Feel good und Fuck off

Sind die Toten Hosen noch Punk? Oder ist es Sophie Hunger? Wer hat dem Gurten ein historisches Stimmungstief beschert? Eine musikalische Gurtenfestival-Zwischenbilanz bei Halbzeit.

  • loading indicator
Ane Hebeisen

«Ist das noch Punkrock, wenn euer Lieblingslied in den Charts ist?», fragen Die Ärzte in einem ihrer neuesten Songs. Und sie liefern die Antwort auch gleich prompt hinterher: «Ich glaube nicht.»

Gut möglich, dass sie beim Dichten dieser Zeilen an die Befürworter der Gruppe Die Toten Hosen gedacht haben. Und die Frage ist berechtigt. So verteufelt erfolgreich wie die Band aus Düsseldorf ist derzeit im deutschsprachigen Raum höchstens noch der sonderbare Schlager-Finstermann von Unheilig. Und wenn man den Punk als eine zersetzende kreative Kraft begreift, die sich gegen den gesellschaftlichen Konsens auflehnt, dann ist diese deutschrockige Bierseligkeit, die die Hosen auf dem Gurten zelebrieren, sogar eine Art Antithese zum Punkrock.

Aber egal. Spass machts. Es herrscht das, was man gemeinhin als «ausgelassene Stimmung» bezeichnet, die Band ist gleich alt wie das Gurtenfestival, was gemeinhin als lustige Parallelität verstanden wird, und der Frontsänger Campino erzählt uns aus einer Welt, die sich hauptsächlich um Fussball, Gerstensaft, Party und Passivsport zu drehen scheint, was gemeinhin als ein bisschen pubertär empfunden wird. Doch weil Campino ein kerniger, kumpelhafter Typ ist, wird ihm das verziehen. Dass er sich in letzter Zeit ganz gerne auch als Komponist etwas gar plakativer Zusammengehörigkeits-Hymnen («An Tagen wie diesen», «Steh auf, wenn du am Boden bist») hervortut, wird ihm sogar ziemlich hoch angerechnet.

Auch auf dem Gurten. Die Menschen liegen sich bald hüpfend in den Armen, Pyros werden gezündet (was die grimmigen Broncos berechtigterweise in helle Aufregung versetzt). Bald ist nicht mehr ganz klar, was Schweiss, was verschüttetes Bier und was Freudentränenflüssigkeit ist. Die burschikose Stimmungsmannschaft bringt das textsichere Bern an den Rande des Kreislaufzusammenbruchs.

Müde Rebellen

Einen Tag zuvor, etwa zur gleichen Sendezeit, hat es an selbiger Stätte noch ganz anders ausgesehen. Der Black Rebel Motorcycle Club trieb seine Fuck-off-Attitüde etwas gar weit, woraus ein merklich lustloser Auftritt resultierte und vermutlich die drastischste Stimmungsbaisse in der 30-jährigen Geschichte der Gurtenfesitval-Hauptbühne. «The next Song you probably know. If not. Fuck it», lässt Peter Hayes einmal das Publikum wissen. Mehr ist da nicht.

Man könnte diese Verweigerung nun natürlich als wahres Rebellentum feiern, als Ausbund von Coolness und Gelichgültigkeit gegenüber der landläufigen Openair-Feel-Good-Einhelligkeit. Aber selbst das gelingt nicht. Schade um die tollen Songs dieser Band. Schade um den prominenten Sendeplatz. Selbst ein paar Broncos, die aufgrund des Bandnamens wohl dachten, hier gingen ein paar gleichgesinnte Motorrad-Club-Kollegen zu Werke, ziehen sich schnell wieder zur grimmigen Verrichtung ihres Tagwerks zurück in den Hinterbühnenbereich.

Anständig bleiben!

Nein, neue Fans hat diese Band nicht hinzugewonnen. Ein ganz klein bisschen besser ist es da der Gruppe Volbeat aus Kopenhagen ergangen. Und das sollte wohl auch so sein. Im November wollen die Gurten-Veranstalter die Band noch einmal im Zürcher Hallenstadion auftreten lassen, da kommt ein Headliner-Auftritt im Schaufenster des Gurtenfestivals ganz gelegen. Und was will man sagen? Volbeat praktizieren Heavy Metal unter dem Leitspruch: Hart sein und doch anständig bleiben. Währschaftes Rock-Handwerk ist das, die Musikwelt bringt das jedoch keinen Millimeter weiter – da werden Gitarrenriffs heruntergenudelt, die man in ähnlicher Fasson schon dutzendweise vernommen hat.

