfte). Er kommt mit noch weniger Personal als seine Hip-Hop-Freunde aus. Eine Holzgitarre und ein Pianist reichen ihm, um Entzücken zu entfachen. Seine Lieder handeln von Teufel, Himmel und Liebespein, seine Stimme sucht die Nähe zu Howlin’ Wolf, und seine Gitarrenriffs erinnern an gemütliche Abende im Pfadfinderlager. Zu behaupten, der Spannungsbogen seines Sets bleibe straff wie ein Flitzebogen, wäre übertrieben, doch Everlast gehört zu den angenehmen Erscheinungen der ersten Gurtenhälfte.

Dazu gehört auch Biffy Clyro, die Lieblingsband des Gurtenmachers Phi­lippe Cornu. Der Programmgestalter hat eine Vorliebe für Offroader-Rock, für wehende Haare zu ausladenden Melodiegitarren. Biffy Clyro mengen dem ziemlich vertrackte und staunenswert auf den Punkt gespielte Rock-Bosheiten hinzu. Alles in allem ist das eine sagenhaft gute Produktion – der Mann am Misch­pult beweist, dass die Tonanlage der Hauptbühne zünftig was drauf hat. Und die Songs? Nun ja, die changieren kurzweilig von meisterlicher Wucht zur Stadionrock-Allüre.

Und was gabs noch? Das John Buttler Trio mit einer Demonstration althergebrachter Folkmusikshandwerksskills, aber ziemlich einfältigem Liedgut. Bubi Eifach in erwarteter Pracht, aber etwas brav abgemischt. Stiller Has, körperlich ins Halbschwergewicht abgerutscht, aber gewichtig wie eh und je und The Kooks: Fröhlichpop, dem man nicht böse vorbeikommen mag.

Der Bund

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