In den allerbesten Momenten gemahnen Volbeat ein bisschen an die schwerblütigen Alternativ-Rocker Life of Agony, doch um ernsthaft aufzuwühlen ermangelt es den Dänen dann vermutlich doch an wahrem Leidensdruck. Früher gefiel es dem Sänger noch, als eine Art Elvis-Imitator durch seine eigenen Stücke zu wandeln, das war immerhin noch originell. Diese Marotte hat er nun einer Allerwelts-Metal-Attitüde geopfert, die vom Gros des Gurten-Publikums mit ziemlicher Gleichgültigkeit goutiert wird. Trotzdem gibt sich der Frontmann Michael Schøn Poulsen erstaunt ob der Aufmerksamkeit, die ihm hier zuteil wird.

Blumenvasensolo

Doch wo soll man sonst hin? Zur besten Schweizer Band der Welt? Zu 77 Bombay Street? Die verpulvert als Hauptbühnen-Opener kurzerhand schon mal sämtliche geläufigen Openair-Animationstricks und wirkt in ihrer schmunzelnden Berechenbarkeit wie eine Landi-Variante von Mumford & Sons.

Oder zu Triggerfinger? Sie sind die eigentlichen Helden des ersten Konzerttages. Ihr Set ist zwar reichlich zerfahren, doch da gibt es immer wieder hübsche Finten in der rockigen Kantigkeit; ein Solo auf einer Blumenvase zum Beispiel hat man auf dem Gurten noch nicht allzu oft bewundern können. Und Triggerfinger zeichnen dafür verantwortlich, dass auf einmal alle den Song einer Künstlerin singen, die gar nicht auf dem Gurten anwesend ist. Die Triggerfinger-Coverversion von Lykke Lis «I Follow Rivers» war in einigen Ländern noch vor dem Original in den Hitparaden. Ein erster lauschig-schöner Moment des Gurten-Jahrgangs 2013.

Oder Kosheen? Die spielen zwar mehrheitlich noch immer ihre Ibiza-Drum’n’Bass-Klassiker von vor 12 Jahren. Die sind indes noch immer dermassen gut, dass die Freude daran weniger welk ist, als das Bühnen-Hochzeitskleid von Sängerin Sian Evans.

Steff La Cheffe? Sie bringt den Waldbühnen-Hoger mit ihrem aufgekratzten Sonnen-Hip-Pop ein erstes Mal gehörig ins Wackeln.

Schlechtes Timing

Doch vermutlich ist der wahre Punk zur Gurten-Halbzeit dann doch unsere Sophie Hunger aus Spiegel bei Bern – vom Gurtenhang sozusagen. Ihr kommt die mulmige Aufgabe zu, vor einer Übermacht an Toten-Hosen-Fans die Hauptbühne zu bespielen. Und wer es wagt, in einem solchen kunstfeindlichen Umfeld Posaunen-Soli und avantgardistische Piano-Dissonanzen einzustreuen, der hat im Minimum die Nomination für den Prix Chapeaux verdient.

Sophie Hunger in der Openair-Ausgabe hat zwar nur noch am Rande mit der Sophie Hunger zu tun, die vor einigen Jahren mit einer selten zuvor gehörten Fragilität und Subtilität die Popwelt eroberte. Ihre Lieder sind muskulöser geworden, Muskeln, ohne die ihre Kunst womöglich mit den einsetzenden Winden vom Berg gefegt worden wäre.

Doch zauberhaft ist das noch immer, nonkonform auch noch ein bisschen. Doch zu behaupten, das Gurten-Publikum sei ihr zu Füssen gelegen, wäre dann doch etwas vermessen. Und just als sie zum leisen A-Capella-Outro ansetzt, kurvt auch noch Jimy Hofer mit seinem himmelblauen Helikopter über die Gurten-Anlage. Schlechtes Timing – in mannigfaltiger Hinsicht.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt